Verfolgung in Afghanistan

07. Dezember 2018 12:47; Akt: 07.12.2018 12:52 Print

Der Traum des «kleinen Messi» wird zum Albtraum

2016 war er wegen eines Messi-Shirts weltberühmt geworden. Nun mussten Murtaza Ahmadi und seine Familie vor den Taliban nach Kabul fliehen.

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Sein Messi-Fanshirt aus einer gestreiften Plastiktüte hat den kleinen afghanischen Jungen Murtaza Ahmadi Anfang 2016 weltweit bekannt gemacht – Monate später dann wurde sein Traum wahr und er durfte sein argentinisches Fußball-Idol Lionel Messi in Katar treffen. Doch die traumhaften Tage sind längst dem afghanischen Albtraum gewichen: Wie tausende Landsleute wurde der Siebenjährige mit seiner Familie vom Krieg mit den Taliban aus seiner Heimatprovinz vertrieben.

Nach einer Offensive der radikalislamischen Miliz flüchten Murtaza und seine Familie im November aus ihrer bis dato sicher geglaubten Provinz Ghasni nach Kabul. Dort gesellt sich zu der Sorge, wovon sie leben sollen, noch die Angst, die Taliban könnten gezielt den «kleinen Messi» suchen.

Murtaza war über Nacht berühmt geworden, nachdem Fotos von ihm in einem Fan-Hemd aus Plastiktüten im Internet aufgetaucht waren. Das Shirt hatte sein älterer Bruder Homajun aus einer blau-weiß-gestreiften Einkaufstüte gebastelt, da die Familie zu arm war, um ein echtes Messi-Hemd zu kaufen. Fotos von seinem derart ausgestatteten kleinen Bruder hatte er ins Internet gestellt.

Sie mussten sofort fliehen

Die glücklichen Tage sind vorüber: Eines Nachts erreichen die heftigen Kämpfe mit den Taliban auch Dschaghori, den Heimatbezirk von Murtazas Familie. Sie seien sofort geflohen, erzählt Murtazas Mutter Schafika der Nachrichtenagentur AFP. Lionel Messis Geschenke, ein signierter Fußball sowie ein echtes Trikot, bleiben wie alles andere auch zurück.

Hunderte Zivilisten, Soldaten und Aufständische wurden bei der November-Offensive der Taliban in Ghasni getötet. Hauptzielscheibe der sunnitischen Miliz sind die Hasara, eine schiitische Volksgruppe, der auch Murtazas Familie angehört. Nach UN-Angaben flohen bis zu 4000 Familien vor der Miliz.

Murtazas Familie quält seitdem die Gewissheit, dass die Taliban ganz gezielt nach ihrem kleinen Jungen suchen. «Sie sagten, dass sie ihn zerstückeln würden, sollten sie ihn finden», erzählt Schafika, den blanken Horror im Blick. Die Taliban duldeten während ihrer Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001 in Afghanistan so gut wie keinen Sport. Das Fußballstadion in Kabul nutzten sie für Steinigungen.

«Wir bekamen Drohanrufe»

Zunächst findet Murtazas Familie Unterschlupf in einer Moschee der Stadt Bamijan, dem kulturellen Zentrum der Hasara. Sechs Tage später erreichen sie Kabul. Obwohl es den Sicherheitskräften inzwischen gelungen ist, die Taliban aus Dschaghori wieder zu vertreiben, will Murtazas Familie in Kabul bleiben. «Die Gefahr, dass die Taliban wiederkommen, ist zu groß», sagt Schafika.

Schon vorher fühlten sie sich in ihrem Dorf nicht mehr sicher. «Wir bekamen Anrufe von irgendwelchen Typen aus dem Ort, die uns drohten: Ihr seid jetzt reich, gebt uns das Geld, das ihr von Messi bekommen habt oder wir holen uns euren Sohn», erzählt die Mutter.

Vor zwei Jahren flohen sie deshalb schon einmal nach Pakistan und versuchten, «in irgendeinem sicheren Land» Asyl zu bekommen. Doch ihnen ging das Geld aus. Widerstrebend kehrten sie nach Dschaghori zurück.

Seit Jahresbeginn flohen 300.000 Afghanen

Heute lebt dort nur noch Murtazas Vater Arif, um als Bauer Geld für seine Familie zu verdienen. Wie die meisten anderen Vertriebenen auch leben seine Frau und Kinder in Kabul unter äußerst prekären Bedingungen. Sie teilen das Schicksal von mehr als 300.000 Afghanen, die allein seit Jahresbeginn vor der Gewalt geflohen sind.

Murtaza sind die Ängste seiner Familie nicht bewusst. Glücklich aber ist auch er nicht. Er vermisse seinen Fußball und Messis Trikot, sagt er AFP. Vor allem aber vermisse er Messi. Und dann fängt Murtaza an zu träumen: «Wenn ich ihn sehe, werde ich Salaam und Wie geht's Dir sagen, und dann wird er sich bedanken und sagen Pass auf dich auf, und dann werde ich mit ihm aufs Spielfeld gehen, wo er spielen wird und ich werde ihm zuschauen».

(L'essentiel/afp)

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