Teufelskreis

24. Oktober 2016 19:41; Akt: 24.10.2016 19:41 Print

Flüchtlingskrise lösen? Auf Fisch verzichten

Der «Weltspiegel» zeigt den perfiden Teufelskreis zwischen Migration, Entwicklungshilfe und EU-Politik auf.

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Derzeit läuft die Räumung des berüchtigten Flüchtlingslagers von Calais. Hunderte Busse erreichten das Camp, um die Flüchtlinge auf andere Zentren in Frankreich zu verteilen. Dort sollen sie ihren Antrag auf Asyl stellen. Gut möglich, dass unter den Tausenden Flüchtlingen auch Fischer aus dem Senegal sind. Und einer der Gründe dafür sind – streng genommen – wir selbst.

Eine Reportage des «Weltspiegel» zeigt eindrücklich einen irrwitzigen Teufelskreis auf: Während die EU in Afrika Entwicklungshilfe in Milliardenhöhe leistet, entreißen Fischfangflotten aus China, Russland und der EU den Menschen an der Küste Westafrikas die Lebensgrundlage.

Entwicklungshilfe statt Industrieaufbau vor Ort

«Wenn die EU sagt, wir leisten doch Entwicklungshilfe, dann können sie nicht gleichzeitig unsere Industrie kaputtmachen», bringt es ein afrikanischer Aktivist auf den Punkt. «Wenn die EU uns helfen will, dann sollte sie ihre Märkte für uns öffnen. Uns die Ausrüstung geben, damit wir unseren Thunfisch selbst fangen und verarbeiten können. Was tatsächlich nötig ist, wäre, dass wir hier vor Ort mehr von unseren Ressourcen profitieren könnten.»

Der «Weltspiegel»-Beitrag beleuchtet exemplarisch die Situation in Kayar, einem Fischerort im Senegal. Anders als die mächtigen Fischtrawler fischen die Fischer hier noch von Hand, wie ihre Väter und Urgroßväter. Doch anders als ihre Vorfahren können sie von der Ausbeute nicht mehr leben. Weil die Bevölkerung wächst und es immer mehr Fischer gibt. Und weil internationale Fangflotten das Meer vor Senegals Küste abfischen. Ihre Fangflotten fischen laut Umweltverbänden heimlich doppelt so viel, wie ihnen erlaubt ist.

Jährlich 1,2 Milliarden Verlust wegen der Megatrawler

China, Russland, aber auch Länder wie Spanien nützen dabei die ohnehin schon großzügig bemessenen Fang-Lizenzen der senegalesischen Regierung aus: Ihre Megatrawler plündern die Ressourcen. Durch den illegalen Fischfang verliert Westafrika jährlich rund 1,2 Milliarden Euro.

Das zeigen neue Studien mehrerer Umweltgruppen: «Wir gehen davon aus, dass 300.000 neue Jobs in der Region geschaffen werden könnten, wenn dieses Geld in die lokale Fischerei-Industrie investiert würde», sagt Ishbel Matheson, Mitautorin der jüngsten Studie der «Enviromental Justice Foundation» (EJF). Doch nur Arbeitsplätze schaffen Wohlstand und Perspektiven – und nur so, es ist naheliegend, «bleiben die Menschen in ihrer Heimat, statt unter Lebensgefahr nach Europa zu kommen, um hier eine Zukunft zu finden».

«Es reicht trotzdem nicht»

Die ausländischen Trawler «holen an einem Tag das aus dem Meer, wofür 300 unserer Pirogen einen Monat bräuchten», sagt Fischer Mor Mbengul. «Wir gehen jeden Tag fischen, es reicht trotzdem nicht. Aber was sollen wir sonst tun? Es gibt keine andere Arbeit.»

Es war die Perspektivlosigkeit, die den Fischer dazu bewegte, sein Glück in Europa zu versuchen und unter Lebensgefahr übers Meer nach Spanien zu fahren. Dort schaffte man ihn nach 36 Tagen wieder in den Senegal aus. So etwas möchte er nie mehr erleben. Und er will, dass die Fahrt in die Illusion auch anderen erspart bleibt. Doch die wenigsten seiner Fischerkollegen hören auf ihn, die Hoffnung auf Arbeit wiegt schwerer als Warnungen. So schließt der «Weltspiegel»: «Wenn die Welt nicht aufhört, ihnen die Lebensgrundlage zu nehmen, werden ihre Kinder die Nächsten sein, die keinen Job finden und von Europa träumen.»

(L'essentiel/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • dusninja am 24.10.2016 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Fische, auch unser von der EU subventioniertes Hühchenfleisch macht da unten die Märkte kaputt, da kein Bauer zu den Preisen dort produzieren kann. Wir sind also selber dafür verantwortlich.

Die neusten Leser-Kommentare

  • dusninja am 24.10.2016 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Fische, auch unser von der EU subventioniertes Hühchenfleisch macht da unten die Märkte kaputt, da kein Bauer zu den Preisen dort produzieren kann. Wir sind also selber dafür verantwortlich.