Aufgestaute Wut

04. August 2021 11:15; Akt: 04.08.2021 11:18 Print

Stürzen die iranischen Proteste die Mullahs ?

Seit Wochen protestieren die Menschen im Iran gegen das Regime in Teheran. Bleibt die Frage, wie viel Sprengkraft die Demonstrationen haben? Die Vergangenheit lässt nichts Gutes erahnen.

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«Der Ayatollah der Hinrichtungen»: Ebrahim Raisi , der neu vereidigte Präsident Irans. Läuten die aktuellen Proteste den Untergang der Islamischen Republik ein? (Bild: VIA REUTERS)

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«Ich denke, dass der Anfang des Endes des Regimes immer näher rückt», sagt Islamwissenschaftler Mahdi Rezaei-Tazik. Der Anlass für den verhaltenen Optimismus des Exil-Iraners sind die anhaltenden Proteste gegen das Regime in Teheran.

Seit Tagen und Wochen sind in mehreren Städten und Provinzen im Land Rufe wie «Gebt unser Land frei», «Nieder mit Khamenei» und «Tod den Diktatoren» zu hören. Hintergrund sind die schweren wirtschaftlichen und ökologischen Missstände im Land.

«Man ist sich darüber im Klaren, dass die Ursache dieser Armseligkeit, dieses Unglücks, auf die 42-jährige Herrschaft der Islamischen Republik Iran zurückgeht», so Rezaei-Tazik.

«Das ist kein Wunschdenken»

Ist ein absehbares Ende der Mullahs wirklich realistisch? «Das ist kein Wunschdenken», sagt er. «Die zeitliche Distanz zwischen den Protesten wird immer kleiner – und die Aufstände immer radikaler». Dass mit dem neuen Präsidenten Ebrahim Raisi ein Hardliner an die Macht gekommen ist, ändere nichts: «Ich glaube eher daran, dass die Leute nichts mehr zu verlieren haben.»

Tatsächlich mehren sich die Proteste seit Jahren. Zuletzt waren die Iraner und Iranerinnen im November 2019 gegen das Regime in Massen auf die Straßen geströmt. Bei den knapp zweiwöchigen Protesten sollen 1500 Menschen von Sicherheitskräften und Revolutions Garden getötet worden sein, wie später ans Licht kam.

Es bräuchte «Millionen, die spontan auf die Straße gehen»

«Dass die Menschen keine zwei Jahre später wieder demonstrieren, zeigt, wie enorm groß der Leidensdruck auch heute ist» sagt Nahostexperte Guido Steinberg. Welchen Umfang die aktuellen Proteste hätten, sei aber schwer einzuschätzen.

Die Kraft der Demonstrationen würden von außen meist überschätzt, sagt auch Adnan Tabatabai. Der Iran-Experte bezweifelt, dass die aktuellen Unruhen zu einem Umsturz in Teheran führen könnten - «dafür bräuchte es, überspitzt gesagt, noch mehr Unzufriedenheit im Land».

Von den 83 Millionen Einwohnern müssten dafür «mehrere Millionen Menschen spontan auf die Straßen gehen», sagt auch Steinberg und verweist auf den Umstand, dass Teheran innerhalb kurzer Zeit Hunderttausende seiner Sicherheitskräfte und Revolutionsgarden breitflächig mobilisieren kann.

Neues Ausmaß von Elend

Kommt dazu, dass es im Land keine breit abgestützte Opposition, keine vertrauenswürdige Alternative zu Regime und Revolutionsgarden gibt.

Gleichzeitig aber hat das Elend im Land – fehlendes Wasser, fehlender Strom und immer mehr Corona-Fälle – selten solche Ausmaße angenommen wie heute. Die Mängel würden die Hoffnung auf Reformen stückweise verdrängen, beschreibt eine anonyme iranische Quelle die Stimmung in der Bevölkerung. Viele lehnten mittlerweile das System insgesamt ab.

«Ayatolla der Hinrichtungen» in der Zwickmühle

In einer Zwickmühle steckt nun Ebrahim Raisi, der soeben als Präsident vereidigt wurde. Proteste am Anfang seiner Amtszeit kann er sich nicht leisten. Ärger mit Parlament und Hardlinern aber auch nicht.

Schließlich war er bei der Wahl deren Spitzenkandidat und verdankt ihnen seinen Sieg. Die Vergangenheit Raisis, dem «Ayatolla der Hinrichtungen», lässt nicht unbedingt Gutes ahnen.

(L'essentiel/Ann Guenter)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sam123 am 04.08.2021 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Man weiss ja warum es dem Land und der Bevölkerung schlecht geht. Es sind die EU und US Sanktionen die das Land ersticken! Und macht euch auf noch ein paar mehr Millionen iranische Flüchtlinge gefasst die in die EU strömen wenn es wirklich zu einem Bürgerkrieg kommt! Dann haben unsere Politiker es endlich geschafft ganz Europa zu destabilisieren!

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  • Zukunft von Deutschland am 04.08.2021 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    "Deutsche Politiker" waren die ersten" Gratulaten" bei "politischen Ereignisse" u. sind dabei, diese in "Deutschlands Demokratie umzusetzen"!

  • Karl am 05.08.2021 00:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Menschenverachtendes & Mörderisches Mullah Regime!!!!!!? Fco.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Karl am 05.08.2021 00:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Menschenverachtendes & Mörderisches Mullah Regime!!!!!!? Fco.

  • Zukunft von Deutschland am 04.08.2021 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    "Deutsche Politiker" waren die ersten" Gratulaten" bei "politischen Ereignisse" u. sind dabei, diese in "Deutschlands Demokratie umzusetzen"!

  • Gestern waren es die Drohnen am 04.08.2021 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichzeitig aber hat das Elend im Land – fehlendes Wasser, fehlender Strom und immer mehr Corona-Fälle – selten solche Ausmaße angenommen wie heute. Dat ass sëcher well déi Mullahen all d'Suen an hieren Drohnen-Programm gestach hunn. Wësst der, déi Drohnen déi regelmässeg Tankeren ugreife sollen... oder kéinten eis langjähreg Embargoen vielaicht eppes domat(Zoustand vun hirem Land) ze dinn hunn?

  • Sam123 am 04.08.2021 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Man weiss ja warum es dem Land und der Bevölkerung schlecht geht. Es sind die EU und US Sanktionen die das Land ersticken! Und macht euch auf noch ein paar mehr Millionen iranische Flüchtlinge gefasst die in die EU strömen wenn es wirklich zu einem Bürgerkrieg kommt! Dann haben unsere Politiker es endlich geschafft ganz Europa zu destabilisieren!

    • packtiech am 04.08.2021 12:36 Report Diesen Beitrag melden

      eben und so kommt es zu Aufständen! Ach ja wir sind ja wieder Verschwörungstheoretiker!

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