Syrien in Trümmern

16. März 2021 19:03; Akt: 16.03.2021 19:10 Print

Die Bilanz von Assads Regime ist bitter

Mit Hilfe seiner Verbündeten Länder sitzt Präsident al-Assad auch zehn Jahre nach Kriegsbeginn fest im Sattel. Auf Kritik reagiert Assad im Land wie immer: mit Verhaftungen.

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Ein Foto aus dem Archiv: Der syrische Machthaber Bashar al-Assad und sein mächtiger Verbündeter, der russische Präsident Vladimir Putin, in der christlich-orthodoxen Kirche in Damaskus am 3. Januar 2020. (Bild: VIA REUTERS)

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Die Warteschlangen vor den Tankstellen in den syrischen Städten erstrecken sich über mehrere Kilometer. Fünf Stunden kann es dauern, bis der Tank gefüllt ist. Ein ähnliches Bild vor den Bäckereien des Landes: Die Menschen drängeln, bis sie endlich an der Reihe sind, ihre zwei Brotpakete pro Tag und Familie abzuholen. Auf den Straßen der Hauptstadt Damaskus betteln die ganz Armen um Lebensmittel. Medikamente, Säuglingsnahrung und Windeln sind auch für Geld kaum noch zu bekommen.

Zehn Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien ist Präsident Baschar al-Assad noch immer an der Macht, gestützt von Russland und dem Iran. Millionen Menschen rutschen gleichzeitig immer tiefer in die Armut. Eine Mehrheit der Haushalte kann kaum noch genug für die nächste Mahlzeit zusammenbringen. Die Lage ist derzeit schlimmer, als sie es in dem seit zehn Jahren andauernden Konflikt jemals war.

Das heißt konkret:

• Heute leben mehr als 80 Prozent der Syrer in Armut, 60 Prozent droht Hunger.

• Die Preise für Lebensmittel stiegen innert eines Jahres um 230 Prozent. Viele Familien müssen monatelang ohne Obst und Fleisch auskommen.

• Das monatliche Gehalt eines Angestellten im öffentlichen Dienst ist noch 15 bis 20 Dollar wert, vor einem Jahr waren es noch 170 Dollar.

• Die Währung ist zusammengebrochen. Sie steht derzeit auf dem Schwarzmarkt bei 4000 syrischen Pfund für einen Dollar. Vor einem Jahr waren es 700 Pfund – und 47 Pfund zu Beginn des Konflikts.

• Die Infrastruktur ist nach den Kriegsjahren weitestgehend zerstört.

• Über die Hälfte der Bevölkerung wurde vertrieben, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen.

«Das Leben ist jeden Tag ein Abbild von Demütigung und Leid», sagt eine Frau in Damaskus. Ihr Ehemann hat kürzlich seine Anstellung in einem Elektronikgeschäft verloren. Nun lebt die Familie von den knappen Ersparnissen. Ihren Namen will die Frau, wie viele andere, aus Angst vor den Behörden nicht nennen. Mit zwei Kindern und ihrem Vater, um den sie sich kümmert, fürchtet sie die Zukunft.

Bisher habe sie die Medikamente für den Vater aus dem Libanon einschmuggeln können, aber auch dort herrsche jetzt große Not. «Ich gehe auf den Markt und kaufe nur das, was ich zum Kochen unbedingt brauche», erklärt sie. «Ich versuche, die anderen Dinge, die meine Kinder vielleicht mögen würden, gar nicht anzusehen.»

«Sie haben keine Zeit über Politik nachzudenken»

Die Preise in den Regierungsgebieten steigen mehrmals pro Tag. Mit sogenannten Smart Cards können Familien subventionierte Waren kaufen, wie Benzin und Gas, aber auch Tee, Zucker, Reis und Brot. Dafür müssen sie Schlange stehen, oft kommt es zu Auseinandersetzungen um Plätze in den langen Reihen.

«Das ist das Land der Warteschlangen», beschreibt der syrische Journalist Ibrahim Hamidi, der in London lebt, seine Heimat. Assads Herrschaft sei nicht bedroht, weil die Menschen zu beschäftigt damit seien, ihr Überleben zu sichern. «Sie haben keine Zeit über Politik nachzudenken», sagt Hamidi.

In den Städten organisieren die meisten Einwohner ihren Tagesablauf um die Stromversorgung herum. Für zwei Stunden Strom wird die Elektrizität vier Stunden abgeschaltet, manchmal auch länger. Generatoren können sich nur die Wohlhabenden leisten.

«Warum bringen Iran und Russland keine Hilfslieferungen auf den Weg?»

Dank russischer und iranischer Hilfe wird Al-Assads Herrschaft in den Regierungsgebieten nicht in Frage gestellt. Die Rebellion ist niedergeschlagen. Doch neue Sanktionen der USA, gepaart mit einer Finanzkrise im Libanon, weiteren westlichen Sanktionen, anhaltender Korruption und der Corona-Pandemie, ließen die syrische Wirtschaft auseinanderbrechen.

Angesichts dieser desolaten Entwicklung wird selbst unter den loyalen Anhängern des Präsidenten Kritik laut. Ein Abgeordneter stellte öffentlich die Frage, warum der Iran und Russland keine Hilfslieferungen auf den Weg brächten. Die Regierung reagiert mit Festnahmen.

Verhaftungen nach Kritik selbst von Getreuen

In den vergangenen sechs Wochen wurden neun Menschen festgenommen, darunter ein prominenter Fernsehmoderator, dessen Posts in sozialen Medien als «zu kritisch» wahrgenommen wurden. «Das Regime versucht, die Mauern der Angst wiederaufzubauen», erklärt der Journalist Hamidi.

«Die Leute sollen daran erinnert werden, dass selbst die Getreuen keine Kritik üben dürfen.» In den zehn Jahren des Krieges habe die Regierung nicht ein einziges Zugeständnis gemacht. «Es herrscht allgemein das Gefühl, dass es nur noch schlimmer werden kann. Da ist kein Horizont, keine Hoffnung.»

(L'essentiel/AP/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Petrus am 17.03.2021 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Op der Foto geseit ee jo gut,waat Kirch wert as.

  • Karl am 16.03.2021 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die 2 interessiert das alles nicht!? Für ihre Macht zu erhalten ist jedes Mittel recht !!!? Fc.

  • Sam123 am 17.03.2021 08:37 Report Diesen Beitrag melden

    Man vergisst dass Syrien das Opfer von einem gescheiterten Regimechange der USA und seinen Alliierten ist! Diesem Land ging es gut bis die Koalition den Regimechange versuchte. Den IS bewaffnete und die Opposition förderte. Die USA und ihre Alliierten sind für die Toten und die Zerstörung verantwortlich! Condoleezza Rice hat diesen versuchten Regimechange selbst zugegeben! Genau so wie der geglückte Regimechange in der Ukraine und die gescheiterten Regimechanges in Venezuela und Cuba! Selbst unser Jean Asselborn sagte in der Öffentlichkeit „den Assad muss fort!“

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Die neusten Leser-Kommentare

  • kein Horizont - keine Hoffnung am 18.03.2021 07:27 Report Diesen Beitrag melden

    solche herrschsüchtigen Machtherrscher haben es nicht verdient, dass die Sonne sie bescheint! ...

  • Petrus am 17.03.2021 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Op der Foto geseit ee jo gut,waat Kirch wert as.

  • Sam123 am 17.03.2021 08:37 Report Diesen Beitrag melden

    Man vergisst dass Syrien das Opfer von einem gescheiterten Regimechange der USA und seinen Alliierten ist! Diesem Land ging es gut bis die Koalition den Regimechange versuchte. Den IS bewaffnete und die Opposition förderte. Die USA und ihre Alliierten sind für die Toten und die Zerstörung verantwortlich! Condoleezza Rice hat diesen versuchten Regimechange selbst zugegeben! Genau so wie der geglückte Regimechange in der Ukraine und die gescheiterten Regimechanges in Venezuela und Cuba! Selbst unser Jean Asselborn sagte in der Öffentlichkeit „den Assad muss fort!“

    • @Sam123 am 17.03.2021 13:19 Report Diesen Beitrag melden

      stimmt auch so nicht, es ist ein Krieg zwischen zwei Regimen und dieser wird auf Kosten unschuldiger Menschen ausgetragen ,eigentlich eine Riesensauerei! Natürlich wird bei uns immer nur einseitig berichtet, wir sind es ja schon gewohnt...

    • Sam123 am 17.03.2021 14:04 Report Diesen Beitrag melden

      Dann war ihrer Ansicht nach, das selbe Szenario in Irak und in Libyen? Die Menschen sind dort jetzt glücklicher als vor den angestifteten Regimechanges? Was die USA dort machen ist höchst kriminell und Menschenverachtend! Können sie mir erzählen was USA ohne UNO Mandat mit ihren US Militärtruppen in Syrien zu suchen haben, wem haben wir die ganzen Flüchtlinge in Europa zu verdanken? Wieso sind die zu Sadam und Ghadaffi‘s Zeiten nicht nach Europa geflüchtet? Und das Spektakel geht jetzt mit Iran weiter! Und unsere Politiker halten immer noch den Mund anstatt USA endlich die rote Karte zu zeigen

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  • Wunschdenken am 16.03.2021 21:17 Report Diesen Beitrag melden

    Ach wären die beiden Kerzen nur Dynamitstangen und die Welt hätte einige Probleme weniger.

  • Karl am 16.03.2021 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die 2 interessiert das alles nicht!? Für ihre Macht zu erhalten ist jedes Mittel recht !!!? Fc.