Ordnungswidriges Tanzen

28. März 2013 16:32; Akt: 28.03.2013 17:10 Print

Gesetzliche Spaßbremse zu Ostern

TRIER - Seit Donnerstag 4 Uhr gilt in Rheinland-Pfalz wieder ein Tanzverbot. Eine gesetzliche Schikane auf religiöser Grundlage, die auf immer mehr Kritik stößt.

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Tanzen als Ausdruck von Lebenslust und sinnliches Vergnügen: Eine an sich harmlose Angelegenheit, die jedes Jahr vor allem um Ostern die Gemüter in Deutschland erhitzt. In vielen Bundesländern greift nämlich dann die so genannte Gesetzgebung «zum Schutz der Sonn- und Feiertage», die das Recht gläubiger Bürger auf «seelische Erhebung» wahren soll (siehe Kasten). Das (gesetzlich nicht verbriefte) Recht nicht-religiöser Bürger, sich an einem verlängerten Wochenende auf einer Tanzveranstaltung zu amüsieren, bleibt dabei auf der Strecke.

Konkret bedeutet das in Rheinland-Pfalz: Zwischen 4 Uhr am Gründonnerstag und 16 Uhr am Ostersonntag sind «öffentliche Tanzveranstaltungen» verboten. Bei Zuwiderhandlung droht dem Veranstalter erst eine Verwarnung, dann ein Geldbuße in unterschiedlicher Höhe «je nachdem, welche Ordnungswidrigkeiten festgestellt wurden», wie es auf Anfrage bei der Stadt Trier heißt. Das Ordnungsamt habe nur acht bis zehn Mitarbeiter, so dass man statt systematischer Kontrollen eher auf Beschwerden reagiere. Bei einer Kontrolle weise man den Veranstalter auf die Ordnungswidrigkeit hin, ein Verstoß werde dann erst festgestellt, wenn Uneinsichtigkeit bestehe.

Wachsender Widerstand gegen konservative Haltung

Die rot-grüne Landesregierung steht nach wie vor hinter dem Gesetz, obwohl sich auch in anderen Bundesländern seit Jahren heftige Kritik regt. So beschloss der Bremer Landtag erst am 19. März dieses Jahres, die Bestimmungen zum Schutz der Sonn- und Feiertage zu lockern - in der freien Hansestadt darf künftig am Totensonntag und am Karfreitag schon ab 17 beziehungsweise 21 Uhr getanzt werden.

In Baden-Württemberg wollen die Nachwuchsgruppen der regierenden Parteien Grüne und SPD das Tanzverbot kippen. Am Karfreitag wollen Grüne, Atheisten und Piraten in Frankfurt, Gießen und Kassel gegen die verordnete Party-Blockade protestieren.

«Tanz ist Esperanto mit dem ganzen Körper»

Auch in Trier regt sich ziviler Ungehorsam gegen das Tanzverbot. Unter dem Event-Namen «Tanzgebot 2013» rufen anonyme Veranstalter für Karsamstag zu einem Tanz-Flashmob auf dem Domfreihof auf. Die Teilnehmer sollen mit Kopfhörern zu ihrer eigenen Musik tanzend ihren Unmut kundtun. Die Organisatoren weisen darauf hin, dass die Thematik letzten Endes unabhängig von Glaubensfragen oder der politischen Zugehörigkeit sei: «Es gibt sicher Atheisten und Agnostiker, die zur Gattung der Tanzmuffel zählen, sowie es auch gläubige CDU-Wähler gibt, die an Ostern die Messe besuchen, aber trotzdem nicht befürchten müssen, vom Blitz getroffen zu werden, wenn sie sich zu schöner Musik bewegen.»

Die Veranstaltung, die erstmals 2012 stattfand, richte sich «an jeden, der sich dem Tanze verbunden fühlt und sich in seinem Freiheits- und Selbstbestimmungsrecht nicht einschränken lassen möchte.»

In Anbetracht der Gesetzeslage, die lediglich «der Unterhaltung dienende öffentliche Veranstaltungen und Darbietungen» verbiete, sofern nicht «ein höheres Interesse der Kunst, der Wissenschaft oder der Volksbildung» vorliege, unterstreichen die Veranstalter des Flashmobs augenzwinkernd die Rechtmäßigkeit ihres Vorgehens: «Der Tanz gilt gemeinhin als darstellende Kunstgattung. Fred Astaire meinte einst, der Tanz sei ‘Esperanto mit dem ganzen Körper’. Zur Völkerverständigung sowie zur Volksbildung braucht es Kommunikation, daher laden wir die Leute dazu ein, tanzend mit uns in Verbindung zu treten.»

Eine Initiative, der sich auch Florian Chefai, Sprecher der Trierer Hochschulgruppe der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung, anschließt: «Das bestehende Tanzverbot widerspricht schon in seinen Ansätzen den Grundwerten eines säkularen Staates. Ein religiöser Feiertag, an dem Unterhaltungs- und Tanzveranstaltungen unter Androhung einer Geldstrafe gesetzlich verboten sind, ist in unseren Augen nicht annehmbar. Natürlich sollen unsere christlichen Mitbürger nicht daran gehindert werden, einen ihrer höchsten Feiertage ungestört zu begehen. Doch keineswegs dürfen dadurch Nicht- oder Andersgläubige in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Wir unterstützen daher Tanz-Flashmobs und andere öffentlichkeitswirksame Aktionen, die diesen Missstand anprangern.»

(L'essentiel Online/Michel Thiel)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike Welter am 29.03.2013 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Die spinnen ja, die Rheinland-Pfälzer !!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike Welter am 29.03.2013 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Die spinnen ja, die Rheinland-Pfälzer !!!