Gefangene Sektenkinder

09. August 2012 09:46; Akt: 09.08.2012 11:51 Print

Kein Arzt, kein Lehrer, keine frische Luft

Über zehn Jahre lebte eine muslimische Sekte unter der Erde – unter ihnen über 20 Kinder, die das Tageslicht nie sahen. Nun müssen sich Sektenführer und Eltern vor Gericht verantworten.

Einige der gefangenen Kinder hatten noch nie Sonnelicht gesehen. (Video: YouTube/AP)

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Eine russische Sekte hat mit mehr als 20 Kindern jahrelang ohne Sonnenlicht, Heizung und Strom in einem unterirdischen Bunkersystem gelebt. «Die Kinder sind nie zur Schule gegangen und waren kaum über der Erde», teilten die Behörden in der Stadt Kasan der Zeitung «Komsomolskaja Prawda» zufolge mit. «Sie waren schmutzig, trugen Lumpen und wurden nie von Ärzten untersucht. Die rund 70 Mitglieder lebten mehr als zehn Jahre in den zellenartigen Wohnräumen, die bis zu sieben Stockwerke tief unter die Erde gebaut worden waren.

Die Kinder sind nach Medienangaben zwischen 18 Monaten und 17 Jahren alt. Sie kamen in Kliniken und sollen dann in Waisenhäusern betreut werden, wie der Kinderschutzbeauftragte der Regierung, Pawel Astachow, der Agentur Ria Nowosti sagte.

Mit Weltuntergang gedroht

Die Behörden in der muslimisch geprägten Teilrepublik Tatarstan ermitteln gegen den 83 Jahre alten Sektenchef Faisrachman Satarow, weil er «das Recht in die eigene Hand genommen hat». Den Eltern drohen Verfahren wegen der Misshandlung Schutzbefohlener. Festnahmen gab es zunächst nicht.

Satarows Anhänger in der Wolga-Stadt Kasan - rund 800 Kilometer östlich von Moskau - drohen der «Komsomolskaja Prawda» zufolge, den Weltuntergang heraufzubeschwören, falls ihnen die Behörden nicht ihre Kinder zurückgeben. Auch gegen den angekündigten Abriss des illegal gebauten Hauses ihres «Propheten» kündigten sie Widerstand an.

Abschottung wegen Schulden

Die «Faisrachmanisten» hätten sich bereits 2001 von der Außenwelt abgeschottet, schrieb das Blatt. Der Grund war angeblich durchaus weltlich: Die Gemeinschaft habe hohe Schulden gehabt.

Auf dem von Mauern umgebenen Gelände nahe einer Bahnstrecke steht eine kleine Moschee. Zudem verfüge die Sekte über eine Dieselstation und sogar eigene Brunnen. Die Frauen hätten ihre Kinder auf dem Gelände geboren. Unterricht gab der selbst ernannte Prophet Satarow. Seine Anhänger durften - bis auf wenige Ausnahmen - das Gelände nicht verlassen und keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen.

Spezialkommando stürmt Gelände

Satarow erklärte sich Medien zufolge Ende der 1980er Jahre zum Propheten. Nachdem er 1996 das etwa 700 Quadratmeter große Gelände am Stadtrand von Kasan gekauft hatte, befahl Satarow seinen Jüngern, dort das unterirdische Zellensystem zu errichten.

Die Behörden waren auf den Fall aufmerksam geworden, als ein Spezialkommando wegen Ermittlungen in einem Mord an einem muslimischen Geistlichen das Gelände stürmte. Der Verdacht auf Terrorismus bestätigte sich zunächst nicht.

Kasan liegt rund 800 Kilometer östlich von Moskau

(L'essentiel Online/dpa)

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