Whistleblower Snowden

10. Juni 2013 15:41; Akt: 10.06.2013 15:59 Print

Er schützt sich mit Kissen und Tuch vor CIA

Statt sich auf Hawaii mit seiner Freundin und einem fetten Jahresgehalt zu vergnügen, legt sich Edward Snowden mit der US-Regierung und dem Geheimdienst an.

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Er sitzt seit drei Wochen in einem Hotelzimmer in Hongkong und getraut sich kaum mehr an die frische Luft: Edward Snowden, der 29-jährige Whistleblower, der dem britischen «Guardian» steckte, in welchem Ausmaß der US-Geheimdienst NSA Bürger ausspioniert.

Gestern outete sich Snowden in einem 12 Minuten langen Videointerview mit der britischen Zeitung (siehe unten) als Informant und erklärte seine Motive für den Leak. Im Gegensatz zu anderen Whistleblowers wollte Snowden seine Identität nicht geheimhalten, sondern mit seinem Namen zu den Veröffentlichungen stehen. «Ich habe nicht die Absicht, zu verstecken, wer ich bin, weil ich weiss, dass ich nichts falsch gemacht habe», sagte er.

Leben auf Hawaii aufgegeben

Es gehe ihm nicht um die mediale Aufmerksamkeit, sondern um die fragwürdigen Handlungen der US-Regierung. Tatsächlich tauschte Snowden sein komfortables Leben auf Hawaii mit Freundin und sechsstelligem Jahresgehalt gegen den Kampf mit einem mächtigen Gegner: den Geheimdiensten der USA. Gerade Snowden weiß, mit welchen Mitteln dieser Gegner kämpft.

Entsprechend verhält er sich: Aus Angst, ausspioniert und abgehört zu werden, polstert er die Tür seines Hotelzimmers mit Kissen aus. Wenn er auf seinem Laptop das Passwort eingebe, ziehe er ein grosses, rotes Tuch über den Kopf und den Laptop, damit das Passwort nicht von versteckten Kameras erfasst werden könne.

«Könnte von der CIA verschleppt werden»

Snowden hat offensichtlich Angst, dass man versuchen könnte, ihn in die USA zu verschleppen. «Ja, ich könnte von der CIA verschleppt werden. Es könnten Leute hinter mir her sein. Oder jeder der Partner der US-Regierung. Sie arbeiten eng mit anderer Nationen zusammen. Oder sie könnten die Triaden (chinesische Mafia) bezahlen. Jeder ihrer Agenten oder Aktivposten», so der Whistleblower. «Wir haben eine CIA-Station gleich die Strasse hinunter - das Konsulat hier in Hongkong - und ich bin sicher, sie werden in der nächsten Woche beschäftigt sein. Und das ist eine Sorge, mit der ich für den Rest meines Lebens, wie lang auch immer dieses dauern wird, leben werde.»

Trotz des Versprechens, die «transparenteste Regierung in der Geschichte» zu führen, geht Obama mit bisher ungekannter Härte gegen Whistleblower vor: Unter Obama wurden so viele Whistleblower unter dem umstrittenen «Espionage Act» angeklagt wie kaum zuvor.

Dem «Guardian» erzählte Snowden weiter, dass er zunächst im Bundesstaat North Carolina aufgewachsen und dann mit seiner Familie in die Nähe von Fort Meade in Maryland gezogen sei. Dort befindet sich das Hauptquartier der National Security Agency (NSA), dessen Spähmethoden er nun öffentlich gemacht hat.

Dasselbe Schicksal wie Manning?

Auf der Armeebasis in Fort Meade steht außerdem der Obergefreite Bradley Manning vor Gericht, der vor drei Jahren hunderttausende US-Geheimdokumente an die Enthüllungswebsite Wikileaks weiterleitete. Manning wird im schlimmsten Fall lebenslang ins Gefängnis müssen - dieses Schicksal könnte auch Snowden drohen.

Nach eigenen Angaben war Snowden kein guter Schüler. Doch er hatte eine besondere Begabung für Computer - eine Qualifikation, die bei US-Geheimdiensten zur Abwehr von Terrorgefahren sehr gefragt ist. Zunächst habe Snowden aber sein Glück bei der Armee versucht, 2003 soll er als Rekrut bei den Spezialkräften angefangen haben. Nach einem Trainingsunfall, bei dem er sich beide Beine gebrochen habe, sei er aber aus dem Dienst entlassen worden, berichtet er.

Gegen die Politik von Obama

Bei der NSA begann der 29-Jährige nach eigenen Angaben als einfacher Sicherheitsmann, dann habe er für den Auslandsgeheimdienst CIA im Bereich IT-Sicherheit gearbeitet. Dort sei er auch ohne Diplom schnell aufgestiegen und zwischenzeitlich in Genf in der Schweiz stationiert gewesen.

Im Jahr 2009 heuerte der Computerexperte bei einer Beratungsfirma an, die unter anderem für die NSA tätig ist. Dort sei ihm das Ausmass der staatlichen Überwachung bewusst geworden, sagt Snowden dem «Guardian». Der mit dem Versprechen von mehr Transparenz angetretene Obama habe «genau die Politik vorangetrieben, von der ich dachte, dass sie gezügelt wird».

Vor drei Wochen kopierte Snowden laut «Guardian» im NSA-Büro auf Hawaii die letzten Dokumente für seine Enthüllungen, anschließend setzte er sich in einen Flieger nach Hongkong. In der vergangenen Woche erschienen dann die Berichte über das Spähprogramm PRISM, mit dem die NSA direkt auf Server grosser Internetfirmen wie Google zugreifen und so Nutzer weltweit überwachen soll.

Auslieferung könnte Jahre dauern

Außerdem veröffentlichte der «Guardian» einen Gerichtsbeschluss, der es der NSA erlaubt, im Anti-Terror-Kampf wahllos Daten über die Handyverbindungen von Millionen Menschen in den USA zu sammeln.

Snowden rechnet fest mit einer Anklage in den USA. Den Zufluchtsort Hongkong wählte er, weil die frühere britische Kolonie eine «starke Tradition der freien Meinungsäusserung» habe. Die Metropole gehört zu China, hat aber Sonderverwaltungsrechte.

Ein Auslieferungsverfahren könnte Monate oder sogar Jahre dauern. Snowden sagt, er wolle sich um Asyl bemühen, vielleicht in Island: «Ich rechne nicht damit, meine Heimat wiederzusehen.»

(Video: Reuters)

(L'essentiel Online/gux)

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