Die Waffe der Frauen

03. September 2012 11:45; Akt: 03.09.2012 11:55 Print

Frieden und bessere Straßen -​​ dank Sex-​​Streik

Togos Frauen drängen ihre Männer mit Sex-Streik dazu, den Präsidenten abzusetzen. So haben Frauen weltweit schon oft ihre Interessen durchgesetzt.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Frauen Togos haben genug. Genug von Präsident Faure Gnassingbé, der seit sieben Jahren an der Macht ist und jetzt das Wahlrecht ändern will, um im Oktober wiedergewählt werden zu können. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde er so tatsächlich im Amt bleiben. Die Togoleserinnen wollen dies aber verhindern. Die Bürgerrechtlerin Isabelle Ameganvi hat deshalb zu einem uralten Mittel gegriffen und zum Sex-Streik aufgerufen: «Ladies, ihr müsste das Tor zum 'Mutterland' verschlossen halten!» Damit soll der Druck auf die Männer Togos erhöht werden, den Präsidenten zu stoppen.

In der Bürgerrechtsbewegung wird diese Form des Protests «lysistratische Nicht-Handlung» genannt. Das geht auf eine Komödie des Dichters Aristophanes zurück, die er im fünften Jahrhundert vor Christus geschrieben hat. Die Figur Lysistrata ruft darin die Frauen Spartas und Athens zu einem Sex-Streik auf. Sie will damit die kriegsbegeisterten Männer zur Vernunft bringen und einen Frieden erzwingen. In der Komödie gelingt Lysistrata dies. Auch die Togoleserinnen könnten mit ihrem Protest Erfolg haben. Schon mehrfach haben Frauen mit der Abstinenz ihren Willen durchgesetzt.

Sex-Streik in Kolumbien besonders beliebt

Ein vom Sex-Streik besonders begeistertes Land scheint Kolumbien zu sein. Frauen griffen schon dreimal zur Waffe Sex-Entzug. 2011 haben sie für die Urwald-Stadt Barbacoas den Bau einer Straße durchgesetzt. Da die Straße zur nächst größeren Stadt in einem katastrophalen Zustand ist, dauerte die Fahrt dorthin manchmal bis zu 20 Stunden. Patienten starben, weil sie nicht rechtzeitig im Krankenhaus ankamen. Schwangere verloren immer wieder Kinder. Die Lebensmittelpreise stiegen auf dem Weg um das Zehnfache. 18 Jahre lang war nichts getan worden. Dann griffen die Frauen ein. Richterin Marabyl Silva rief zum Sex-Streik auf, um die Behörden aufzurütteln. 600 Frauen und ein paar Männer schlossen sich der Bewegung an. Während 110 Nächten wurde in vielen Schlafzimmern Barbacoas wirklich nur geschlafen – mit Erfolg. Die Behörden lenkten ein und bauten die Straße.

2006 tat der «Streik der gekreuzten Beine» von Ehefrauen und Freundinnen von Gang-Mitgliedern in der kolumbianischen Stadt Pereira seine Wirkung. Mit ihrem Protest wollten die Frauen die Mordrate senken. Die sonst nicht eben zimperlichen Männer nahmen den Sex-Entzug offenbar ernst. 20 böse Jungs gaben ihre Waffe ab. Bis 2010 sank die Anzahl Morde um 25 Prozent, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet.

Erstmals hatten die Frauen in Kolumbien 1997 gestreikt. Der Sex-Streik war damals gar vom Militär angeordnet worden. Die Partnerinnen von Guerilla-Mitgliedern, Drogendealern und Paramilitärs sollten mit Sex-Entzug einen Waffenstillstand bewirken. Zwar wurde tatsächlich einer geschlossen, allerdings wirkte er nicht allzu lange.

Mit der Sex-Verweigerung gelang es Frauen 2003 in Liberia, den seit 14 Jahren andauernden Bürgerkrieg zu beenden. Auch wenn nicht der Sex-Streik alleine die Friedensverhandlungen bewirkt hatte, war er neben Demonstrationen und Hausbesetzung ein wichtiges Druckmittel gewesen. Die Initiatorin und Streetworkerin Leymah Gbowee hat für ihren Einsatz 2011 den Friedensnobelpreis erhalten.

In Asien funktionierte diese Methode auch schon. In dem philippinischen Dorf Dado war es immer wieder zu Schießereien zwischen verschiedenen Clans gekommen. Indem sie ihren Partnern eine Woche lang die kalte Schulter zeigten, konnten die Frauen die Gewalt beenden.

Sex-Entzug wirkt in Europa nicht

Auch in Europa ist schon zum Mittel Sex-Entzug gegriffen worden – allerdings mit weniger Erfolg. 2008 verweigerten die Frauen Neapels ihren Partnern den Sex, wenn sie an Silvester nicht auf Raketen und Böller verzichten würden. Diese waren dem weiblichen Geschlecht viel zu gefährlich. Bis 2010 zeigte die Enthaltsamkeit ihre Wirkung, ein Jahr später wurde aber bereits wieder geböllert, wobei ein Mann ums Leben kam. Auch in den Vereinigten Staaten, konnten die Frauen an der Verhütungs- und Abtreibungspolitik nichts ändern.

Ebenso wenig brachte Anfang 2011 der Sex-Streik in Belgien, mit dem Frauen endlich die Regierungsbildung erzwingen wollten. Seit April 2010 steckte das Land in der Krise, erst im Dezember 2011 wurde schließlich eine Regierung gebildet. Die Belgierinnen ließen sich von Kenia inspirieren. 2009 hatten zehn kenianische Frauengruppen zu einem Sex-Streik aufgerufen, um ihre Männer dazu zu bringen, die blutigen politischen Unruhen zu beenden. Prostituierte hatten sie dafür bezahlt, nicht zu arbeiten. Selbst die Frau des Premierministers Raila Odinga hat mitgemacht. Einige Wochen später hatte Kenia eine Regierung.

Belgier mit wenig Interesse am Sex

Dass der Sex-Protest in Belgien nicht dieselbe Wirkung hatte, erstaunt selbst die Initiantin Marleen Temmerman nicht. Sie zweifelte schon zu Beginn der Aktion am Interesse, das die Belgier am Sex hätten. «In Kenia ist das noch eine andere Geschichte», sagte sie damals gegenüber der flämischen Zeitung «De Standaard».

Auch die kolumbianische Richterin Marabyl Silva, die sich mit dem Sex-Streik für den Straßenbau eingesetzt hatte, hält es für wichtig, dass Sex eine große Rolle spiele. «Die Afrokolumbianer sind als sehr heißblütig bekannt. Dass ihnen die Frauen den Sex verweigern, erschien ihnen undenkbar, fast wie eine Beleidigung», sagte sie der Nachrichtenagentur DPA.

Sicher ist, dass ein Sex-Streik ein Echo in nationalen und internationalen Medien auslöst. Bei den Togoleserinnen war es zumindest so. Sollten sie mit der Sex-Verweigerung nichts bewirken, geben sich die Frauen nicht geschlagen. Sie sind sich sicher, eine Reform des Wahlrechts zu verhindern: «Wir haben viele Mittel, die Männer dazu zu zwingen, die Wünsche der togolesischen Frauen zu verstehen.»

(L'essentiel Online/ske)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.