Tote Politikerin in Brasilien

20. März 2018 17:43; Akt: 20.03.2018 17:45 Print

War ihre Ermordung ein Racheakt der Polizei?

Unbekannte erschießen die brasilianische Politikerin Marielle Franco. Die Patronen in ihrer Leiche haben das Kürzel der Polizei eingraviert.

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Brasilien steht nach dem Mord an der linken Kommunalpolitikerin und Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco unter Schock: Die 38-Jährige und ihr Chauffeur wurden vergangenen Mittwochabend in Rio de Janeiro im Auto erschossen. Bei der Tat handelt es sich nicht wie so oft um einen Raubmord – selbst die Mordkommission, die sich mit dem Fall befasst, spricht von einer «regelrechten Hinrichtung».

Franco galt als Hoffnungsträgerin: eine schwarze, lesbische Frau, Mutter einer 19-jährigen Tochter, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte und es aus eigener Kraft in die Politik schaffte. Sie kämpfte für Dinge, für die sich sonst kein Politiker einsetzte. Franco forderte für die Bewohner in den Favelas Bildung, Gesundheit, eine bessere Lebensqualität.

«Wie viele müssen noch sterben?»

Am stärksten kritisierte sie das Vorgehen der brasilianischen Polizei. Wenige Tage vor ihrem Tod beschuldigte Franco die Landespolizei Policia Militar (PM), sie habe Menschenrechtsverletzungen begangen, machte sie für die Morde an zwei Jugendliche im Armenviertel Acari verantwortlich. Tage zuvor hatte sie auf Social Media einen weiteren Fall gemeldet. «Wie viele müssen noch sterben, bevor dieser Krieg endet?», twitterte sie.

Franco setzte sich besonders gegen Polizeigewalt an schwarzen jungen Männer ein. Laut einer Statistik der Organisation «Mapa da Violência» sind 93 Prozent der Opfer gewaltsamer Polizeiaktionen in den Favelas Männer, 77 Prozent von ihnen schwarz, 53 Prozent im Alter zwischen 15 und 29 Jahren.

Die Patronen stammen von der Polizei

Nach den ersten Untersuchungen um Francos Tod steht nun fest, dass die Projektile in ihrer Leiche von Polizeiwaffen stammen. Wie der Sender «TV Globo» berichtete, sind auf den Patronen die Buchstaben ANP/DPF eingraviert. Das Kürzel steht für Departamento de Polícia Federal, die Bundespolizei Brasiliens. Demnach wurden die 9-Millimeter-Patronen 2006 beim Munitionshersteller CBC gekauft und seither zu Trainingszwecken verwendet.

Im August 2015 wurden Patronen aus derselben Produktionsreihe beim Maßaker von Osasco verwendet. Damals wurden in der Stadt im Bundesstaat São Paulo an einem Abend 17 Männer im Alter zwischen 16 und 41 Jahren erschossen. Die Tat wurde als ein Racheakt der Polizei verstanden, nachdem eine Woche zuvor ein Polizist von Kriminellen erschossen worden war.

Es reicht mit der Gewalt

Seit dem Tod der Menschenrechtlerin finden in Rio und anderen Großstädten Brasiliens fast täglich Trauermärsche und Proteste statt. «Marielle hat alles Neue repräsentiert, auf das die Menschen hoffen konnten», meint die Demonstrantin Ana Paula Brandao. Viele Teilnehmer tragen dabei schwarze Kleidung und rufen Slogans gegen die Polizei wie «Genug Tötungen, Zeit zu reagieren!»

Die Wut der Demonstranten richtet sich auch gegen die Regierung von Präsident Michel Temer. Dieser hatte erst kürzlich angeordnet, Polizei und Militär in den Favelas von Rio zur Bekämpfung der Gewalt einzusetzen. Temer bezeichnete den Mord an Franco als «Angriff auf die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit». Er versprach volle Unterstützung durch die Bundesbehörden.

«Wollten im kommenden Jahr heiraten»

«Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie nicht mehr nach Hause kommt. Wir wollten im kommenden Jahr heiraten», erzählte ihre Lebensgefährtin Monica Tereza Benício dem Portal «Veja» unter Tränen. Marielle sei so glücklich und unbesorgt gewesen. Todesdrohungen habe sie keine bekommen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte eine umfassende Untersuchung «der Hintergründe, des Motivs und der Verantwortlichkeit». Die Hilfsorganisation Brot für die Welt erklärte, der Mord zeige, «dass der Einsatz für Menschenrechte und Gerechtigkeit in Brasilien immer gefährlicher wird».

Am Sonntag unterbrach Katy Perry ihr Konzert in Rio de Janeiro, um eine Schweigeminute für Marielle Franco zu halten. Auf der Bühne umarmte die Sängerin die Mutter und die Tochter der ermordeten Politikerin.

(Quelle: Youtube/Painel Tube HD)

(L'essentiel/kle)

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