Afghanistan

27. September 2021 07:42; Akt: 27.09.2021 07:55 Print

Taliban hängen vier Leichen «zur Ermahnung» auf

Amputation bei Diebstahl, öffentliche Hinrichtungen: Solche Strafen waren unter den Taliban in Afghanistan früher üblich. Nun sind sie zurück und mit ihnen die strengen Maßnahmen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die in Afghanistan herrschenden Taliban haben am Samstag in der westlichen Stadt Herat die Leichen von vier mutmaßlichen Entführern aufgehängt, die sie zuvor erschossen hatten. Der Vize-Gouverneur der Provinz Herat, Schir Ahmed Muhadschir, erklärte, das Aufhängen der Leichen an Kränen solle eine «Lektion» dafür sein, dass Entführungen nicht geduldet würden.

Die Zurschaustellung der Leichen ist die schwerste öffentliche Bestrafung seit der Machtübernahme der Taliban Mitte August. Auf einem Video war einer der erschossenen Männer zu sehen, der von einem Kran herabhing und auf seiner Brust die Warnung trug: «So werden Entführer bestraft.»

Muhadschir sagte, die Sicherheitskräfte seien darüber informiert worden, dass am Samstagmorgen ein Geschäftsmann und dessen Sohn in Herat entführt worden seien. Daraufhin habe die Polizei die Ausfallstraßen gesperrt und die Taliban hätten an einem Kontrollpunkt Stellung bezogen.

Dort habe es einen Schusswechsel gegeben. Nach einem Feuergefecht von wenigen Minuten sei «einer unserer Mudschahedin verletzt» gewesen, während «alle vier Entführer getötet worden» seien, sagte Muhadschir in einer Erklärung, die der Nachrichtenagentur «AFP» vorlag.

Steinigungen und abgehackte Hände

«Wir sind das Islamische Emirat», sagte Muhadschir. «Niemand sollte unserer Nation Schaden zufügen.» Die Taliban haben nach ihrer Machtübernahme eine Regierung gebildet und bemühen sich um internationale Anerkennung. Es bestehen Befürchtungen, dass in Afghanistan wieder ähnliche Gräueltaten verübt werden, wie während ihrer Herrschaft in den Jahren 1996 bis 2001.

Damals wurden mutmaßliche Kriminelle öffentlich gesteinigt, anderen wurden die Gliedmaßen abgehackt. Exekutionen von überführten Mördern wurden in der Regel durch einen Kopfschuss ausgeführt, den ein Mitglied der Opferfamilie abgab. Vollstreckt wurden die Strafen mitunter vor Hunderten Männern in einem Sportstadion in Kabul oder auf dem Gelände einer Moschee. Schuldsprüche ergingen hingegen selten öffentlich; das Justizwesen dominierten islamische Geistliche, deren Rechtskenntnisse sich auf religiöse Anordnungen beschränkten.

Mullah Nooruddin Turabi, einer der Mitbegründer der Taliban, sagte erst diese Woche der AP, dass seine Gruppe Hinrichtungen und rigide Strafen wieder einführen werde, auch wenn diese vermutlich nicht vor den Augen der Öffentlichkeit erfolgen würden. «Das Abhacken von Händen ist sehr wichtig für die Sicherheit», erklärte. Denn das habe abschreckende Wirkung. Das Taliban-Kabinett prüfe noch, ob es solche Strafen in der Öffentlichkeit vollstrecken lassen werde. Man arbeite dazu ein Regelwerk aus, sagte er. Anders als damals würden aber diesmal Richter über Fälle entscheiden. Und Richterinnen solle es auch geben.

Bildstrecke: Taliban hängen vier Leichen «zur Ermahnung» auf
«Niemand sagt uns, was unsere Gesetze sein sollen»

Turabi, inzwischen in seinen Sechzigern, war während der früheren Taliban-Herrschaft Justizminister und Vorsitzender des sogenannten Ministeriums für Verbreitung von Tugend und Verhütung von Lastern, also der Religionspolizei. In der neuen Taliban-Regierung ist Turabi für die Gefängnisse zuständig. Er gehört zu mehreren Mitgliedern der Islamisten-Führung, die auf einer Sanktionsliste der UN stehen.

In einer Reaktion auf das «AP»-Interview mit Turabi stellte das US-Außenministerium klar, dass eine Rückkehr drakonischer Strafen in Afghanistan «klare grobe Verstöße gegen Menschenrechte darstellen» würden. Die USA würden fest mit der internationalen Gemeinschaft zusammenstehen, um Urheber solcher Übergriffe zur Rechenschaft zu ziehen, warnte Außenamtssprecher Ned Price am Freitag vor Reportern in Washington.

Im Gespräch mit der «AP» hatte Turabi vorangegangene Kritik am drastischen Vorgehen seiner Bewegung beiseite gewischt. «Jeder rügte uns für die Bestrafungen in dem Stadion, aber wir haben nie etwas über ihre Gesetze und ihre Bestrafungen gesagt», erklärte er. «Niemand wird uns sagen, was unsere Gesetze sein sollen. Wir werden dem Islam folgen und wir werden unsere Gesetze laut dem Koran machen.»

(L'essentiel/DPA/AFP/kat)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.