Journalist bricht Tabus

23. August 2018 07:10; Akt: 23.08.2018 14:08 Print

Er gibt Verstümmelten und Gequälten ein Gesicht

Was bewegt junge arabische Menschen? Kaum jemand kann das so gut erklären, wie der deutsch-arabische Journalist Jaafar Abdul Karim.

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Gleichberechtigung, Homosexualität, Genitalverstümmelung, Zwangsheirat – Themen, vor denen TV-Sender in arabischen Ländern eher zurückschrecken. Der deutsch-arabische Journalist Jaafar Abdul Karim diskutiert solche Tabus in seiner arabischsprachigen Sendung «Shabab Talk» und erreicht damit Millionen.

Der 37-Jährige ist in Liberia geboren und im Libanon und in der Schweiz aufgewachsen. Vor 16 Jahren kam er als ausländischer Student nach Deutschland. In seinem ersten Buch «Fremde oder Freunde? Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt» richtet er sich an ein deutschsprachiges Publikum. Abdul Karim berichtet über eine junge Frau, die in Jordanien Mädchen in Kampfsport unterrichtet, über Homosexuelle, die für ihre Rechte kämpfen, über die Eltern eines IS-Attentäters und darüber, wie sich arabische Migranten in Deutschland zurechtfinden.

Herr Abdul Karim, welche Geschichte hat Sie am meisten bewegt?

Jaafar Abdul Karim: Jene einer Frau aus dem Sudan, die Opfer von Genitalverstümmelung geworden ist. Dass wegen Traditionen das Leben eines anderen zerstört wird, macht mich wütend und sprachlos, das verurteile ich. Oder die Frau aus dem Irak, die mir erzählte, sie habe sich nach dem Tod ihres Mannes zum ersten Mal frei gefühlt – nach 25 Jahren Ehe. Sie war jung zwangsverheiratet worden.

Zentrale Themen sind für mich Freiheit und Gerechtigkeit. Das Recht, so zu leben, wie man möchte, und dass niemand über das Leben eines anderen zu bestimmen hat.

Diese Themen diskutieren Sie in arabischen Ländern regelmäßig. Gibt es Momente, in denen Sie merken: Das ist gerade zu abstrakt oder komplett am Geschehen vorbei?

Ja, immer wieder. Zum Beispiel als ich in Mosul war, etwa acht Monate nachdem die Stadt vom IS befreit worden war. Ich kam in die total zerstörte Altstadt und da lagen noch Leichen auf der Straße. Nach acht Monaten. Du kommst da an, willst über Menschenrechte sprechen. Doch in dem Moment bricht alles zusammen, da haben die Menschen erst mal andere Probleme.

Oder die Frau in Darfur, die überhaupt nicht wusste, was Frauenrechte sind. Sie war einfach froh, wenn sie für ihre sechs Kinder etwas zu essen hatte. Da geht es ums nackte Überleben. Das ist krass, das schockiert. Da kann ich nicht mit vorgefertigten Fragen ankommen, sondern muss zuhören. Hören, was für diese Frau im Moment wichtig ist. Wir wollen ja die Realität widerspiegeln.

Hat sich Ihre doch westlich geprägte Haltung dadurch verändert?

Es ist wichtig, weiter an Gleichberechtigung und Menschenrechte zu glauben. In der arabischen Welt findet eine Veränderung statt, aber den Prozess müssen und wollen die Menschen selber durchlaufen. Man kann nicht von hier aus bestimmen, was dort passieren sollte. Aber wir können Plattformen bieten, die es so in den vorherrschenden patriarchalischen Strukturen dort nicht gibt. Eine politische Meinung zu haben, wird jungen Menschen nicht zugetraut. Dabei machen sie die Mehrheit der Bevölkerung aus. Auch der Westen muss sich mehr bemühen, diese Leute zu hören und zu bestärken, und nicht nur mit der Elite verhandeln.

Auf Ihren Reportagen begegnen Sie vielen Schicksalen. Stoßen Sie je an Ihre Grenzen?

Ja, obwohl ich als sehr kontrolliert gelte und als Journalist Distanz wahren muss. Deshalb lehne ich während der Arbeit etwa alle Einladungen ab. Anders, als wir zum Thema Familienzusammenführung im Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien eine Familie besuchten. Die Trennung stand unmittelbar bevor, die Großeltern würden im Camp bleiben, die Enkel und Schwiegertochter zum Sohn nach Berlin reisen. Diese Leute kauften bei aller Armut einen Hammel, luden uns ein. Ich konnte nicht ablehnen. Ich, seit Jahren strikter Vegetarier, stieß alle Prinzipien über Bord. Mein Team traute seinen Augen nicht. Und als dieser gestandene Mann und diese stolze Frau weinten, verlor ich kurz die Fassung und weinte mit ihnen.

Sie berichten auch über arabische Migranten in Deutschland. Stellen Sie seit 2015, als Flüchtlinge das große Thema waren, eine veränderte Sicht auf sie fest?

Ja. Man sprach ja von Willkommenskultur, «Flüchtlinge» war das große Wort. Doch das war keine homogene Masse, hinter jedem Einzelnen steht ein Schicksal. Ein Mensch, den man beim Bäcker trifft, dessen Kinder mit den eigenen zur Schule gehen. Einige wurden Freunde, andere blieben Fremde. Wie geht jetzt man damit um? Das Interesse an den neuen Mitbürgern ist groß – positiv als auch negativ. Aber weil wir kaum etwas über sie wissen, wird schnell pauschalisiert, was den Rechtspopulisten und Extremisten Aufwind gibt. Das merkt man zurzeit wieder vermehrt.

Es muss auf beiden Seiten Bemühungen um Integration geben und jedem muss klar sein: Das ist kein Prozess, der nur ein paar Wochen dauert. Einerseits kann man nicht erwarten, von jemandem integriert zu werden, andererseits muss man die Migranten anhören, sie ernst nehmen. Sonst entsteht eine Parallelwelt.

Welche Haltungen sind für Sie nicht nachvollziehbar?

Aufseiten der Migranten stört mich, wenn sie sagen, sie möchten kein Teil Deutschlands sein. Wenn sie sich gegen Gleichberechtigung wehren, etwa sagen, Frauen hätten hier zu viele Freiheiten. Das macht mich wütend.

Auf der anderen Seite Rassismus in jeder Form. Gespräche etwa an Demonstrationen von Rechtspopulisten haben mich sprachlos zurückgelassen.

«Shabab Talk» ist mehrfach preisgekrönt und erreicht ein Millionenpublikum. Erzielt die Sendung konkrete Wirkung?

Ja – nach der Sendung in Mosul hat der Gouverneur einen ersten Schritt unternommen, die Leichen wegzutranpsortieren. Nach dem Bericht aus Amman über sexuelle Belästigung gegen Frauen beherrschte das Thema wochenlang die Schlagzeilen im Land, es wurden offen Gesetze hinterfragt. Das sind nur zwei Beispiele und kleine Schritte. Natürlich werden aufgrund einer Fernsehsendung keine Gesetze geändert, aber ich hoffe, dass einige arabische Gesellschaften zumindest durch den Diskurs langsam sensibler für diese Themen werden.

Nach jeder Sendung erhalten Sie Hunderte Zuschriften. Gibt es eine, die Ihnen besonders nahe ging?

Ja. Sie stammte von einer jungen Frau aus Mosul. In der Zeit, in der der IS die Stadt beherrschte, habe sie stets die Vorhänge zugezogen und sich dann die Sendung angeschaut. Sie schrieb mir, «Shabab Talk» sei für sie das Fenster zur Welt gewesen. Ein größeres Kompliment gibt es nicht.

Jafaar Abdul Karim moderiert und ist Redaktionsleiter der Sendung «Shabab Talk» der Deutschen Welle und ist für diese sowie für «Zeit online» und «Spiegel online» als Journalist tätig. Er lebt in Berlin. Sein Buch «Fremde oder Freunde» ist am 21. August erschienen.

(L'essentiel/kko)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Endstation am 23.08.2018 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dusninja@ sind daß deine einzige Problemen im Leben??? Rechtsrei..... Bla bla bla

  • Dusninja am 23.08.2018 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie haben die Reporter bei l'essentiel die Rechtschreibreform nicht verstanden. Das sz ist da nicht abgeschafft, wo es zu Verwechselungen führt: Masse = grosse Menge Maße= Einheit der Messung Busse = viele Omnibusse Buße=Schuld einlösen Interessanter Weise wir beim l'Essentiel imme das ss verwendet, wo das ß hingehört um umgekehrt. ES NERVT UND HEISST HIER MASSE. KAPIERT DAS ENDLICH ;)

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  • Endstation am 23.08.2018 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dusninja@ sind daß deine einzige Problemen im Leben??? Rechtsrei..... Bla bla bla

  • Dusninja am 23.08.2018 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie haben die Reporter bei l'essentiel die Rechtschreibreform nicht verstanden. Das sz ist da nicht abgeschafft, wo es zu Verwechselungen führt: Masse = grosse Menge Maße= Einheit der Messung Busse = viele Omnibusse Buße=Schuld einlösen Interessanter Weise wir beim l'Essentiel imme das ss verwendet, wo das ß hingehört um umgekehrt. ES NERVT UND HEISST HIER MASSE. KAPIERT DAS ENDLICH ;)