«Angriff auf unsere grossartige Freiheit»

05. Juli 2020 15:31; Akt: 05.07.2020 15:37 Print

Trumps polarisierende Rede zum 4. Juli

Ohne Sorgen vor neuen Coronavirus-Ansteckungen hielt US-Präsident Trump eine Rede zum Unabhängigkeitstag der USA vor dem Nationaldenkmal von Mount Rushmore.

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US-Präsident Donald Trump hat eine Rede zum Unabhängigkeitstag der USA für eine düstere, polarisierende Botschaft genutzt. «Unsere Nation erlebt eine gnadenlose Kampagne zur Auslöschung unserer Geschichte, zur Diffamierung unserer Helden, zur Ausradierung unserer Werte und zur Indoktrinierung unserer Kinder», sagte Trump am Vorabend des Unabhängigkeitstages, den die USA an diesem Samstag begingen.

Sorgen vor neuen Coronavirus-Ansteckungen zum Trotz trat Trump vor mehreren Tausend Menschen und beeindruckender Kulisse auf: Über der Bühne thronte das monumentale Nationaldenkmal von Mount Rushmore – der Gebirgsfels mit den in Stein gemeisselten Köpfen von vier Ex-Präsidenten. Nach Angaben der Gouverneurin kamen Menschen aus allen Teilen des Landes nach South Dakota gekommen, wo der Abend mit Feuerwerk endete. Am 4. Juli feiern US-Amerikaner jedes Jahr den «Independence Day».

Auftritt trotz Corona-Pandemie

Dieses Jahr steht der patriotischste aller Feiertage in den USA unter dem Eindruck der sich zuspitzenden Corona-Pandemie und landesweiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd. Die USA brachen in den vergangenen Tagen mehrmals in Folge ihre eigenen dramatischen Rekorde bei der Zahl der nachgewiesenen Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden.

Trump sprach die Krise am Mount Rushmore lediglich am Anfang an, als er unter anderem Ärzten und Wissenschaftlern dankte, die «unermüdlich daran arbeiten, das Virus zu töten». Es waren die Proteste, die eine Debatte über die Erinnerungskultur des Landes entfacht haben, die Trump den Stoff für seine Rede lieferten.

Trump warf dem linken Flügel des politischen Spektrums vor, in den Städten des Landes eine «Welle von Gewaltverbrechen» auslösen zu wollen. Es gebe einen «neuen linksradikalen Faschismus, der absolute Gefolgschaft einfordert». «Die radikale Ideologie, die unser Land angreift, rückt unter dem Banner der sozialen Gerechtigkeit vor.

Aber in Wahrheit würde sie sowohl die Gerechtigkeit als auch die Gesellschaft zerstören», sagte Trump. «Wütende Mobs» versuchten, Statuen der Gründerväter der USA zu Fall zu bringen. Das amerikanische Volk sei aber nicht «weich und unterwürfig», sondern stark und stolz und werde nicht zulassen, dass dem Land seine Werte, Geschichte und Kultur genommen würden.

«Angriff auf unsere großartige Freiheit muss gestoppt werden»

Trump machte in seiner Rede keinen Unterschied zwischen friedlichen Demonstranten und Unruhestiftern. Viele seiner Anschuldigungen waren nicht neu. Am Mount Rushmore ließ er sie aber in geballter Form los und zeichnete das Bild eines Feindes im Innern. Der Angriff auf «unsere großartige Freiheit muss gestoppt werden und wird sehr schnell gestoppt werden», sagte Trump.

In mehreren Städten waren bei Protesten Statuen historischer Personen gestürzt worden, die in Verbindung mit Rassismus gebracht werden. Die US-Demokraten wollen umstrittene Statuen aus dem Kongress verbannen. Auch wurden Forderungen zur Umbenennung einiger Militärstützpunkte laut, die an Anführer der Konföderierten Staaten im US-Bürgerkrieg erinnern. Trump wehrt sich gegen all dies – die überlebensgroßen Porträtköpfe der Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln in den Black Hills gaben seiner Botschaft den scheinbar passenden Rahmen.

«Sie wollen uns zum Schweigen bringen»

Am Rande der Veranstaltung kam es zu Protesten. Die Ureinwohner, denen die Black Hills heilig sind, hatten Widerstand gegen Trumps Kommen angekündigt und Sorge wegen des Coronavirus ausgedrückt. Die Sioux beanspruchen das Gebiet für sich und beschuldigen die Regierung, eine Vereinbarung aus dem Jahr 1868 nicht eingehalten zu haben, die ihnen das Gebiet als Stammesland zusprach. Auf diese Seite der Geschichte ging Trump nicht ein.

Das Event war als offizielle Veranstaltung des Weißen Hauses ausgezeichnet. Doch die Stimmung glich einem Wahlkampfevent und Trumps Rede schien genau darauf ausgelegt zu sein. Aus den USA solle ein Ort der «Unterdrückung, Herrschaft und Ausgrenzung» gemacht werden, warnte Trump. «Sie wollen uns zum Schweigen bringen, aber wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen.» Er dagegen trete für das Erbe des Landes, die Vollstreckung von Gesetzen und das Recht auf Waffenbesitz ein. Zwischenrufe wie «Wir lieben dich, Präsident Trump» waren zu hören. Viele Teilnehmer trugen Schirmmützen und T-Shirts mit der Aufschrift «Trump 2020».

Die meisten Zuschauer trugen keine Schutzmaske

In der Hauptstadt Washington waren am Unabhängigkeitstag mehrere Demonstrationen angekündigt. Am Abend wollte Trump im Weißen Haus eine weitere Ansprache halten. Im Anschluss sollen die Feierlichkeiten auf der National Mall – einer Promenade zwischen dem Parlamentsgebäude und dem Lincoln Memorial – beginnen. Höhepunkt ist ein Feuerwerk. Bürgermeisterin Muriel Bowser hatte beklagt, dass die Feierlichkeiten mitten in der Corona-Pandemie im Widerspruch zu den Richtlinien der Gesundheitsexperten stünden.

Trump will die Corona-Pandemie vergessen machen. Auf die über 50’000 Neuinfektionen, die zuletzt täglich verzeichnet wurden, ging Trump am Mount Rushmore nicht ein. Auch den Schmerz über die fast 130 000 Toten, die die USA seit Beginn der Pandemie im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen zu beklagen haben, bedachte er nicht. Die Wirtschaft hat schweren Schaden genommen und die derzeitige Zuspitzung droht die jüngste leichte Erholung wieder zunichte zu machen. Doch Trump sagte vor dicht gedrängten Zuschauern, die größtenteils keine Schutzmaske trugen, die USA seien das «großartigste Land in der Geschichte der Welt» und dass es «bald» großartiger als je zuvor sein werde.

(L'essentiel/SDA)

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