Ruderin Drygalla
06. August 2012 12:26; Akt: 06.08.2012 12:49 Print
«Ich hatte keine Verbindung in die Szene»
Aus London reiste sie überstürzt ab, weil ihr die Beziehung zu einem NPD-Mitglied vorgewurfen wurde. Jetzt greift die deutsche Olympia-Ruderin Nadja Drygalla zur Verteidigung.
Wegen der politischen Orientierung ihres Freundes habe sie zeitweise auch an eine Trennung gedacht, erklärt Drygalla im Interview. (Bild: DPA)
Die Tränen laufen Nadja Drygalla über die Wangen. Zwei Tage nach ihrer Abreise von Olympia fällt ihr das Sprechen über den heiklen Fall sichtlich schwer. Sogar Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat sich inzwischen eingeschaltet. Mit deutlichen Worten distanziert sich die 23-Jährige von rechtem Gedankengut und kämpft um ihre Karriere. Zum Verhängnis wurde ihr ihre Beziehung mit Michael Fischer, Direktkandidat der rechtsextremen NPD in Rostock zur Landtagswahl 2011. «Natürlich möchte ich mit dem Sport weitermachen», sagt Drygalla am Sonntag in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa und gesteht mit stockender Stimme: «Mir geht es nicht gut, die letzten Tage waren ziemlich anstrengend und ziemlich überraschend.»
Die Politik mischt sich einDie Debatte um Drygallas Beziehung zu einem NPD-Mitglied hat höchste politische Kreise erreicht. Der auch für den Sport verantwortliche Minister Friedrich fordert eine «gründliche Aufklärung». Christa Thiel, die als Vizepräsidentin beim Deutschen Olympischen Sportbund für Recht zuständig ist, sprach sich gegen «Inspektionen des privaten Umfeldes» von Sportlern aus. «Wir brauchen keine Agenten-Methoden», sagte die Juristin der «Sport Bild» (Mittwoch). «Wir werden auch keine Akten anlegen.»
Unklar ist, warum die Spitzenverbände vor Olympia nach eigener Darstellung keine Kenntnis von der Beziehung hatten. Die Aussagen des Vorsitzenden des Landessportbundes Mecklenburg-Vorpommern, Wolfgang Remer, lassen vermuten, dass die Verbindungen des Drygalla-Umfeldes regional bekannt waren. Anscheinend wurden sie aber nicht offiziell an die Spitze des deutschen Sports weitergereicht.
Die Achter-Fahrerin war nach einem langen Gespräch mit der deutschen Teamleitung aus London per Zug abgereist. «Ich wollte einfach die Belastung von der Mannschaft nehmen, die zum Teil immer noch im Wettkampf steckte und sich darauf konzentrieren sollte», sagt sie. Trotzdem herrschte zwei Tage lang helle Aufregung im deutschen Team. «Ich begrüße, dass sich Nadja Drygalla jetzt auch öffentlich klar vom Rechtsextremismus distanziert hat», erklärt der Chef de Mission Michael Vesper, «ihre Aussagen bestätigen meinen Eindruck aus unserem Gespräch. Sie zeigen überdies, dass man einem Menschen nicht gerecht werden kann, wenn man ihn nur über sein Umfeld beurteilt.» Er wünsche sich zudem, dass sich Drygallas Partner tatsächlich und dauerhaft aus der rechtsextremen Szene verabschiede.
Freund aus der NPD ausgetreten
Ihr Freund sei seit Mai 2012 kein NPD-Mitglied mehr und habe «persönlich mit dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet», sagt die Athletin im Vereinshaus des Olympischen Ruder-Clubs Rostock. Sie spreche sich gegen rechte Ideologie aus. «Ich habe keine Verbindung in seinen Freundeskreis und diese Szene gehabt und lehne das absolut ab.»
Berichte, nach denen sie auf Bildern bei einer Demonstration 2009 in Malchow zu sehen sei, weist Drygalla zurück: «Das bin ich nicht, das kann ich ganz klar sagen. Ich empfinde das als unfair und ungerechtfertigt.» Wegen der politischen Orientierung ihres Freundes habe sie zeitweise auch an eine Trennung gedacht. «Ich bin froh, dass ich vor den Olympischen Spielen noch einmal klar gesagt habe, dass es so nicht weiter laufen kann.»
Zukunft ungewiss
Wie für die Rostockerin die sportliche und berufliche Zukunft aussieht, ist derzeit noch völlig in der Schwebe. Im vergangenen Jahr war sie freiwillig aus dem Polizeidienst ausgetreten. Ihre Vorgesetzten hatten aufgrund der Liaison mit Fischer an ihrer «Loyalität gegenüber dem Polizeidienst gezweifelt». Ein Antrag auf Eintritt als Soldatin in die Sportfördergruppe der Bundeswehr zum 1. September liegt nun auf Eis.
(L'essentiel Online/dpa)









