Brasilien

08. Juli 2020 17:06; Akt: 08.07.2020 17:06 Print

Bolsonaro könnte von Erkrankung profitieren

Auf Twitter wünschen Nutzer dem erkrankten brasilianischen Präsidenten unter #ForçaCorona wenig Gutes. Beobachter befürchten derweil, dass er die Krankheit für sich nutzen wird.

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Seit Monaten hat er sein Schicksal herausgefordert, jetzt hat es Jair Bolsonaro erwischt: Der brasilianische Präsident hat sich mit dem Coronavirus infiziert. «Das Testergebnis ist positiv», sagte er am Dienstag vor Journalisten. «Ich fühle mich vollkommen gut. Ich habe sogar Lust, spazieren zu gehen, aber auf ärztliche Empfehlung hin werde ich das nicht tun.»

Sprach, ging einige Schritte rückwärts – und zog seine Gesichtsmaske herunter: «Schaut mir ins Gesicht, es geht mit gut!», strahlte er (siehe Video). Eine Geste mit Folgen: Die brasilianische Pressevereinigung ABI hat nun angekündigt, Klage gegen Bolsonaro einzureichen, wie El Mundo berichtet. Er habe das Leben der umstehenden Journalisten gefährdet, als er trotz seiner Krankheit die Maske abnahm. «Obwohl er weiß, dass er selbst infiziert ist, fährt Präsident Bolsonaro damit fort, sich kriminell zu verhalten und das Leben anderer Menschen zu gefährden», zitiert die Zeitung aus dem Statement des Berufsverbandes. Immerhin: Die anwesenden Journalisten hatten selbst alle eine Maske auf – im Gegensatz zum amerikanischen Botschafter für Brasilien, der mit Bolsonaro am 4. Juli den amerikanischen Nationalfeiertag gefeiert hatte. Er und seine Frau seien bislang negativ getestet worden, hätten sich aber in die Selbstisolierung begeben, ließ dieser nun wissen.

#ForçaBolsonaro gegen #ForçaCorona

Nach Bekanntwerden seines positiven Corona-Tests erreichten den brasilianischen Präsidenten zahlreiche Genesungswünsche. US-Präsident Donald Trump, der Leiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und mehrere brasilianische Gouverneure schickten beste Wünsche. Der frühere Gesundheits-Ressortchef Luiz Henrique Mandetta wünschte Bolsonaro ebenfalls gute Besserung, sagte aber: «Ich hoffe, dass er über all die Menschen nachdenkt, die nicht sofort Zugang zu Magnetresonanztomographie, Privatärzten und einem reservierten Bett auf einer Intensivstation haben.» Tatsächlich haben wegen der hohen Fallzahlen viele Krankenhäuser ihre Belastungsgrenze bereits erreicht.

In den sozialen Medien hingegen war der Ton ruppiger - Dort zeigt sich, wie polarisiert das gesamte Land während dieser Epidemie mittlerweile ist. So schicken Bolsonaro-Anhänger unter #ForçaBolsonaro dem Präsidenten Kraft und Glückwünsche, unter #ForçaCorona wünschen ihm seine Gegner das Gegenteil an den Hals.

Nutzt Bolsonaro die Krankheit als Propaganda?

Nicht wenige Kritiker befürchten sogar, dass der Präsident die Erkrankung politisch für seine Zwecke nutzen könnte. «Meine Sorge ist es, dass Bolsonaro die Ansteckung nun für die Botschaft ‹Seht her, es geht mir gut, wenn ihr euch ansteckt, wird euch nicht viel geschehen› gebrauchen wird», sagte eine Aktivistin aus Rio de Janeiro der New York Times. «Alles, was jetzt mit Bolsonaro passiert, wird echte Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen hier haben. Es ist wirklich ernst.»

Andere Beobachter gehen davon aus, dass die Erkrankung des Präsidenten kaum Änderungen der laxen Corona-Maßnahmen des Regierung nach sich ziehen wird – es sei denn, es würden bei Bolsonaros Krankheitsverlauf ernsthafte Komplikationen eintreten. Wenn es aber bei leichten Symptomen bleibe, werde sich der Präsident in seiner Ansicht bestätigt sehen, dass es sich bei Covid-19 um eine «leichte Grippe» handelt: «Dann steht zu befürchten, dass in Zukunft noch mehr Brasilianer dem Beispiel ihres Präsidenten folgen und die Gefahr der Pandemie ignorieren werden», schreibt Spiegel.de.

«Mitleidseffekt und Bewunderung»

Selbst ein schwererer Krankheitsverlauf dürfte Bolsonaros Ansehen unter seinen Fans wenig trüben – im Gegenteil: Tatsächlich hatte Bolsonaro bereits zuvor vor einer lebensgefährlichen Situation profitiert, als ihn ein geistig verwirrter Mann im Wahlkampf mit einem Messer verletzt hatte. «Der Mitleidseffekt und die Bewunderung für seinen Durchhaltewillen haben bei seinem Sieg vor zwei Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Wenn er einen zweiten lebensgefährlichen Angriff auf seine Gesundheit überlebt, dürfte das die Verehrung seiner Anhänger ins Unermessliche steigern», so Spiegel.de weiter.

Unterdessen stieg die Zahl der Corona-Toten im größten Land Lateinamerikas binnen 24 Stunden um 1254 – einer der höchsten Werte der vergangenen Wochen. Wegen der hohen Fallzahlen haben viele Krankenhäuser ihre Belastungsgrenze bereits erreicht.

An der Copacabana tummeln sie sich wieder

Brasilien ist neben den USA derzeit einer der Brennpunkte der Corona-Pandemie. Bislang haben sich in dem lateinamerikanischen Land 1,6 Millionen Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, 66.741 Patienten sind im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Experten gehen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch deutlich höher liegen, da in Brasilien nur wenig getestet wird.

Zwar haben eine Reihe von Bundesstaaten und Städten auf eigene Faust Schutzmaßnahmen ergriffen, allerdings werden die Einschränkungen an vielen Orten bereits wieder gelockert. In der Millionenmetropole Rio de Janeiro etwa öffneten sogar Restaurants und Bars schon wieder. Auf der Strandpromenade an der Copacabana tummelten sich bereits wieder zahlreiche Menschen.

(L'essentiel/Ann Guenter)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • WhaleWhisperer am 09.07.2020 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Es wäre schon sehr krass, wenn Bolsonaro durch seine eigene Infektion "beweisen könnte", dass das Virus angeblich "harmlos" sei, und so noch Kapital aus der Sache schinden könnte nachdem in Brasilien tausende Menschen daran gestorben sind wegen der inkonsequenten Pandemiepolitik Bolsonaros. Und was macht Trump angesichts furchtbarer Zahlen in den USA? Funkstille? Bei Boris Johnson war die Sache ganz anders: Nachdem der anfangs auch recht lax mit der Gefahr umgegangen war, machte er nach seiner eigenen Infektion ein "mea culpa" und verordnete strenge Massnahmen wie andere EU Staaten.

  • Laura am 09.07.2020 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Man kann es auch übertreiben. Als er die Maske noch trug waren die Reporter fast 2m von im entfernt, danach macht er 5-6 schritte rückwärts und nimmt die Maske ab. Der Abstand dürfte jetzt fast 5m betrage. Hinzu kommt dass die Reporter selbst Masken trugen und es ihnen frei stand selbst den Abstand nochmal von sich aus zu erhöhen. Es ist also ziemlich unrealistisch ihn zu verklagen weil er das Leben der Journalisten gefährdet haben soll.

  • De_klenge_Fuerzkapp am 08.07.2020 17:39 Report Diesen Beitrag melden

    Auf einmal trägt er ne Maske . . . sollen die hirnlose 90% der Menschen raus gehen und alle in ein Haufen zusammen schmusen. Das selbe Phänomän haben wir auch hier . . .

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Die neusten Leser-Kommentare

  • WhaleWhisperer am 09.07.2020 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Es wäre schon sehr krass, wenn Bolsonaro durch seine eigene Infektion "beweisen könnte", dass das Virus angeblich "harmlos" sei, und so noch Kapital aus der Sache schinden könnte nachdem in Brasilien tausende Menschen daran gestorben sind wegen der inkonsequenten Pandemiepolitik Bolsonaros. Und was macht Trump angesichts furchtbarer Zahlen in den USA? Funkstille? Bei Boris Johnson war die Sache ganz anders: Nachdem der anfangs auch recht lax mit der Gefahr umgegangen war, machte er nach seiner eigenen Infektion ein "mea culpa" und verordnete strenge Massnahmen wie andere EU Staaten.

  • Laura am 09.07.2020 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Man kann es auch übertreiben. Als er die Maske noch trug waren die Reporter fast 2m von im entfernt, danach macht er 5-6 schritte rückwärts und nimmt die Maske ab. Der Abstand dürfte jetzt fast 5m betrage. Hinzu kommt dass die Reporter selbst Masken trugen und es ihnen frei stand selbst den Abstand nochmal von sich aus zu erhöhen. Es ist also ziemlich unrealistisch ihn zu verklagen weil er das Leben der Journalisten gefährdet haben soll.

  • De_klenge_Fuerzkapp am 08.07.2020 17:39 Report Diesen Beitrag melden

    Auf einmal trägt er ne Maske . . . sollen die hirnlose 90% der Menschen raus gehen und alle in ein Haufen zusammen schmusen. Das selbe Phänomän haben wir auch hier . . .

    • WhaleWhisperer am 08.07.2020 18:09 Report Diesen Beitrag melden

      Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied: im Luxemburg haben wir KEINEN Drumpf oder Bolsonaro in der Regierung. Befürchten Sie etwa dass die Drumpfsche und Bolsonarosche Verharmlosung des Virus auch hier in Luxemburg eine negative Wirkung auf das Volk ausüben obwohl die beiden weit weg sind? Im Gegenteil ich hoffe dass die Infektion von Bolsonaro, wie von Johnson, die alle beide vor ihrer Ansteckung zu viele ungeschützte Kontakte hatten, nicht nur den beiden, sondern auch den Luxemburgern eine Lehre sein wird und die Leute dadurch das Virus ernster nehmen.

    • Pablo am 09.07.2020 09:10 Report Diesen Beitrag melden

      Wir haben keine Drumpf aber andere Leute die nicht viel besser sin da sie den Lockdown viel zu früh aufgewhoben haben.

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