Regierungsjubiläum

21. Dezember 2012 09:58; Akt: 21.12.2012 12:43 Print

«Ich wollte nie Berufspolitiker werden»

LUXEMBURG - Jean-Claude Juncker ist seit fast 18 Jahren Premierminister, trägt den Beinamen «Mister Euro» und wollte eigentlich etwas ganz anderes werden.

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Juncker versucht derzeit, seinen Job als «Mister Euro» loszuwerden:

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Dabei hatte der Staatsminister eigentlich keine politische Karriere geplant. «Ich wollte nie Berufspolitiker werden», sagt der 58-Jährige. «Aber ich kann vom Karriereverlauf her nicht abstreiten, dass ich das geworden bin.» Am Freitag feiert der Staatsminister sein 30. Regierungsjubiläum: Am 21. Dezember 1982 wurde Juncker unter Premierminister Pierre Werner als Staatssekretär für Arbeit und soziale Sicherheit vereidigt. Ursprünglich wollte er Rechtsanwalt werden.

Doch für Politik hat sich Juncker schon als Kind interessiert. «Mein Vater hat mich angehalten, so ab sieben, acht (Jahren) Zeitung zu lesen. Und hat das auch abgefragt, auf eine legere Art und Weise», erzählt er. Sein Vater war Hüttenwerkspolizist und Gewerkschafter. «Und wenn der seine Kollegen in der Küche zusammenrottete, habe ich aufmerksam zugehört.» Juncker war Mitglied der christlichen Gewerkschaft, bevor er 1974 in die Christlich Soziale Volkspartei CSV eintrat.

«Ich konnte nicht von Bord gehen»

Nach dem Abitur studierte Juncker in Straßburg Jura. Dass er nie als Rechtsanwalt gearbeitet habe, bedauert er im Nachhinein. «Weil ich eigentlich gerne ein bisschen Berufsweg gehabt hätte, bevor ich in die Politik überwechselte.»

Dann aber sei er in die Regierung berufen worden. Und später «immer wieder gewählt worden. Da konnte ich nicht von Bord gehen», sagt er. Juncker ist seit Januar 1995 Premierminister. Und kein bisschen müde: «Bei den Parlamentswahlen 2014 werde ich wieder antreten», sagt er.

«Sofortismus Mediengesellschaft»

Politik habe sich in den vergangenen 30 Jahren «fundamental verändert». Früher konnte man als Politiker Dinge noch erklären, sagt er. Heute gebe es nicht nur eine Krise, sondern eine «Polykrise, eine mehrschichtige Krise, die von den USA ausgehend plötzlich die ganze entwickelte Ökonomie weltweit erreicht». Da müsse man «vielschichtiger» erklären. «Und zwar so lange, dass eigentlich niemand mehr zuhört.»

Die Gefahr in der heutigen «Sofortismus-medialen Gesellschaft» sei, «nicht in eine sloganmäßige Betrachtungsweise zu verfallen und mit Fangwörtern die Menschen auf Trab zu bringen». Politiker seien heute viel mehr zu Oberflächlichkeit gezwungen als früher. «Ich verzweifele eigentlich daran, dass man sich nicht mehr erklären kann.»

Was in 30 Jahren Politik sein größtes Verdienst sei? «Ich halte die Vorbereitung des Maastrichter Vertrages und dessen Unterzeichnung für einen sehr früh stattgefundenen Höhepunkt meines Werdegangs», sagt der Premier. In dem Vertrag vom Februar 1992 wurden die Weichen für die Wirtschafts- und Währungsunion in der EU gestellt. Seit 2005 ist Juncker auch Vorsitzender der Eurogruppe - ein Amt, das er aber Ende Januar 2013 abgibt.

«Man hört auf kleine Länder deshalb, weil sie große Ohren brauchen»

Ob es Fehler gab? «Ich glaube, wir haben irgendwann in Europa den Moment verpasst, wo man die europäische Erzählung ändern muss», sagt Juncker. Man müsse Europa «existenziell» erklären: Als Haus, in dem es keinen Krieg mehr gibt - und in dem man zusammensteht, «weil wir immer weniger werden». Anfang des Jahrhunderts machten die Europäer noch 20 Prozent der Weltbevölkerung aus - Ende des Jahrhunderts werden es noch vier Prozent sein, sagt er. «Und ich bleibe bei der Auffassung: Frieden ist nie sicher. Das ist nicht ein Jahrhundertwerk, sondern Tagwerk.»

Das Regieren in Luxemburg ist seinen Worten nach etwas Besonderes: «Der Vorzug des Politikerdaseins in Luxemburg im Regierungsamt ist, dass man sich frei bewegen kann, und dass die Menschen einen auf der Straße ansprechen, nachdem sie einen gestoppt haben», sagt Juncker. So teilten Menschen ihm Dinge mit, die er sonst nie erfahren würde. «Man muss sich als luxemburgischer Premierminister schon sehr anstrengen, um abzuheben. Die Menschen verhindern das.»

Luxemburg sei als kleines Land in der EU sehr wichtig. «Ich glaube, man hört auf kleine Länder deshalb, weil sie große Ohren brauchen», sagt er. Größere Länder hätten mit «so viel Krach und Lärm im eigenen Land zu tun, dass Wortmeldungen aus den Nachbarländern kaum hörbar zu ihnen vordringen». Wenn man sich als kleines Land aber im europäischen Konzert einbringen müsse, müsse man vieles aufnehmen, das um einen herum passiere.

«Es verschwinden dauern Dinge»

30 Jahre Politiker zu sein, bedeute: «Man wird wesentlich gelassener, unaufgeregter», sagt Juncker. Auch, weil «es alles irgendwann schon mal irgendwie gegeben hat». Er habe natürlich auch Momente im Leben gehabt, in denen er sich danach gesehnt habe, etwas anderes als Politik zu machen. «Die waren aber nie langanhaltend.»

Für seine Verdienste ist Juncker schon zigfach mit Preisen geehrt worden. Wo er die Auszeichnungen aufbewahrt? «Sie stehen herum, in meiner Wohnung und auch in meinem Büro. Eine Kleiderordnung gibt es aber nicht», sagt er. Insgesamt sei er ein «sehr unordentlicher Mensch». «Ich verliere vieles. Es verschwinden dauernd Dinge.» Oft finde er Sachen nach Jahren wieder, von denen er nicht gewusst habe, dass er sie hatte.

Wie wird am Freitag gefeiert?

Wie er am 21. Dezember feiert? «Es ist für mich kein Jubiläum, sondern ein Jahrestag, der mich beeindruckt, aber nicht umwirft», sagt er. «Ein normaler Arbeitstag: Kabinettssitzung morgens und nachmittags Pressekonferenz oder normales Freitagsgeschäft.»

( L'essentiel Online / dpa)

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