100.000 Tote

28. Mai 2020 19:32; Akt: 28.05.2020 19:45 Print

Krieg statt Trost von US-​​Präsident Donald Trump

Die USA haben in der Corona-Krise eine traurige Höchstmarke bei den Todesopfern erreicht. Tröstet der US-Präsident sein Land und zeigt sich empathisch in der Krise? Das Gegenteil ist der Fall.

Quelle: Youtube

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In den USA ist die traurige Höchstmarke von 100.000 Corona-Toten überschritten. Währenddessen macht sich der US-Präsident über Reporter lustig, die einen Mundschutz tragen («Ach, Sie wollen wohl politisch korrekt sein?») oder gießt Häme über seinen politischen Gegner Joe Biden, der sich ebenfalls an die Vorgaben der US-Gesundheitsbehörde hält und eine Schutzmaske trägt.

Gehe es aber um die horrenden Opferzahlen, sei Trump ganz untypisch still, beobachtet die Washington Post. Das sieht auch der USA-Korrespondent der Tagesschau so: «Trumps lautes Schweigen», titelt er und schreibt: «Trump weiß, dass er die Schlagzeilen bestimmen muss.» Angesichts der aktuellen Todeszahlen im Land scheine dabei jedes Mittel recht: «Verschwörungstheorien, persönliche Angriffe, zurecht gebogene Erinnerung – Trumps Kritiker in den USA sprechen von einer neuen Höchstmarke an Fehlinformationen.»

Dazu gehört etwa, dass Trump weiterhin gerne betont, ohne sein entschlossenes Handeln läge die Zahl der Toten noch viel höher – was nachweislich falsch ist, hatte er die Pandemie doch lange und sehr öffentlich heruntergespielt.

Nächtliche Twitter-Stürme als Ablenkungsstrategie

Auf empathische oder tröstende Worte in der Krise warten viele Amerikaner umsonst. Stattdessen setzt Trump in den letzten Tagen auf eine fast schon martialisch anmutende Ablenkungsstrategie: Dafür sprechen zumindest die vielen nächtlichen Twitter-Stürme, in denen Trump vor allem gegen die Medien und Medienschaffenden herzieht.

– Von der New York Times verlangte er, sie müsse den Pulitzerpreis für ihre Berichterstattung über die Russland-Ermittlungen gegen die Trump-Regierung zurückgeben.

– Er freut sich ob der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Magazins The Atlantic.

– Er unterstellt MSNBC-Moderator Joe Scarborough, in einen Mord verwickelt zu sein. 19 Jahre zuvor war eine Mitarbeiterin in Scarboroughs Büros verunfallt und verstorben. Öffentliche Bitten des Witwers der Frau, Twitter möge diese «Lügen» des US-Präsidenten löschen, blieben ungehört.

«Glauben Sie uns: Das lässt Sie nicht größer aussehen»

Gerade die Attacken auf «Psycho Joe Scarborough», wie der US-Präsident den Moderator und ehemaligen Kongressabgeordneten nennt, gingen vielen Verbündeten des US-Präsidenten und auch konservativen Medien zu weit. «Glauben Sie uns: Das lässt Sie nicht größer aussehen», titelte die New York Post. Der Washington Examiner schrieb, Trumps Verhalten sei «inkompatibel» mit Führungsstärke, und das Wall Street Journal nannte die Tweets «hässlich, sogar für ihn». Bei den Meinungssendungen von Trumps Informationskanal Nummer eins, Fox News, blieb das Thema unerwähnt.

Kritik zu den Tweets äußerten auch Republikaner wie Mitt Romney oder Liz Cheney, die Kongressabgeordnete für den Bundesstaat Wyoming und Tochter des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney. «Ich würde ihm dringend raten, damit aufzuhören», sagte sie an Trumps Adresse gewandt.

Bei all den Rundumschlägen passt es, dass Trump auch gegen Twitter einen Krieg anzettelt und Plattformen sozialer Medien mit neuer Regulierung oder sogar Schließung droht.

Trumps Umfragewerte – «wie ist das möglich?»

Überraschenderweise schlägt sich das erratische Benehmen des US-Präsidenten kaum in den Umfragewerten nieder. Diese bewegen sich seit Trumps Amtsantritt immer zwischen 49 und 35 Prozent. Anlass für die Washington Post, zu schreiben: «Herrgott! Während dieser Pandemie sind 100.000 Amerikaner gestorben, und fast 40 Millionen Amerikaner haben ihre Arbeit verloren. Und doch bewegt sich Trumps Zustimmungsrate lediglich um einige Prozentpunkte nach oben oder unten. Wie ist das möglich?»

Eine Erklärung sei unter anderem ein Phänomen, das in der Psychologie unter «Motivated Reasoning» bekannt ist und das derzeit die US-Politik präge: Wird ein bestimmtes Ergebnis präferiert, wird der Denkprozess unbemerkt in die gewünschte Richtung gelenkt – man sieht die Realität durch die Brille des erwünschten Ergebnisses. Hier spielt auch hinein, dass wir jene Fakten aufbauschen, die unsere Ansicht unterstützen («Confirmation Bias»), während wir jene, die das Gegenteil belegen, ablehnen oder ganz ignorieren.

Dennoch: Alles scheint sich Trump dann doch nicht leisten zu können. Laut einer aktuellen Fox-News-Umfrage sind nur noch 43 Prozent der befragten Amerikaner mit Trumps Handhabung der Corona-Krise zufrieden – im April und März waren es noch 51 Prozent gewesen.

(L'essentiel/ag)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Desperado am 29.05.2020 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Hier spielt auch hinein, dass wir jene Fakten aufbauschen, die unsere Ansicht unterstützen («Confirmation Bias»), während wir jene, die das Gegenteil belegen, ablehnen oder ganz ignorieren. 80% vun der Bevölkerung maachen genau daat, an dir wellt et emmer sou dohin stellen wéi wann et emgekéiert wier. Bravo, top Propagandaarbescht!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Desperado am 29.05.2020 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Hier spielt auch hinein, dass wir jene Fakten aufbauschen, die unsere Ansicht unterstützen («Confirmation Bias»), während wir jene, die das Gegenteil belegen, ablehnen oder ganz ignorieren. 80% vun der Bevölkerung maachen genau daat, an dir wellt et emmer sou dohin stellen wéi wann et emgekéiert wier. Bravo, top Propagandaarbescht!