Interview

18. Juli 2014 11:15; Akt: 18.07.2014 18:13 Print

«Als Pilot rechnet man nicht mit einem Abschuss»

LUXEMBURG/UKRAINE – Warum flog die MH17 über ukrainisches Krisengebiet? «L’essentiel» hat bei der Luxemburger Pilotenvereinigung nachgefragt.

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Den Helfern an der Absturzstelle der malaysischen Boeing in der Ostukraine bietet sich ein grauenhaftes Bild: Auf einem Trümmerfeld, das so groß ist wie das Stadtgebiet von Esch/Alzette, liegen Dutzende Leichen von Frauen, Männern und Kindern. Daneben: Die Habseligkeiten der 298 Passagiere wie Reisepässe, Bücher, Handys. Auch eine Familie aus Roeser ist unter den Toten.

Zahlreiche Fragen sind am Tag danach noch unbeantwortet: Wurde die Boeing der Malaysia Airlines in zehn Kilometern Höhe tatsächlich von einer Rakete getroffen? Und warum flog sie ausgerechnet über das ostukrainische Krisengebiet? L’essentiel hat bei Dirk Becker, Generalsekretär der luxemburgischen Linienpilotenvereinigung ALPL nachgefragt.

«Autobahn» nach Asien

«Der Weg über die Ukraine ist für viele Airlines wie eine direkte Autobahn nach Asien, also die optimale Streckenführung», erklärt Becker. Dies würde den Airlines Zeit und Kosten sparen und Passagiere schneller an ihr Ziel bringen. Andere Fluggesellschaften wie British Airways oder Air France hätten das Gebiet jedoch seit Wochen gemieden, so sagen sie es zumindest. Am Freitag war der Luftraum über der Ukraine praktisch leer, wie folgendes Bild des Anbieters FlightRadar24.com zeigt:

Haben die Airlines das Risiko in der Ukraine unterschätzt? «Im Nachhinein muss man das wahrscheinlich bejahen. Das Risiko, das ein Flugzeug von einer Rakete getroffen wird, wurde offenbar als sehr gering eingeschätzt.» Auch Becker, der als Pilot bei der heimischen Frachtfluggesellschaft Cargolux arbeitet, hat die Ukraine vor wenigen Wochen mit dem Flugzeug überquert. «Als Pilot bekommt man vor einem Flug alle notwendigen Informationen über eine Strecke, zum Beispiel Gefahrenmeldungen oder Luftraumsperren, zur Verfügung gestellt. Natürlich liest man auch die entsprechenden Medienberichte. Der Luftraum über der Ukraine war aber stets offen. Und in zehn bis zwölf Kilometern Höhe wiegt man sich in ziemlicher Sicherheit. Als Linienpilot rechnet man ehrlich gesagt nicht damit, von einer Rakete abgeschossen zu werden», berichtet Becker.

Ob die Cargolux, die mehrere Ziele in Asien bedient, weiterhin über die Ukraine fliegt, ist unklar. Am Firmensitz in Sandweiler war zunächst niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Schwierige Aufklärung

Der Überflug von Konfliktgebieten ist in der Luftfahrtbranche jedenfalls nicht unüblich. «Auch der Irak und Afghanistan werden überflogen», sagt Becker. Selbst im eskalierten Nahost-Konflikt fliegen internationale Fluggesellschaften weiterhin Tel Aviv an, obwohl die Stadt seit Tagen massiv mit Raketen aus dem Gazastreifen angegriffen wird.

Die Flugroute von MH17

Die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine sicherten den Behörden vor Ort und internationalen Experten am Freitag zu, sie zur Absturzstelle von Flug MH17 zu lassen. Laut Becker werde sich die Untersuchung zur Aufklärung des Vorfalls aber dennoch sehr schwierig gestalten. Anhand von Radar- und Satellitenaufzeichnungen ließen sich nur indirekte Rückschlüsse darauf ziehen, ob es tatsächlich eine Boden-Luft-Rakete war, die die Boeing zum Absturz brachte. Der Zugang zu den Flugschreibern der Maschine wird da schon schwieriger: Acht von zwölf sollen bereits in die Hände der Aufständischen gelangt sein.

(jt/L'essentiel)

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