Inlandsterroristen

11. Januar 2021 21:28; Akt: 11.01.2021 22:45 Print

90 Kapitol-​​Stürmer wurden bereits verhaftet

Landesweit klicken seit der Stürmung des Kapitols in Washington die Handschellen. Die Anklageschriften zeigen, welche Gefahr von einzelnen Trump-Anhängern ausging.

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Das FBI hat über 40.000 Hinweise von Bürgern erhalten, die auf Videos, Fotos und Onlineposts jene erkannt haben wollen, die letzten Mittwoch die Polizei überrannt und das Kapitol in Washington gestürmt hatten. 120 Personen sind bereits identifiziert und rund 90 wurden verhaftet. Ihnen wird illegales Eindringen in ein besonders gesichertes Gebäude, Verstoß gegen die Ausgangssperre, Verstoß gegen Waffenbesitz sowie gewaltsames Eindringen und ungebührliches Verhalten auf dem Gelände des Kapitols zur Last gelegt.

Schwerer wiegen Vorwürfe wie Gewalt gegen Beamte, die Verwendung von Explosivstoffen oder eine staatsgefährdende Verschwörung, was alleine eine Haftstrafe von zwanzig Jahren nach sich ziehen kann. In mindestens 25 Fällen wurden Untersuchungen wegen Inlandsterrorismus eröffnet. Es ist klar: An den Kapitol-Stürmern soll ein Exempel zur Abschreckung statuiert und den Angeklagten so schnell wie möglich der Prozess gemacht werden.

Die Männer mit den Kabelbindern

Unter den jüngst Festgenommenen ist auch Eric Gavelek Munchel (30). Bei ihm klickten am Sonntag in Nashville die Handschellen, wie das Justizdepartement mitteilte. Munchel ist offenbar jener Mann, der in Militärkleidung, mit schusssicherer Weste und Dutzenden von Kabelbindern im Senat fotografiert worden war.

Larry R. Brock wurde ebenfalls am Sonntag in Texas festgenommen. Auch er war am Mittwoch mit solchen Plastik-Handfesseln, wie sie normalerweise die Polizei benutzt, in der Parlamentskammer unterwegs gewesen. Was der pensionierte Oberstleutnant der US-Air Force damit wollte, ist unklar.

Wie eine Napalm-ähnliche Brandbombe

Doch es wird immer deutlicher, dass die Trump-Anhänger mit ihren «Mitbringseln» nichts Gutes im Schilde führten. Ein Mann war etwa mit geladener Waffe, mehreren vollen Magazinen, Messern, einer schusssicheren Weste und Gasmaske ins Kongressgebäude eingedrungen. Daneben entdeckte die Polizei an jenem Tag rund um das Kapitol verschiedentliche Brandsätze und Waffen. Besonders gefährlich seien gefundene Molotow-Cocktails gewesen, weil sie mit einer Art Schaumstoff gemischt gewesen seien, was eine Napalm-ähnliche Brandbombe ergebe, hieß es aus dem Justizministerium.

Was für eine Gefahr von einzelnen Kapitol-Stürmern ausging, zeigt auch das Beispiel von Cleveland Grover Meredith Jr. Der Besitzer einer Autowaschanlage im Bundesstaat Georgia war zur Trump-Rally nach Washington gereist und setzte von dort einen Tweet ab: «Ich werde Nancy Pelosi im Live-TV eine Kugel durch den Kopf jagen.» Im Anhänger des Wagens des bekennenden QAnon-Anhängers fand die Polizei eine Glock-Pistole, ein Gewehr und jede Menge Munition. Ihn dürften Ermittlungen wegen Terrorismus erwarten.

«Derrick Evans ist im Kapitol!»

Einige Trump-Anhänger, darunter viele Rechtsextreme und Q-Anhänger, machten es den Ordnungskräften mitunter aber auch gar einfach. Manche gaben im Innern des Kapitols auf Nachfrage ganz bereitwillig ihre Namen und Wohnorte bekannt, die wenigsten waren verhüllt oder trugen als Corona-Zweifler eine Gesichtsmaske, die sie schwerer identifizierbar gemacht hätte. Andere nahmen sich selbst begeistert beim Gesetzesbruch auf.

So etwa der republikanische Politiker Derrick Evans (35), der im November eben erst zum Abgeordneten des Staates West Virginia gewählt worden war. Am Mittwoch live-streamte er das Eindringen in das Kapitol und schrie dabei ekstatisch: «Wir sind drin! Derrick Evans ist im Kapitol!» Am Wochenende wurde Evans festgenommen. Ihm drohen bis zu anderthalb Jahre Gefängnis wegen unbefugten Betretens und Ruhestörung. Das FBI wirft ihm zudem vor, die Menge am Mittwoch ermutigt zu haben, das Kapitol zu betreten. Die Tage davor habe er seine 30.000 Facebook-Follower aufgerufen, an jenem Mittwoch für den abgewählten Präsidenten Donald Trump in der Hauptstadt zu kämpfen.

Ermittlungen gegen Trump nicht ausgeschlossen

Auch wenn die Polizei mit ihren Festnahmen in den letzten Tagen erfolgreich war – der Optimismus des Washingtoner Polizeichefs, der erklärte, dass «jeder Einzelne» aus dem gewalttätigen Mob verhaftet werde, erscheint zu optimistisch angesichts der auf mehrere Tausend geschätzten Krawallmacher. Ein großer Teil war am Mittwoch unbehelligt aus Washington abgezogen. Die Washingtoner Polizei setzte so eine Belohnung von tausend Dollar für Hinweise aus, die zu einer Verhaftung führten.

Noch liegt der Fokus der Bundesstaatsanwaltschaft in Washington auf Personen, die im Kapitol direkt an Sachbeschädigungen und Angriffen auf Beamte beteiligt waren. Doch sie schloss nicht aus, zu einem späteren Zeitpunkt auch gegen Donald Trump, dessen beiden ältesten Söhne sowie gegen den Trump-Anwalt Rudy Giuliani zu ermitteln, weil sie «zum Kampf» und «zum Marsch auf das Kapitol» aufgerufen hatten.

Bei dem Angriff auf das Parlament am vergangenen Mittwoch kamen mindestens fünf Menschen ums Leben, darunter ein Polizist. Kritiker werfen Noch-Präsident Trump vor, den Mob vor der Erstürmung des Kapitols bei einer Kundgebung aufgestachelt zu haben.

(L'essentiel/Ann Guenter)

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