Mindesteinkommen

19. Dezember 2014 14:54; Akt: 22.12.2014 10:22 Print

«Ich habe Angst um meine Kinder»

LUXEMBURG - Fast 1500 Euro kostet die durchschnittliche Miete für eine 2-Zimmer-Wohnung. Wie sollen RMG-Empfänger das bezahlen? Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

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1459 Euro – so viel beträgt laut dem Observatoire de l’Habitat der luxemburgischen Regierung die durchschnittliche Miete in Luxemburg für eine Wohnung mit zwei Zimmern. Mieten in dieser Höhe treffen vor allem diejenigen, die sowieso wenig haben: die 20.226 Menschen in Luxemburg, die vom Mindesteinkommen RMG («Revenu minimum garanti») abhängig sind. Exakt 1348,18 Euro RMG brutto bekommt eine Einzelperson, 2022,27 Euro ein arbeitsloses Paar. Bezahlt der Haushalt Miete, gibt es einen Zuschuss: 123,95 Euro.

Die Caritas Luxemburg fordert deshalb, dass der Staat den RMG an die immer höheren Preise auf dem Luxemburger Wohnungsmarkt anpasst. «Wer eine hohe Miete hat, dem bleibt zu wenig», sagte Caritas-Sprecher Robert Urbé.

L’essentiel hat mit den RMG-Empfängerinnen Charlotte, Anne und Sophie* gesprochen, die in einer Wieder-eingliederungsmaßnahme der Caritas arbeiten: Der «Eilerenger Wäschbur», einer Wäscherei in Ehrleringen. Wie dramatisch ist die Lage?

Anne

Anne (24) wohnt in einem Appartement der Wohnungshilfe in Differdingen. Ein Schlafzimmer, Küche, Bad. Ihr Sozialarbeiter hat ihr die Wohnung vermittelt. «Aber ich wurde nur genommen, weil ich vorher auf der Straße gelebt habe», sagt sie. Das Problem: Anne darf hier nur maximal drei Jahre wohnen. Und die sind bald vorbei. Deshalb ist sie jetzt wieder auf der Suche. In Belval hat sie sich vor kurzem eine Wohnung angeschaut: 80 Quadratmeter, zwei Zimmer. Dort könnte auch ihre siebenjährige Tochter wohnen, die jetzt bei Annes Ex-Freund untergekommen ist. Aber die Kosten sind zu hoch: 1600 Euro warm. «Dann ist mein RMG komplett weg», sagt Anne. Sie ist verzweifelt. «Es gibt niemanden, der Leute mit RMG haben will. Dabei ist der RMG viel sicherer als ein Gehalt», sagt sie. Auch die Chancen, eine Sozialwohnung zu bekommen, hat sie inzwischen abgeschrieben. Es gäbe keine Wohnung über den «Fonds du Logement» ohne lange Warteliste. Dabei stünden viele der Appartements leer. Muss Anne bald wieder auf der Straße leben?

«Die meisten Sozialwohnungen, die von den öffentlichen Bauträgern, Vereinen oder Stiftungen angeboten werden, sind belegt», sagt eine Sprecherin des Ministeriums für Wohnungsbau. Zudem gebe es «ziemlich lange Wartelisten» für solche Wohnungen. Die Regierung sei sich der Tatsache bewusst, dass das Angebot erhöht werden muss.

Charlotte

«Seit ich 19 bin, bekomme ich RMG», sagt Charlotte. Die 46-Jährige arbeitet seit drei Jahren bei der «Wäschbur». Davor war sie Verkäuferin an einer Tankstelle. Eine Arbeit, die ihr viel Spaß gemacht hat. Aber Charlotte leidet an schwerem Asthma und Ekzemen. Ihre Krankheit wird schlimmer, je mehr Stress sie hat. «Ich war schon krank, als ich auf die Welt kam», sagt die Frau aus Differdingen. «Aber ich will arbeiten. Schon, um unter die Leute zu kommen.» Charlotte ist Witwe und hat drei Kinder, das älteste ist 23 Jahre alt, das jüngste 16.

Charlotte hat Glück. Sie wohnt mit ihren Kindern in einem kleinen Haus des «Fonds du Logement» - des sozialen Wohnungsbaus – in Differdingen. Für die 70 Quadratmeter bezahlt sie 650 Euro im Monat. Ein absolutes Schnäppchen für luxemburgische Verhältnisse. «Es ist ein kleines Häuschen. Aber es ist ein Häuschen», sagt Charlotte.

Bei der «Wäschbur» arbeitet sie nur in Teilzeit. Das hat einen Grund: Denn sobald sie mehr Geld verdient, würde sie finanzielle Probleme bekommen. «Wenn ich zu viel arbeite, wird meine Witwenrente gekürzt. Und die Miete erhöht.» Nur in der Bude hocken will sie aber dennoch nicht. «Ich komme für mich hierher», sagt sie. «Um zu sagen: Ich gehe arbeiten.»

39 Millionen Euro hat die Regierung 2014 für den sozialen und subventionierten Wohnungsbau ausgegeben. «Für das kommende Jahr sind fast 54 Millionen Euro vorgesehen», erklärt das Wohnungsbau-Ministerium. «Mit diesem Budget werden vor allem Projekte der öffentlichen Bauträger sowie der Gemeinden subventioniert.» 54 Millionen Euro – wie viele Wohnungen lassen sich davon in Luxemburg bauen? «Es gibt keinen Einheitsbaupreis für eine Sozialwohnung», so die Antwort aus dem Ministerium. Allein das neue Lyzeum in Junglinster hat 94 Millionen Euro gekostet. Das neue Krankenhaus in Luxemburg-Stadt soll 364 Millionen Euro kosten. Für ihren Nato-Satelliten gibt die Regierung in den kommenden Jahren mehr als 100 Millionen Euro aus.

Sophie

Sophie arbeitet sechs Stunden pro Tag in der «Wäschbur». «Ab 15 Uhr bin ich zu Hause», sagt sie. Das muss sie auch: Die 24-Jährige ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, ihr siebenjähriger Sohn leidet unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ADS. Sie muss oft zum Arzt mit ihm. «Normale Chefs haben dafür kein Verständnis», sagt sie. Dennoch sucht sie einen Job. Und natürlich eine neue Wohnung. Derzeit lebt sie mit ihren beiden Kindern, zwei Hunden, mehreren Katzen, Fischen und einem Gecko auf 50 m² in einer Gemeindewohnung in Sassenheim. Die Wohnung ist günstig - 272 Euro bezahlt sie – aber zu klein. Viel Erfolg hat sie bei der Suche nach etwas größerem noch nicht gehabt: «Entweder wollen die Vermieter keine Kinder oder keine Hunde», sagt sie. Wobei die Kinder für viele Eigentümer das größere Problem darstellten. Am liebsten würde sie in ein kleines Häuschen ziehen. Aber so etwas bekäme sie nicht, mit ihrem RMG-Arbeitsvertrag. «Das bloße Überleben ist schwer», sagt Sophie. Wie soll man da für zwei oder drei Monatsmieten Kaution aufkommen? Oder eine Einbauküche bezahlen? «Ich habe Angst um meine Kinder», murmelt sie verbittert.

In den kommenden Jahren soll das Budget für den Wohnungsbau aufgestockt werden: Von 54 Millionen Euro in 2015 auf 75 Millionen Euro in 2016. 74 Millionen sind für 2017 eingeplant. Ob das die Situation der RMG-Empfänger merklich verbessert, ist fraglich. Deshalb hat die Koalition in ihrem Regierungsprogramm 2013 angekündigt, das Mindesteinkommen zu überarbeiten. Dafür soll der RMG in verschiedene Komponenten aufgeteilt werden – unter anderem für die Miete. Bis jetzt hat sich jedoch noch nicht viel getan. «Das Gesetz wird derzeit vom Ministerium erarbeitet», sagt ein Sprecher des Familienministeriums.

Anne, Sophie und Charlotte sind drei Beispiele für die Schwierigkeiten, mit denen Wenigverdiener im wohlhabenden Luxemburg kämpfen. Auch für Menschen mit befristeten Arbeitsverhältnissen ist es alles andere als leicht, eine Wohnung zu bekommen. Jene Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, haben es noch schwerer.

(Tobias Senzig/L'essentiel)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jang am 19.12.2014 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    een deen Hönn Katzen Fësch an Gecko huet deen as nit aarm

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  • Jämp am 19.12.2014 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Sophie > neben 2 Kindern auch 2HUNDEN, mehrere KATZEN und FISCHE....dazu keinen weiteren Kommentar !!

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  • Tierschützer am 19.12.2014 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    An enger 50m2 Wunneng niewend 2 Kannach nach "2 Hënn...vill Katzen a Fesch"...do fällt mar keng méi an )))

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Die neusten Leser-Kommentare

  • irgendeen am 20.12.2014 22:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jämp, vergiess den Gecko net. Dei Fraa sollt mol nach eng keier iwer hier Prioriteiten am Liewen nodenken. Ech verdengen alleng mei wei daat Sophie an kommen sou gudd iwer d'ronnen, mais en Hond deen ech och schon seit Joeren well hun ech trotzdem nach net well ech wees waat een kascht an soulaang meng Paye net grouss genuch ass vir och spontan Noutoperatiounen asw decken ze kennen adopteieren ech och keen. Dei Fraa ass einfach verantwortungslos.

  • ken am 19.12.2014 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hunn vun engem heieren deen och esou vunn enger gratis kaart profiteiert fir mam bus an Zuch ze fueren dei dii RMG kreien deen awer geschwenn sain Appartement oofbezuelt huett en gelt awer als économiquement faible So kenn ech nemmen staunen

  • Jang am 19.12.2014 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    een deen Hönn Katzen Fësch an Gecko huet deen as nit aarm

    • Georges Huberty am 19.12.2014 18:35 Report Diesen Beitrag melden

      Verleiert een d'Recht, wi en normale Mensch ze liewe wann een op RMG ugewiesen ass?

    • Jemp Muller am 19.12.2014 19:02 Report Diesen Beitrag melden

      Een "normale" Mënsch huet net méi Déiere wéi e sech leeschte kann. Dat do gesäit mer no "Tiermessi" aus

    • Stephanie am 21.12.2014 10:25 Report Diesen Beitrag melden

      nee Georges Huberty, mee dann muss een Prioritéiten setzen... Déiren kaschten Geld, wann se krank gin, ganz vill Geld !! kann dat och net novollzéihen.. deet mer leed

    • Petra am 23.12.2014 11:09 Report Diesen Beitrag melden

      Ech kann dem Stephanie nëmme Recht ginn: RMG, keng anstänneg Wunneng, 2 Kanner an awer masseg Soue fir x Déieren ze ënnerhalen?! Sorry, do klappt awer eppes net.

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  • Tierschützer am 19.12.2014 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    An enger 50m2 Wunneng niewend 2 Kannach nach "2 Hënn...vill Katzen a Fesch"...do fällt mar keng méi an )))

    • SYLVIE am 20.12.2014 16:31 Report Diesen Beitrag melden

      SORRY HUN DEI RECHT OP DEIEREN ???? WELL DEI GIN HEINENSDO BESSER BEHANDELT WEI BEI ANNER LEIT !!!!!!!

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  • Jämp am 19.12.2014 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Sophie > neben 2 Kindern auch 2HUNDEN, mehrere KATZEN und FISCHE....dazu keinen weiteren Kommentar !!

    • SYLVIE am 20.12.2014 16:32 Report Diesen Beitrag melden

      FIRWAAT EMER DEI FLASCHE BEURDELLUNG !!!!!!

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