Massengräber

04. Februar 2018 13:17; Akt: 04.02.2018 13:20 Print

Zeugen in Burma berichten von Massakern

Satellitenbilder, Videos und Aussagen Überlebender: Die Nachrichtenagentur AP veröffentlicht Beweismaterial, das die Existenz von Maßengräbern in Burma bestätigt.

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Die Gesichter der halb verscharrten Leichen waren von Säure zerfressen oder von Kugeln zerfetzt. Nur an den Hosen hat Noor Kadir erkannt, dass es sich um seine Freunde handelte. Er und 14 andere Rohingya hatten im August 2017 im Dorf Gu Dar Pyin in Burma gerade die Spieler für das an Fußball erinnernde Chinlone-Spiel ausgewählt, als Gewehrschüsse fielen. Als es wieder still war, lebten noch drei: Kadir und zwei seiner Kameraden.

Tage später entdeckte Kadir die Leichen von sechs seiner Freunde. Sie lagen in zwei von fünf bislang nicht gemeldeten Maßengräbern. Mehr als zwei Dutzend Überlebende haben der Nachrichtenagentur AP die Existenz der Gräber bei mehreren Interviews in Flüchtlingslagern in Bangladesch bestätigt.

Jeder im Dorf kennt die Gräber

Wie viele Menschen in dem Dorf getötet wurden, ist unklar. Gemeindevorsteher haben bislang 75 Tote aufgelistet. Dorfbewohner schätzen, dass es bis zu 400 Tote gegeben haben könnte. Sie berufen sich dabei auf Aussagen von Verwandten und auf die Leichen, die sie in der Gegend verstreut oder in Maßengräbern gesehen haben. Auch Satellitenaufnahmen von DigitalGlobe zeigen die Zerstörungen.

Drei der Gräber hat fast jeder der Dorfbewohner gesehen, mit denen AP gesprochen hat. Sie wurden demnach am nördlichen Dorfrand ausgehoben, nahe der Hauptstraße, wo Soldaten Zeugen zufolge Rohingya zusammengetrieben und niedergemetzelt haben. Eine Handvoll Zeugen berichtet von zwei weiteren großen Gräbern nahe einem Friedhof sowie kleineren Grabstätten rund ums Dorf verstreut.

Es muss eine geplante Attacke gewesen sein

Überlebende sind überzeugt, dass die Soldaten nicht nur die Attacke am 27. August geplant haben, sondern auch das Verwischen der Spuren. Die Militärs seien zum Maßaker mit Gewehren, Messern, Raketenwerfern und Granaten angerückt und hätten auch Schaufeln für Gräber und Säure zum Entstellen von Gesichtern und Händen der Toten dabeigehabt, damit man die Leichen später nicht mehr erkennen könne.

Der Bauer und Einzelhändler Mohammad Sha berichtet, gegen Mittag seien mehr als 200 Soldaten nach Gu Dar Pyin gekommen. Er und etwa hundert andere Dorfbewohner hätten sich in einem Gehölz am Fluss versteckt und gesehen, wie die Soldaten die Häuser von Muslimen durchsuchten. Dutzende ihrer buddhistischen Nachbarn, einige maskiert, hätten Besitztümer der Bewohner auf Schubkarren gepackt.

Lastwagen sammelten Leichen ein

Anschließend hätten die Soldaten die Häuser anzündet und jeden erschossen, der nicht fliehen konnte, sagt Sha weiter. Wer nur verletzt gewesen sei, dem hätten buddhistische Nachbarn die Kehle mit Messern aufgeschlitzt. Andere, Junge wie Alte, hätten sie in die Flammen geworfen.

Der 25-jährige Mohammad Younus berichtete, er sei von zwei Kugeln getroffen worden und auf allen vieren davongekrochen. Sein Bruder habe ihn ins Unterholz gezerrt. Dort habe er sieben Stunden gelegen und gesehen, wie drei Lastwagen Leichen einsammelten und zum Friedhof fuhren.

Leichen lagen in den Reisfeldern

Eine Gruppe Dorfbewohner beobachtete von einem rund 16 Kilometer entfernten Berg, wie Rauch und Flammen über Gu Dar Pyin zusammenschlugen. Tausende flohen in der Gegend ohne Nahrung in den Dschungel.

In den Tagen und Wochen danach suchten einige Bewohner im Dorf trotz der Soldaten nach ihren Verwandten. Sie berichten, Dutzende Leichen hätten auf Wegen, in zerstörten Häusern und Latrinen gelegen. Ihnen sei auch bald klargeworden, warum der Reis an manchen Stellen höher spross und eine kräftigere Farbe hatte: Dort hätten die Leichen gelegen. Später sei Regenwasser in die Gräber gelaufen und habe die aufgedunsenen Leichen freigelegt.

«Sie konnten nicht alle Toten verstecken», sagt Mohammad Lalmia. Der Familie des 20-Jährigen gehört jetzt das größte Maßengrab im Dorf. Es war früher ihr Teich. Er sei elf Tage nach dem Überfall vor Soldaten geflohen, die nahe der Moschee patrouillierten, erzählt Lalmia. Da habe eine menschliche Hand aus einem Stück geräumten Boden geragt. An der Oberfläche des Grabes habe er etwa zehn Leichen gezählt. Er schätze aber, dass noch zehn weitere darin lägen.

Burma leugnet Maßaker

Für viele ist das ein weiterer Beleg für Vorwürfe, die muslimischen Rohingya seien in Burma zu Opfern von Gräueltaten geworden, die einem Völkermord gleichkämen. Phil Robertson, der stellvertretende Asien-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sagt, dieser AP-Bericht erhöhe den Druck auf die internationale Gemeinschaft, Burma zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Regierung in Burma erklärt dagegen regelmäßig, in Gu Dar Pyin habe es niemals ein Maßaker gegeben. Das einzige Maßengrab, das sie bislang bestätigt hat, liegt im Dorf Inn Din, wo zehn «Terroristen» bestattet worden seien.

Videos beweisen Gräueltaten

Der Zugang nach Gu Dar Pyin ist gesperrt. Wiederholte Anrufe beim Militär wegen der Zeugenaussagen blieben unbeantwortet. Htun Naing, ein Offizier der örtlichen Sicherheitspolizei, erklärt, er habe von «solchen Maßengräbern» nichts gehört.

13 Tage nach Beginn der Morde in Gu Dar Pyin filmte Mohammad Karim mit dem Handy drei Videos von Maßengräbern, dann verscheuchten ihn Soldaten. AP hat die Videos erhalten, die als Zeitmarke den 9. September zwischen 10.12 und 10.14 Uhr tragen. Sie zeigen Leichen, die ohne Kopf in blaugrünen Säurepfützen liegen. Aus der Erde ragen verstümmelte Körper, Skeletthände scheinen sich am Boden festzukrallen. Andere Flüchtlinge in Bangladesch bestätigten, die Videos zeigten Maßengräber im Norden des Dorfes.

Zwei Tage später suchte Rohima Khatu in einem dieser Gräber nach ihrem Mann. Sie habe gehofft, ihn an seiner Kleidung zu erkennen. «Da lagen überall Tote, Knochen und Körperteile, alle verwesten, da konnte ich nicht sagen, welcher mein Mann war», sagt die 45-Jährige. «Ich habe alles verloren.»

(L'essentiel/ap)

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