Sturm aufs Kapitol

13. Januar 2021 07:11; Akt: 13.01.2021 15:19 Print

Mehr brutale Details kommen ans Tageslicht

Millionen Menschen konnten live im Fernsehen die Szenen der Gewalt beim Angriff auf das Washingtoner Kapitol miterleben. Erst Tage später wird das Ausmaß des Aufstandes offenbar.

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Unter Kampfbannern mit Donald Trumps Namen klemmen die Angreifer auf dem Kapitol einen Polizisten an einer Eingangstür ein, «Hilfe!» schreit er, sein Gesicht schmerzverzerrt, seine Zähne blutig, wie man später in einem Video sehen kann. Ein anderer Polizeibeamter wird zu Tode geschlagen, offenbar mit einem Feuerlöscher, einen dritter gewaltsam über ein Geländer gestoßen, er fällt in die tobende Menge.

«Hängt Pence!» ruft der Mob in Sprechchören, als er ins Kapitol vordringt, mit Rohren auf Polizisten einschlägt, um sich einen Weg zu bahnen. Man will auch wissen, wo Nancy Pelosi steckt, die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, und überhaupt, wo sich all die Parlamentarier aufhalten: «Wo sind sie?» Draußen hat man einen Galgen errichtet, komplett mit hölzernen Stufen und einer Schlinge, Schusswaffen und Rohrbomben sind in der Nähe versteckt.

Was sich am 6. Januar auf dem Washingtoner Kapitol abspielte, war eines der düstersten Kapitel der amerikanischen Demokratie, unfassbar die Szenen, die Menschen rund um die Welt an jenem Tag im Fernsehen miterlebten. Aber erst nach und nach wird dank zahlreicher Handy-Videos und Augenzeugenberichte das volle Ausmaß der Bösartigkeit dieses Anschlages offenbar – und die Planung, die dahinterstand.

«Faschismus außer Kontrolle»

Es war nicht nur eine Ansammlung von demonstrierenden Trump-Unterstützern, die sich von ihrer Wut über die Wahlniederlage des Präsidenten hin- und mitreißen ließen – eine Erkenntnis, die den demokratischen Abgeordnete Jim McGovern in Echtzeit traf, als der brüllende prügelnde Mob den Sitzungssaal des Repräsentantenhauses erreichte. «Ich sah diese Menge von Leuten schreiend auf das Glas einhämmern», schilderte er später der Nachrichtenagentur AP. «Als ich ihre Gesichter sah, dämmerte es mir, dass sie nicht Demonstranten sind, sondern Leute, die Schaden zufügen wollen. Was ich vor mir sah, war im Grunde einheimischer Faschismus außer Kontrolle.»

Auch Pelosi sprach von einer «gut geplanten, organisierten Gruppe mit Führungspersonen und Anleitung. Und die Anleitung war, Leuten an den Kragen zu gehen».

Der Aufstand begann mit einer Kundgebung, auf der Trump und führende Gefolgsleute wie sein Anwalt Rudy Giuliani die anschwellende Menge noch einmal richtig anheizten, zum Kampf aufforderten – kurz vor Beginn einer Sitzung von Abgeordneten und Senatoren zur traditionellen offiziellen Auszählung der Stimmen des Wahlleute-Gremiums, die dem Demokraten Joe Biden bereits zuvor den Sieg bei der Präsidentenwahl im November bescheinigt hatten. Nutzer der sozialen Medien am rechten Rand hatten bereits seit Wochen offen angedeutet, dass es Chaos im Kongress geben werde, wenn er zwecks Bestätigung des Ergebnisses zusammentreten werde. Im Zuge des Angriffes ermutigten sie Anhänger, «dem Plan zu vertrauen» und «die Front zu halten».

War das FBI gewarnt

Was genau der Plan war, steht im Mittelpunkt der derzeitigen Ermittlungen. Das FBI untersucht, ob manche der Angreifer Kongressmitglieder entführen und als Geiseln benutzen wollten – oder vielleicht sogar noch Schlimmeres. Einige trugen Plastikhandfesseln bei sich.

Innerhalb des FBIs gab es nach einem Bericht der «Washington Post» eine Warnung vor einer solchen Eskalation. Extremisten hätten demnach gepostet, man solle sich bei der Reise nach Washington auf «Krieg» einstellen. «Der Kongress muss hören, wie Glas zerbricht, wie Türen eingetreten werden und wie das Blut ihrer BLM (Black Lives Matter)- und Antifa-Sklavensoldaten vergossen wird», hieß es laut dem Blatt in einem der Postings.

Es waren Tausende, die das Capitol stürmten. Sie überrannten vor dem Gebäude die – zahlenmäßig völlig unterlegenen – Polizisten und Metallbarrieren. Kurz nach 14 Uhr Ortszeit rief die Polizei im Capitol Mitarbeiter in einem Bürogebäude im Kapitolkomplex auf, sich in einem Untergrund-Tunnelsystem in Sicherheit zu bringen, Minuten später wurde Vizepräsident Mike Pence an einen geheimen Ort auf dem Gelände gebracht: Er hatte sich Trumps Aufforderung widersetzt, Biden den Wahlsieg nicht zu bescheinigen und war damit neben Pelosi zu einem Hauptziel der Angreifer geworden.

Pelosi wollte sich nicht verstecken

Um 14.15 wurden die Türen des Saales der Abgeordnetenkammer verbarrikadiert und Parlamentariern drinnen wurde geraten, sich hinter ihren Stühlen zu ducken oder sich in Schränken zu verstecken. Pelosi weigerte sich nach eigenen Angaben zunächst, sich von der Polizei in Sicherheit bringen zu lassen, auch noch, als der Mob bereits vor den gesperrten Türen zur Kammer stand, gab dann aber schließlich nach.

Um 14.44 Uhr, als die Vorbereitungen zur Evakuierung des gesamten Saales liefen, war ein Schuss direkt vor einer Tür zu hören, wie man später erfuhr, hatte ein Polizist auf eine vordringende Angreiferin gefeuert und sie getötet.

Im Sitzungssaal des Senats auf der anderen Seite des Capitols waren zeitweise 200 Menschen verbarrikadiert. Ein schwer bewaffneter Polizist stand beschützend in der Nähe der Fraktionschefs der Republikaner und Demokraten, Mitch McConnell, der sich ebenfalls Trumps Willen widersetzt hatte, und Chuck Schumer. Der Saal wurde dann wenig später ebenfalls evakuiert, bevor der Mob in ihn eindrang. Draußen vor der Kammer suchten Angreifer derweil weiter nach Parlamentariern, riefen: «Wo sind sie?»

Eine ähnliche Frage stellten sich andere: Wo blieben die erhofften, mittlerweile angeforderten Verstärkungen für die Polizei? Erst um 17.30 Uhr, nachdem schließlich die Nationalgarde angerückt war, begann eine breit angelegte Offensive, die Angreifer aus dem Kapitol zu vertreiben. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte setzten Tränengas gegen die Menge ein und durchkämmten dann die Flure, um nach möglichen Nachzüglern zu suchen. Als es zu dunkeln begann, drängten Beamte in Kampfausrüstung den Mob Meter für Meter vom Kongressgebäude weg, inmitten von Tränengaswolken und dem Lärm von Granaten.

Nicht lange danach setzten Abgeordnete und Senatoren ihre Arbeit fort, bestätigten am frühen Morgen des 7. Januar Bidens Wahlsieg, immer noch völlig schockiert von dem Aufstand – und dem katastrophalen Versagen des Sicherheitsapparates.

(L'essentiel/DPA/chk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Japs am 13.01.2021 09:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wer Wind sät, wird Sturm ernten

  • Pierre am 14.01.2021 00:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lauter gebildten Lait gesait een ann de Kommentaren.

  • Der Verdacht am 13.01.2021 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    dass hier politisch nachgeholfen wurde.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Pierre am 14.01.2021 00:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lauter gebildten Lait gesait een ann de Kommentaren.

  • Octopus am 13.01.2021 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dat ganzt kristaliseiert sech emmer mei zu engem Coup monté vun der President elec Seit aus. Erennert mech irgenwei un dem Erdogan sein Fake Putsch.

    • Inszeniert? am 13.01.2021 23:51 Report Diesen Beitrag melden

      Inszeniert von Biden?! Da sind Menschen gestorben! Der einzige Verantwortliche dafür ist Trump!

    einklappen einklappen
  • Japs am 13.01.2021 09:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wer Wind sät, wird Sturm ernten

  • Der Verdacht am 13.01.2021 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    dass hier politisch nachgeholfen wurde.