Befreite Geisel

15. Oktober 2017 15:16; Akt: 15.10.2017 15:18 Print

Dieser Junge (4) spielt das erste Mal in Freiheit

Nach fünf Jahren in Gefangenschaft ist Joshua Boyle mit seiner Familie daheim in Kanada. Sein Sohn erkundet neugierig den Garten des Großvaters.

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Auf den ersten Blick scheint Najaeshi Jonah wie ein ganz normales fröhliches Kind. Der Vierjährige tobt mit seinem Vater durch den Garten des Großvaters im kanadischen Smith Falls, lässt sich die verschiedenen Pflanzen erklären und probiert verschiedene Gartengeräte aus.

Doch hier ist nichts normal. Der kleine Junge spielt am Samstag zum ersten Mal in Freiheit und ist das erste Mal im Heimatland seines Vaters. Seit 2012 befand sich die Familie des Kanadiers Joshua Boyle in Afghanistan und Pakistan in Geiselhaft beim mit den Taliban verbündeten Hakkani-Netzwerk. Am vergangenen Mittwoch wurde sie von pakistanischen Einheiten befreit, und am Freitag traf die Familie in Kanada ein.

«Alles im Haus ist wie ein Wunderland»

«Wir haben das erste echte Zuhause erreicht, das die Kinder je gekannt haben – nachdem sie am Freitag an jedem Flughafen fragten, ob das unser neues Zuhause sei», zitiert CBC Familienvater Boyle.

Der älteste Sohn Najaeshi Jonah scheint die neue Freiheit dem Vater zufolge gut zu verarbeiten. «Alles im Haus ist für ihn wie ein Wunderland», sagt der Vater. Er untersuche Vorhänge, Bilder und Brettspiele und wundere sich über das WC, weil er vorher nur einen Eimer hatte.

Seinem jüngeren Sohn Dhakwoen Noah (2) falle das Einleben in die ungewohnte Situation schwerer. Er sei «fast genauso gestresst wie in Haft, alles scheint ihn an die Schrecken der Gefangenschaft zu erinnern», glaubt der Vater. Kameras würden ihn an Geiselvideos erinnern, Stifte an die Spritzen, mit denen seinen Eltern die Droge Ketamin verabreicht wurde.

Gräueltaten der Entführer

Boyle warf dem Hakkani-Netzwerk nach seiner Ankunft in Kanada vor, 2014 eines seiner Kinder, eine kleine Tochter im Säuglingsalter, ermordet und seine Frau, die US-Bürgerin Caitlan Coleman, vergewaltigt zu haben. Aus «Dummheit und Bosheit» hätten sich die Entführer für seine wiederholte Weigerung gerächt, auf ihre Forderungen einzugehen. Um welche Forderungen es sich handelte, sagte Boyle nicht.

Boyle und seine Frau waren 2012 in Afghanistan von den radikalislamischen Taliban gefangen genommen und anschließend dem verbündeten Hakkani-Netzwerk in Pakistan übergeben worden. Coleman war damals nach Angaben ihres Mannes hochschwanger.

Sie hätten sich als «Pilger» in Afghanistan aufgehalten, um den Bewohnern völlig abgelegener Dörfer in Taliban-Gebieten zu helfen, sagte Boyle. Die drei Kinder, die nun mit ihren Eltern in Kanada eintrafen, wurden während der Gefangenschaft geboren. Neben den zwei Söhnen hat das Paar eine zwei Monate alte Tochter.

Hinweis von US-Geheimdiensten

Die pakistanische Einheiten, die die Familie befreit hatten, erhielten nach eigenen Angaben von US-Geheimdiensten den Hinweis, dass die Familie von Afghanistan über die Grenze in die halbautonomen Stammesgebiete Pakistans gebracht worden sei.

Kanada habe sich «aktiv auf allen Ebenen» für Boyle eingesetzt und werde ihn und seine Familie weiterhin unterstützen, erklärte das Außenministerium in Ottawa. Die Familie kehrte mit einem Linienflug über London nach Kanada zurück. Boyle wies Berichte zurück, er habe sich geweigert, an Bord eines US-Militärflugzeugs zu gehen, weil er fürchte, in den USA Probleme zu bekommen.

Hintergrund war, dass Boyle war 2009 für kurze Zeit mit der Schwester des in Kanada geborenen früheren Guantanamo-Häftlings Omar Khadr verheiratet war, für dessen Freilassung er sich eingesetzt hatte. Khadr war 2002 bei Kämpfen in Afghanistan festgenommen und zehn Jahre im US-Gefangenenlanger Guantanamo auf Kuba gefangen gehalten worden.

(L'essentiel/mlr/sda)

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