Getöteter Atomphysiker

30. November 2020 14:21; Akt: 30.11.2020 14:22 Print

Iran jagt vier Männer nach Attentat

Nachdem der iranische Atomphysiker Mohsen Fachrisadeh auf offener Straße getötet wurde, sucht nun offenbar das ganze Land nach den Tätern.

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Nach dem tödlichen Anschlag auf den iranischen Atomphysiker und Raketenexperten Mohsen Fachrisadeh soll der Iran nach vier mutmaßlichen Verdächtigen suchen. Das twitterte der in London lebende iranische Journalist Mohamed Ahwaze am späten Sonntagabend.

Israelische Medien nahmen dies am frühen Montagmorgen auf und berichteten, iranische Geheimdienst-Agenten würden Fotos der vier Männer an Hotels im ganzen Land verteilen und dazu auffordern, sich umgehend zu melden, sollte jemand die Männer wiedererkennen. Journalist Ahwaze zufolge wurden auch die Grenzkontrollen zum Nordirak verstärkt. Man nehme an, dass die vier Männer auf diesem Weg aus dem Iran zu fliehen versuchten.

Fast gleichzeitig meldete auch die iranische Nachrichtenagentur Fars, dass die Identität der Attentäter dem iranischen Geheimdienst bekannt sei. Man werde die Informationen demnächst mit der Öffentlichkeit teilen.

Beisetzung mit Familienmitgliedern und Generälen

Der 63-jährige Atomphysiker Fachrisadeh war am Freitag in einem Vorort Teherans erschossen worden. Die iranische Führung macht «hiesige Söldner» der USA und Israels für den Anschlag verantwortlich.

Am Montag wurde Fachrisadeh in der Hauptstadt Teheran beigesetzt. Die Zeremonie wurde vom Staatsfernsehen direkt übertragen. Wegen der Corona-Krise durften nur Familienmitglieder des Physikers und hochrangige Generäle an der Beisetzung teilnehmen.

«Unsere Feinde wissen, dass kein Verbrechen im Iran unbeantwortet und unbestraft bleiben wird», sagte Verteidigungsminister Amir Hatami in der Trauerrede. Auch sollten die «Terroristen» wissen, dass der Märtyrertod im Iran eine Ehre sei. Der tödliche Anschlag werde den Fortschritt des iranischen Atomprogramms nicht stoppen, da Fachrisadehs Weg «noch konsequenter» von iranischen Wissenschaftlern fortgesetzt werde.

Angriff auf israelische Stadt Haifa gefordert

Für die Ermordung des Atomphysikers fordern die Hardliner im Land Rache. Ihr Sprachrohr, die Tageszeitung Kejhan, verlangt gar einen militärischen Angriff auf die israelische Hafenstadt Haifa. Präsident Hassan Ruhani jedoch warnt vor einer drastischen Reaktion, da die Attentäter genau dies bezwecken wollten, um einen neuen Konflikt mit dem Iran zu provozieren.

«Wir wussten doch schon im Vorfeld, dass die letzten Wochen für unsere Feinde eng werden könnten und sie daher alles unternehmen würden, um eventuelle Änderungen in der Weltpolitik zu verhindern», sagte Präsident Ruhani. Mit «Feinden» meint er den US-Präsidenten Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanyahu, mit den letzten Wochen die Zeit bis zum Abgang Trumps und zur Amtsübernahme Joe Bidens am 20. Januar 2021.

Trumps Nahost-Strategie steht auf dem Spiel

Für Trump steht seine ganze Nahost-Strategie auf dem Spiel, die eine Neuordnung der Region samt der Stärkung Israels und der Zurückdrängung des iranischen Einflusses vorsieht. Nach seiner Wahlniederlage hatte Trump sich US-Medien zufolge nach Optionen für ein militärisches Vorgehen gegen den Iran erkundigt. Teheran interpretierte dies als Trumps Versuch, eine Annäherung einer Biden-Regierung an Ruhanis Team schon vorab zu blockieren. «Die Ermordung Fachrisadehs sollte nicht das Kriegspotenzial des Iran behindern, es sollte Diplomatie behindern», twitterte auch der frühere Direktor am Internationalen Institut für Strategische Studien, Mark Fitzpatrick, ein US-Experte für die Nichtverbreitung von Atomwaffen.

Die große Hoffnung Ruhanis und seiner Reformer ist, dass die USA unter Biden zum Atomdeal zurückkehren werden. «Das ist eine Gelegenheit, die wir nicht ungenutzt verstreichen lassen sollten», mahnt der Präsident. Denn dann könnte sich der Iran aus den US-Sanktionen befreien und bekäme die Chance, die schwere Wirtschaftskrise zu überwinden. Dies sei im nationalen Interesse und dürfe nicht aus internen und parteipolitischen Erwägungen infrage gestellt werden, meint Ruhani.

Doch Ruhani wird es schwer haben, die Hardliner und insbesondere die mächtigen Revolutionsgarden (IRGC) von seine Vorstellungen zu überzeugen. Neben Rache haben die Hardliner auch längerfristige Ziele im Hinterkopf: Im Iran wird am 18. Juni 2021 ein neuer Präsident gewählt. Ruhani darf nach zwei Amtszeiten nicht wieder antreten. Wer sein Nachfolger wird, hängt auch von der künftigen US-Außenpolitik ab.

(L'essentiel/gux/SDA)

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