Palastrevolte im Weissen Haus

06. September 2018 19:51; Akt: 06.09.2018 19:52 Print

Trump bläst zur Jagd auf den anonymen Schreiber

Paranoia im Weißen Haus nach der Veröffentlichung eines Enthüllungsbuchs und eines anynomen Gastkommentars in der «New York Times»: Wo sitzen die Quellen?

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Fast könnte man meinen, die Washington Post und die New York Times hätten für diesen Coup gegen den US-Präsidenten zusammengearbeitet. Nur einen Tag nachdem die Washington Post Auszüge des kommende Woche erscheinenden Enthüllungsbuches über die Zustände im Weißen Haus veröffentlicht hatte, druckte die New York Times den Beitrag eines anonym bleibenden hohen Regierungsbeamten.

Dieser beschreibt nichts Geringeres als eine Palastrevolte im Weißen Haus: die gezielte Torpedierung von Trumps Politik durch die eigenen Mitarbeiter. Dies sei nötig, um die «fehlgeleiteten Impulse» des Präsidenten zu bändigen. Trumps Führungsstil sei «ungestüm, feindlich, kleinlich und ineffektiv», schrieb der Autor. Und: «Die Wurzel des Übels ist die Unmoral des Präsidenten.»

«Die Schläferzellen sind erwacht»

Das alles hat in Washington eine veritable Hysterie mit einem Anstrich von Paranoia ausgelöst. «Es ist wie in den Horrorfilmen, wenn man endlich begreift, dass der Schrei nicht von außen, sondern aus dem Innern des Hauses kommt», sagt ein namentlich nicht genannter Regierungsmitarbeiter zur Washington Post.

Die Stimmung sei enorm angespannt, in den Gängen des Weißen Hauses werde verschwörerisch und ängstlich getuschelt: «Die Schläferzellen sind erwacht», hieß es angeblich in einer SMS, die die Runde gemacht haben soll. Vor allem aber gibt es Fragen: Wer ist und wo sitzt der anonyme Schreiberling? Wie hochrangig ist dieser «hohe Regierungsbeamte» tatsächlich? Und wie viele der gut 2000 Mitarbeiter im Weißen Haus sind Teil der angeblichen Palastrevolte?

Sprachmuster werden analysiert

Angestellte im Weißen Haus hätten auf der Suche nach Antworten haufenweise Meetings verschoben und stattdessen versucht, eine Strategie im Umgang mit dem Angriff aus den eigenen Reihen auszuarbeiten, schreibt die Washington Post.

Sprachmuster des Textes würden analysiert, um die Identität des anonymen Autors oder dessen Arbeitsbereich zu ermitteln. Da die New York Times den Text stellenweise redigiert hat, dürfte eine eindeutige Zuordnung zu einem Autor aber schwierig werden.

Der US-Präsident dreht im roten Bereich

Auch wurde der Text mit Reden von hohen Regierungsbeamten verglichen. Dass in dem anonymen Text etwa das Wort «Leitstern» vorkommt, sahen einige als Indiz dafür, dass der Autor aus dem Umfeld von US-Vizepräsident Mike Pence stammen könnte, da dieser das Wort gern in seinen Ansprachen benutzt.

Der US-Präsident dreht derweil im roten Bereich. Am liebsten würde er wohl alle feuern, ist man versucht anzunehmen. Tatsächlich schreibt die Washington Post unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Weißen Hauses, es sei zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass jemand entlassen werde. Man wolle den Vorwürfen über Trumps miesen Führungsstil keinen Auftrieb geben.

Über Mittelsmann an Zeitung getreten

Er könne, so soll Trump einem Freund geklagt haben, nur seinen Kindern vertrauen. Bereits bei den Auszügen aus dem Enthüllungsbuch des Journalisten Woodward war klar geworden, wie viele Personen kritisch über den Präsidenten gesprochen hatten. Für Trump ein Zeichen absoluter Illoyalität. Doch kaum hatte er damit begonnen, seine Mitarbeiter mit Fragen zu bombardieren, wer alles mit Woodward gesprochen habe, erschien bereits der anonyme Beitrag in der New York Times – ein regelrechtes Ohrfeigengewitter. Der Präsident schien tatsächlich stumm vor Schock. Für seine Verhältnisse wortkarg, twitterte er zunächst nur: «VERRAT?»

Später forderte er, die New York Times müsse «die feige anonyme Person» aus Gründen der nationalen Sicherheit «sofort der Regierung ausliefern». Die Zeitung hingegen teilte mit, man habe dem Autor des unbequemen und skandalösen Beitrags Anonymität garantiert und für die Einhaltung dieser verschiedene Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Das Blatt räumte ein, dass es sich um einen «seltenen Schritt» handle, einen anonymen Leitartikel zu veröffentlichen. Der Arbeitsplatz des Autors sei aber in Gefahr, wenn sein Name genannt werde. «Wir glauben, dass die anonyme Veröffentlichung dieses Essays der einzige Weg ist, unseren Lesern eine wichtige Perspektive zu geben», hieß es von Seiten der Zeitung.

«In Washington kämpft Trump um seine Präsidentschaft»

«Es gibt nur eine ganz kleine Anzahl von Personen bei der Zeitung, die die Identität des Verfassers kennen», sagte der Redakteur Jim Dao von der New York Times. Er wollte gegenüber CNN nicht verraten, was für Maßnahmen man getroffen habe, um die Identität des Schreibers zu schützen. Dieser war über einen Mittelsmann an die Zeitung getreten.

Die Sprengkraft des anonymen Beitrags und des Enthüllungsbuchs von Woodward sowie die Folgen für Trump und die Wahlen im November sind schwer abschätzbar. Wie der Republikaner Lindsey Graham sagte: «In meiner Welt, in South Carolina, sind die meisten Leute sehr zufrieden damit, was der Präsident tut.» Weder der Zeitungsbeitrag noch das Enthüllungsbuch würden an dieser Wahrnehmung etwas ändern. «Aber täuschen Sie sich nicht», analysiert CNN, «zumindest in Washington kämpft Trump um seine Präsidentschaft und gegen Kräfte, die ihm diese von innen heraus entreißen wollen.»

(L'essentiel/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daweb am 07.09.2018 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Esou lues leeft den Trump mer no. Kann dem seng Kallefzigketen net méi héieren.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Daweb am 07.09.2018 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Esou lues leeft den Trump mer no. Kann dem seng Kallefzigketen net méi héieren.