Nebenjob Sex

08. Dezember 2021 12:24; Akt: 08.12.2021 13:29 Print

Britische Unis, Studierende und die Prostitution

Hochschulgebühren, Lebenshaltungskosten – ein Studium in Großbritannien ist teuer, doch Nebenjobs sind wegen der Pandemie rar. Für einige Studierende lautet die Lösung: Sexarbeit.

storybild

Die Studentenvertretung der Uni Kingston schätzt die Zahl der studentischen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter im Land auf bis zu 70.000. (Symbolbild) (Bild: DPA/Lukas Schulze)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Lucy sah für sich keine andere Möglichkeit mehr. Den Nebenjob in einer Bar hatte sie wegen der Pandemie verloren, ein neue Stelle war nicht zu finden. Nun reichte das Geld fürs Studium nicht mehr. «Ich habe Sexarbeit gewählt», sagte Lucy dem Uni-Portal The Tab. «Mir hat Sex immer Spaß gemacht, und es gab einfach keine andere Möglichkeit, die sich an meinen Uni-Zeitplan anpassen ließ.» Zuerst bot Lucy Bilder über das Erotikportal OnlyFans an, doch auch das war nicht genug. Deshalb prostituierte sich die Britin, traf Freier.

Das Studium im Vereinigten Königreich ist teuer. Einheimische zahlen bis zu 9250 Pfund (11.000 Euro) Studiengebühr im Jahr, für Ausländer ist es mehr als doppelt so teuer. Hinzu kommen hohe Lebenshaltungskosten. Rund zwei Drittel der Studierenden gehen einem Nebenjob nach, auch weil das staatliche Unterhaltsdarlehen im Schnitt 223 Pfund niedriger ist als die Lebenshaltungskosten.

Wie Lucy, die eigentlich anders heißt, geht es in Großbritannien Tausenden, die meisten sind Frauen. Eine Umfrage des Finanzportals Save the Student ergab, dass drei Prozent sich mit Sexarbeit das Studium finanzieren, weitere neun Prozent spielen mit dem Gedanken. Die Studentenvertretung der Uni Kingston schätzt die Zahl der studentischen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter im Land auf bis zu 70.000.

Britische Regierung wittert einen Skandal

Dennoch: In der Öffentlichkeit war studentische Sexarbeit kaum Thema. Doch das ändert sich, auch weil die konservative Regierung nun einen Skandal wittert. Anlass ist ein Online-Training, das die Studentenvertretung der Universität Durham angeboten hatte. Dabei ging es darum, denjenigen Hilfe, Unterstützung und Tipps anzubieten, die mit Sexarbeit Geld verdienen oder dies erwägen. Zuvor hatte bereits die Universität Leicester ihren Studenten versichert, dass es legal sei, sich gegen Geld vor Kameras auszuziehen oder sich von reichen Männern, sogenannten Sugar Daddies, aushalten zu lassen.

Hochschul-Staatssekretärin Michelle Donelan zeigte sich empört. Die Universitäten würden eine «gefährliche Branche» legitimieren, sagte Donelan. «Dieser Kurs will den Verkauf von Sex, der keinen Platz an unseren Universitäten hat, normalisieren.» Doch die Entrüstung wirkte schnell wie ein Sturm im Wasserglas. «Wir entschuldigen uns nicht für unsere Arbeit, mit der wir sicherstellen, dass Durham eine sichere Umgebung für alle Studierenden und Mitarbeiter bietet», teilte die Universität Durham mit. Es gebe viele Kurse, um in Fragen psychischer Gesundheit, Drogen oder Alkohol zu unterstützen.

Studentenvertreter weisen vor allem darauf hin, dass ein konstruktiver Ansatz notwendig sei. «Studentische Sexarbeiterinnen sind eine Tatsache des modernen Lebens», betonte Jonah Graham von der Durham Students Union. Dies zu ignorieren, bedeute einen schweren Fehler mit Auswirkungen auf die Studierenden. Immer wieder ist von Studierenden zu hören, die nach ihrem Abschluss den Ausstieg aus der Sexarbeit nicht schaffen oder an posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Doch viele Unis klammerten das Thema aus.

«Sexarbeit wird für Studenten nicht verschwinden»

Dabei hat die Zahl der studentischen Sexarbeiter in der Pandemie nach Einschätzung von Experten deutlich zugenommen, auch dank des Online-Angebots. «Mit der Zunahme von Plattformen wie OnlyFans oder JustForFans können alle von ihrem Zuhause oder aus ihrem Wohnheim Sexarbeit betreiben», schrieben Elizabeth Buckner und Aaron Brown von der kanadischen Universität Toronto. Die Userzahlen von OnlyFans haben sich in der Corona-Krise vervielfacht.

Studentische Sexarbeit ist zudem nicht auf Großbritannien beschränkt. Auch in Deutschland dient Sex als Nebenjob, wie spätestens mit dem autobiografischen Roman «Fucking Berlin» (2008) von Sonia Rossi deutlich wurde. Basierend auf Umfragen ist auch in Deutschland von Zehntausenden auszugehen, die mit Nacktfotos, Erotikvideos, dem Verkauf gebrauchter Unterwäsche, Escort-Services, Telefonsex oder Prostitution ihr Studium finanzieren.

Wichtig bleibt die Aufklärung. «Es ist wichtig, dass alle Universitäten eine Richtlinie zur Sexarbeit haben, um zu verhindern, dass Studierende Diskriminierung oder Vorurteile erfahren», sagte Jessica Hyer Griffin, Gründerin des Hilfswerks Support for Student Sex Workers. Die Universitäten müssten zudem mehr Beschäftigte schulen. «Sexarbeit wird für Studenten nicht verschwinden, die Universitäten müssen dem Rechnung tragen und die Studenten schützen.»

(L'essentiel/dpa)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • JP am 08.12.2021 13:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    eis gesellschaft ass um gudden wee. weinstens ass d'schoulen mei bëlleg maan keen thema, wou kéimen mer soss hin...

  • JOHNNY am 08.12.2021 18:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    De Staadt huet dach just e Problem domat well se keng Stéieren bezuelen….

  • de pol am 08.12.2021 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    dat keenten se hei och maan,an dat mat lëtzeboier präisser,dat ass mi rentabel

Die neusten Leser-Kommentare

  • JOHNNY am 08.12.2021 18:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    De Staadt huet dach just e Problem domat well se keng Stéieren bezuelen….

  • de pol am 08.12.2021 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    dat keenten se hei och maan,an dat mat lëtzeboier präisser,dat ass mi rentabel

  • Valchen am 08.12.2021 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlend Schaff Joeren, laang Studienzeiten, irgendwéi mussen dei Studiengebühren jo wuel bezuelt gin! Jugend Forscht! ;—))

  • JP am 08.12.2021 13:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    eis gesellschaft ass um gudden wee. weinstens ass d'schoulen mei bëlleg maan keen thema, wou kéimen mer soss hin...