Verschwundener Journalist

12. Oktober 2018 09:48; Akt: 12.10.2018 09:55 Print

«Man hört, wie er verhört, gefoltert, getötet wurde»

Tonaufnahmen sollen belegen, was mit dem Journalisten Jamal Khashoggi passierte, nachdem er das saudi-arabische Konsulat in Istanbul betrat. Das könnte auch Ankara in Erklärungsnot bringen.

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Laut der «Washington Post» verfügt die türkische Regierung über Ton- und Videoaufnahmen von der Ermordung Jamal Khashoggis im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul.

Die Zeitung, für die der saudi-arabische Journalist selbst schrieb, beruft sich dabei auf Informationen türkischer und amerikanischer Offizieller.

Die «Washington Post» zitiert eine anonyme Quelle, die Kenntnis von den Aufnahmen hat. «Audioaufnahmen zeigen, was mit Jamal passiert ist, nachdem er das Konsulat betreten hat», zitiert die «Washington Post» die Quelle. «Man hört, wie Khashoggi erst verhört, dann gefoltert und schließlich getötet wurde.» Ankara zufolge wurde die Leiche des Journalisten anschließend zerstückelt und in Koffern aus dem Konsulat geschafft.

Bericht bringt auch Ankara in Erklärungsnot

Zuvor hatte schon die «New York Times» unter Berufung auf türkische Sicherheitskreise berichtet, dass ein Team saudischer Agenten Jamal Khashoggi in dem Konsulat getötet, seinen Körper danach mit einer Knochensäge zerstückelt und die Reste mutmaßlich in Koffern aus dem Konsulat geschafft habe.

Nach Informationen der Zeitung scheut die türkische Seite eine Veröffentlichung der Aufnahmen, um nicht zu offenbaren, wie Einrichtungen ausländischer Staaten in der Türkei ausspioniert werden.

Unklar sei deswegen auch, inwiefern amerikanische Stellen das angebliche Beweismaterial bereits einsehen durften. Die türkische Regierung habe US-Regierungsvertretern aber versichert, im Besitz kompromittierender Aufnahmen zu sein, die keinen Zweifel über Khashoggis Schicksal lassen.

Neue Dimension

Sollte sich die Türkei tatsächlich Aufnahmen aus dem Innern der Landesvertretung der Regionalmacht Saudi-Arabien verschafft oder diese heimlich angefertigt haben, würde der ohnehin bereits zur Staatsaffäre ausgewachsene Fall Khashoggi nochmals neue Dimensionen bekommen.

Khashoggi (59) hatte am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul betreten, um Papiere für die Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten abzuholen. Seitdem wird er vermisst. Den schon nach kurzer Zeit von türkischer Seite erhobenen Vorwurf, der Regimekritiker sei im Konsulat ermordet worden, weist Saudi-Arabien zurück. Zudem hat die Führung in Riad eine Aufklärung des Falls versprochen.

Im Exil in den USA

Zwar kündigte das türkische Präsidialamt am Donnerstag die Einrichtung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit Saudi-Arabien an, um den Fall «in all seinen Facetten» zu beleuchten und aufzuklären. Skeptiker, die an der Ernsthaftigkeit dieser Absichten zweifeln, dürften sich durch die jüngsten Medienberichte aber bestätigt sehen.

Khashoggi war vor mehr als einem Jahr aus Angst vor politischer Verfolgung ins US-Exil gegangen. Dort schrieb er unter anderem Artikel für die «Washington Post», die er mit Jamal Kashoggi zeichnete. Der Journalist begrüsste zwar grundsätzlich die Reformen des saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman, kritisierte aber dessen zunehmend autoritäre Herrschaft.

USA erhöhen Druck

Die US-Regierung erhöhte am Donnerstag (Ortszeit) den Druck auf ihren engen Verbündeten Saudi-Arabien. Zwar weile der saudische Botschafter in den USA derzeit in Riad, sagte Außenministeriumssprecherin Heather Nauert. Allerdings fügte sie hinzu: «Wir haben ihm gesagt, dass wir bei seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten Informationen erwarten.»

Nauert betonte, sie wolle vor dem Abschluss einer Untersuchung keine Schuldzuweisungen treffen. «Wir wissen nicht, was passiert ist», sagte sie. Die US-Regierung sei jedoch «extrem besorgt über die Situation», die größte Aufmerksamkeit auf der höchsten Ebene genieße.

Trump spricht von «furchtbarem Präzedenzfall»

Mehrere republikanische und demokratische US-Senatoren forderten US-Präsident Donald Trump auf zu prüfen, ob in dem Fall eine schwere Menschenrechtsverletzung vorliege und Sanktionen verhängt werden sollten. Hintergrund ist der sogenannte Magnitsky-Akt, der die US-Regierung in solchen Fällen zu Strafmaßnahmen wie Einreisesperren und dem Einfrieren von Vermögen ermächtigt. Die Senatoren forderten Trump auf, dem Auswärtigen Ausschuss in 120 Tagen zu berichten.

US-Präsident Donald Trump sagte dem Sender Fox News am Donnerstag: «Wir wollen herausfinden, was passiert ist.» Er nannte das Verschwinden Jamal Khashoggis «einen furchtbaren, furchtbaren Präzedenzfall». Khashoggi sei zwar kein amerikanischer Staatsbürger, «aber in diesem Fall spielt das keine Rolle».

(L'essentiel/sda)

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