«Respektabel, aber stylisch»

27. Juli 2017 21:15; Akt: 27.07.2017 21:18 Print

Wer ist die Bier trinkende Iranerin?

Daheim propagiert sie den Tschador und ruft zum Befolgen der Regeln auf. In ihren Ferien trinkt sie unverhüllt Bier und sorgt im Iran so für einen Skandal. Wer ist Azadeh Namdari?

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Die iranische TV-Moderatorin Azadeh Namdari hat zu Hause einen handfesten Skandal losgetreten: Geleakte Fotos aus ihren Ferien in der Schweiz zeigen die 32-Jährige unverhüllt und Bier trinkend. Daheim aber befürwortet sie das Tragen des Tschadors und ruft Iranerinnen auf, sich an die geltenden Kleidungsvorschriften zu halten. Viele Iraner empört die offenkundige Scheinheiligkeit.

Wer ist die Iranerin, die bei sich zu Hause so viele Leute aufregt? So «ultra-konservativ», wie manche Medien sie bezeichnen, ist sie nicht – obwohl sie seit gut zehn Jahren beim staatlichen Propagandasender «Islamic Republic of Iran Broadcasting» arbeitet. Hier hat sie aber etwas frischen Wind hineingetragen – mit ihren Hidschabs und Tschadors, zu denen sie sich bekennt und deren öffentliches Nichttragen in der Schweiz ihr daheim zum Verhängnis wurde.

Erste Frau am iranischen TV mit Farbe

Bekannt wurde Namdari Anfang der 2000-er Jahre mit dem Programm «The New». Als erste Frau am iranischen Fernsehen trug sie modische, eher enge Tschadors und farbige Hidschabs. Das brachte die geistlichen Hardliner gegen sie auf, die gegen diesen «Sittenzerfall» wetterten und die Tradition in Gefahr sahen. «Für viele», schreibt IranWire, «symbolisierte sie eine moderne, den Tschador tragende Frau, respektabel, aber stylisch.»

2011 geriet sie abermals ins Kreuzfeuer der Kritik. Sie interviewte einen Mann mit drei Ehefrauen und ließ diesen durch kritische Nachfragen ziemlich altmodisch und verbohrt aussehen (Polygamie ist im Iran unter Zustimmung der Erstfrau gesetzlich erlaubt, aber zunehmend umstritten). Aktivistinnen applaudierten, viele Männer tobten. Das Interview, heißt es, habe Namdari beinahe den Job gekostet.

Kein stilles Opfer häuslicher Gewalt

So traf es sich gut, dass sie 2015 einen populären iranischen TV-Mann heiratete. Für ein Jahr galten die beiden als Traumpaar schlechthin. Dann der Schock. Rund neun Monate später verkündeten die beiden ihre Trennung. Kurz darauf der Tabubruch: Namdari postete auf Instagram ein Foto von sich mit einem blauen Auge und informierte, sie sei Opfer häuslicher Gewalt geworden.

Die perfekte Ehefassade war endgültig dahin, die Empörung einmal mehr groß. Konservative kritisierten, die junge Frau profiliere sich, indem sie Privates öffentlich mache. Frauenrechtlerinnen hielten Namdari die Stange und würdigten ihren Mut. «Die iranische Kultur hat schon immer häusliche Gewalt überdecken und verheimlichen wollen», so Aktivistin Asieh Amini. «Nicht nur reagieren wir auf häusliche Gewalt mit Schweigen, wir fördern das Schweigen auch noch.»

«Sie hat sich keines Verbrechens schuldig gemacht»

Namdari hatte zwar den Post von ihrem blauen Auge bald wieder gelöscht. Ganz einschüchtern ließ sie sich aber nicht. Sie verklagte ihren Noch-Ehemann – der im Übrigen abstreitet, gewalttätig geworden zu sein, und behauptet, das Foto sei gefälscht – und erstritt sich endgültig die Scheidung.

Im Gegensatz zu ihren Ex-Mann, der kaum mehr öffentlich auftritt, scheint ihre TV-Karriere kaum gelitten zu haben. Doch ob die 32-Jährige den jüngsten Skandal, den ihre Schweizer Ferienfotos in der Heimat losgetreten haben, dieses Mal beruflich überleben wird, ist fraglich.

Keine Bedenken hat man diesbezüglich in der iranischen Botschaft in Bern: «Frau Namdari hat sich ja keines Verbrechens schuldig gemacht. Was sie in ihren Auslandferien macht, ist ihre private Entscheidung», so ein Sprecher. «Doch im Iran ist sowohl das Nichttragen des Hidschabs als auch der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verboten.»

Doch trotz absoluten Alkoholverbots trinken die Iraner 60 Millionen Liter alkoholische Getränke im Jahr – wie passt das zusammen? Das Lächeln des Sprechers ist fast durchs Telefon hörbar. «Das sind persönliche Entscheidungen der Bürger in ihren eigenen vier Wänden.»

(L'essentiel/Ann Guenter)

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