Beschneidung in den USA

06. Oktober 2011 11:57; Akt: 06.10.2011 12:05 Print

Gouverneur stoppt den «Vorhaut-​​Mann»

Mit einer Bürgerinitiative wollte ein Kalifornier die Beschneidung von kleinen Jungs verbieten. Dazu entwarf er einen Comic – und löste damit eine Antisemitismus-Debatte aus.

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Zwei Ausgaben von «Foreskin Man». Links das als antisemitisch empfundene Cover.

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Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown hat für den Kampf gegen die Beschneidung männlicher Neugeborener nichts übrig. Am Sonntag setzte er mit seiner Unterschrift ein Gesetz in Kraft, das den Städten und Gemeinden im grössten US-Gliedstaat untersagt, die Entfernung der Penis-Vorhaut bei Babys zu verbieten. Solche Verbote widersprächen dem Grundrecht auf «persönliche, medizinische und religiöse Freiheit», argumentieren die Befürworter des Gesetzes.

Das sieht Matthew Hess anders. «Kalifornien hat einen grossen Schritt rückwärts gemacht», sagte Hess, der als Präsident der Organisation «Male Genital Mutilation Bill» den Kampf gegen die «Genitalverstümmelung beim Mann» anführt. Für Hess ist die Beschneidung ein «chirurgischer Eingriff, welcher der Entscheidung eines Erwachsenen überlassen werden sollte. Er sollte keiner Person aufgezwungen werden, weder einer männlichen noch weiblichen.»

«Antisemitische Bilder»

Hess und seine Mitstreiter sind jetzt wieder weit von ihrem Ziel entfernt, die nach ihrer Auffassung «schmerzhafte und sexuell schädigende Praxis» zu verbieten. Noch im Frühjahr wähnten sie sich auf gutem Weg. Zur Verblüffung ganz Amerikas gelang es ihnen, in San Francisco die für eine Volksinitiative nötigen gut 7000 Unterschriften zu sammeln. Es sah so aus, als würden die Wähler in der für soziale Experimente bekannten Stadt im November über ein Beschneidungsverbot abstimmen.

Doch dann beging Hess einen Fehler. Um sein Anliegen unter die Leute zu bringen, veröffentlichte er einen Online-Comic mit dem Titel «Foreskin Man», worin der als blonder Superman gezeichnete «Vorhaut-Mann» neugeborene Knaben vor der Beschneidung schützt. Die zweite Episode hieß «Monster Mohels» und zeigte die bösen Beschneider (Mohels) als orthodoxe Rabbiner in schwarzer Tracht. Die Proteste ließen nicht auf sich warten. Sofort rügte die jüdische Anti-Defamation League den Comic als «respektlos und tief beleidigend», nannte ihn eine Ansammlung von «grotesk antisemitischen Bildern und Themen.»

Richterin annulliert Abstimmung

Damit ging dem Anliegen die Legitimität verloren. In Kaliforniens Hauptstadt Sacramento wurde das nun eingeführte Gesetz gegen Beschneidungsverbote eingebracht. In Santa Monica gab eine Gesinnungsgenossin von Hess das Vorhaben auf, 2012 ein ähnliches Verbot über eine Volksabstimmung einzuführen. Schließlich hieß in San Francisco eine Richterin die Klage von Befürwortern der Beschneidung gut. Die Regelung medizinischer Prozeduren sei Aufgabe des Gliedstaats, nicht der einzelnen Städte, urteilte die Richterin und annullierte die Abstimmung.

Die Emotionen kochten hoch, weil die Beschneidung im jüdischen Glauben eine zentrale Bedeutung hat. Nach dem Alten Testament schloss Gott mit Abraham einen Bund unter der Bedingung, dass alle Knaben beschnitten werden. Aus diesem Grund wird bei männlichen Neugeborenen jüdischer Abkunft zu weit über 90 Prozent die Vorhaut entfernt, in der Regel am achten Lebenstag. In der Nazizeit separierten Hitlers Schergen Juden von Nichtjuden mit einem kurzen Blick auf den Penis.

«Die Sexualität beschädigt»

Das prüde Amerika bejahte die Beschneidung aber auch als Mittel gegen Masturbation. «Sie hat meine Sexualität beschädigt», sagt der Vorkämpfer Hess. Als Endzwanziger habe er immer weniger Lust empfunden, und daran sei der Verlust seiner Vorhaut schuld. Jetzt widme er sein Leben dem Ziel, andere vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. «Wir wollen nicht antisemitisch sein», sagte er dem «San Francisco Chronicle», «wir wollen pro Menschenrechte sein.»

Ein Trost für Hess mag sein, dass auch ohne seine Initiative die Beschneidung von Knaben in den USA an Popularität einbüßt. Ein wichtiger Grund dafür ist banal: In immer mehr Bundesstaaten wird die Prozedur aus Kostengründen von der Krankenversicherung für Minderbemittelte nicht mehr übernommen. In den 16 Staaten, wo Eltern selbst dafür aufkommen müssen, nahm die Beschneidungsquote um 24 Prozent ab.

L'essentiel Online/Martin Sutter

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