Erinnerung an 9/11

11. September 2016 12:56; Akt: 11.09.2016 13:00 Print

«Es war wirklich ein wunderschöner Tag»

Was als normaler Dienstag begann, verwandelte sich bald zum schwersten Terrorangriff auf die USA. Die Erinnerungen eines Feuerwehrmannes, der heute Touristen an den Ort des Schreckens führt.

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Als George W. Bush am Morgen des 11. September 2001 eine Grundschule in Florida betritt, scheint es ein Tag wie jeder andere zu werden. Der US-Präsident will mit Schülern ein Kinderbuch lesen und für Bildung werben. Doch dann, um 9.05 Uhr, als bereits ein erstes Passagierflugzeug in den Nordturm des World Trade Center in New York gestürzt ist, tritt Stabschef Andrew Card im Klassenzimmer hinter den Präsidenten und flüstert: «Ein zweites Flugzeug hat den zweiten Turm getroffen. Amerika wird angegriffen.»

Zu diesem Zeitpunkt sind Hunderte Menschen tot und zwei weitere Passagiermaschinen in der Kontrolle von Terroristen. An der Südspitze Manhattans regiert das Chaos. 102 Minuten vergehen vom Aufprall des ersten Flugzeugs bis zum Einsturz des zweiten Turms – es ist der schwerste Terrorangriff auf amerikanischem Boden aller Zeiten. Die Bilder des Grauens werden wieder über die Fernsehbildschirme wandern, wenn die USA an diesem Sonntag, 11. September, der Anschläge von 9/11 gedenken.

Jede Minute rekonstruiert

15 Jahre später ist fast jede Minute, jedes Detail, jede Anekdote von Opfern, Augenzeugen und Angehörigen rekonstruiert. Dokumentationen, Spielfilme, Sachbücher und Romane füllen Regale, die Zeitungsartikel mit Verweisen auf jenen Tag ganze Archive. Es gibt Theaterstücke, TV-Serien, Gedichte und Comics zu 9/11, es gibt Rock-Balladen und Rap-Texte und Kompositionen in klassischer Musik. Ein Gemälde des Malers Gerhard Richter namens «September» zeigt die Silhouetten der eingestürzten Zwillingstürme. Sie sind grau verwischt.

Wer den seinerzeit als Ground Zero bekannten Platz heute ohne Vorwissen besucht, ahnt zunächst nicht, welch tödliche Unterwelt sich hier aufgetan haben muss. Touristen knipsen lachend Selfies, Schüler necken sich, Familien ruhen im Schatten aus. Einige würden sogar die Rosen pflücken, die am Denkmal in den eingravierten Namen der Opfer stecken, bemerkt ein deutscher Besucher, der aus der Nähe von Frankfurt angereist ist. Nur wenige halten inne und zollen dem Ort den Respekt, den er angesichts der Ermordung Tausender verdient hätte.

«Unendlich weit sehen»

«Es war wirklich ein wunderschöner Tag», erinnert sich Anthony Palmeri an die Momente, bevor die erste Explosion den Stadtteil Tribeca erschütterte und schwarze Rauchsäulen am Himmel aufstiegen. «Man konnte unendlich weit sehen.» 23 Jahre war der gebürtige New Yorker an jenem Dienstag schon bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv, als ihn der Notruf erreichte, der bis dahin undenkbar schien. Noch heute bricht seine Stimme, wenn er Besuchern von diesem Tag erzählt.

Palmeri steht im Schatten eines Baumes an einem der Wasserbecken, die wie zwei Fußabdrücke die Grundrisse der einstigen Twin Towers markieren. Seit fast neun Jahren führt er Touristen an diesen Ort und erzählt von den Stunden des Schreckens, in denen 2977 Menschen starben.

Wie Opfer der Attacke in oberen Stockwerken aus Verzweiflung in den sicheren Tod sprangen. Wie es ganze zwölf Sekunden dauerte, bis einer der Türme komplett eingestürzt war. Wie Palmeri über Wochen half, 1,8 Millionen Tonnen Schutt und Stahl zu beseitigen. Wie 40 Prozent der Opfer überhaupt nicht identifiziert werden konnten. Wie die 102 Minuten Amerika und den Rest der Welt für immer veränderten.

Er rührt Besucher zu Tränen

Als Palmeri gegen Ende seiner unbezahlten Tour darum bittet, Freunden und Familien zu Hause nicht nur irgendein Foto zu zeigen, sondern die ganze Geschichte zu erzählen, weinen mehrere Besucher.

Wie unvorbereitet, verwundbar und machtlos die Vereinigten Staaten am Tag des 11. September 2001 waren, hat die 9/11-Kommission in einem 585 Seiten langen Bericht herausgearbeitet. Weder Regierung noch Militär noch Strafverfolger noch Rettungskräfte hatten eine angemessene Antwort auf die Attacke parat.

Krieg im 21. Jahrhundert

«Wir waren nicht bereit», sagt David Fidler, Experte für Terrorismus, Maßenvernichtungswaffen und Cybersicherheit beim New Yorker Council on Foreign Relations – nicht in New York und nicht an den weiteren Anschlagsorten im Pentagon und in Shanksville, Pennsylvania, wo insgesamt 224 Menschen starben.

«Du weißt wirklich nie, wie es sein wird, ein Präsident in Kriegszeiten zu sein, bis der Moment kommt», sagt George W. Bush im Rückblick. «Der Krieg brach unerwartet über uns herein.» Als schließlich das vierte gekaperte Flugzeug in Pennsylvania abgestürzt war, habe er gewusst: «So sieht Krieg im 21. Jahrhundert aus.»

(L'essentiel/sda)

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