30 Jahre danach

28. August 2018 08:26; Akt: 28.08.2018 09:36 Print

Die Narben von Ramstein bleiben für immer

RAMSTEIN - Die Flugtagkatastrophe ist 30 Jahre her. Viele Opfer und Hinterbliebene leiden bis heute. Dieses Jahr kommen mehr als sonst an die Absturzstelle.

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30 Jahre nach der Flugtag-Katastrophe auf dem pfälzischen US-Militärstützpunkt Ramstein gedenken Hinterbliebene und Überlebende am heutigen Dienstag der 70 Toten und rund 1000 Verletzten. Hinterbliebene und Überlebende werden nach einer Begrüßung und einem Gottesdienst im Bus zur Unglücksstelle auf dem abgesperrten Gelände der Airbase fahren. Dort rechnen die Veranstalter dem Vernehmen nach mit etwa 100 Teilnehmern. Zum Gedenken in der Stadt im Kreis Kaiserslautern kommen unter anderem Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sowie die ehemaligen Regierungschefs Kurt Beck (SPD) und Bernhard Vogel (CDU).

Eines der Opfer war Marc-David Jung, der erst vier Jahre alt war, als der brennende Kampfjet ganz in seiner Nähe zu Boden stürzte. Mit seiner Familie hatte er die Flugschau auf dem pfälzischen US-Militärflughafen Ramstein besucht. «Ich erinnere mich nur noch, dass ich vorher ein Eis gegessen habe und am Boden spielte.» Die Feuersbrunst fügte dem Jungen schwerste Verbrennungen zu - im Gesicht, an den Händen, an den Beinen. Seine Mutter zog ihn aus den Flammen. Seit dem 28. August 1988 lebt Jung mit den Folgen des Ramstein-Unglücks, das auch seinen Vater in den Tod riss.

30 Jahre später hat Jung mehr als 30 Operationen hinter sich. «Ich bin ein positiver Mensch. Ich akzeptiere, was damals passierte - und blicke nach vorne», sagt der 34-Jährige. Er lebt in Losheim im Saarland und arbeitet als Programmierer bei einer IT-Firma in Luxemburg. «Ich führe ein ganz normales Leben und muss sagen, ich habe im Ganzen noch Glück gehabt».

Unvorstellbare Schicksalsschläge

Jung sei «ein gutes Beispiel», wie man es nach einer Katastrophe erfolgreich zurück ins Leben schaffen könne, sagt Trauma-Expertin Sybille Jatzko aus Krickenbach bei Kaiserslautern. Zahlreiche Opfer und Hinterbliebene von Ramstein hätten aber noch Jahre danach gelitten, viele litten immer noch. Jatzko hat mit ihrem Ehemann, dem Mediziner Hartmut Jatzko, nach dem Unglück eine psychosoziale Nachsorgegruppe gegründet. Sie besteht noch heute.

Viele kamen nach dem Unglück nicht mehr klar. Das Elternpaar beispielsweise, das seine neunjährige Tochter verlor. Das Mädchen sei «frontal verbrannt» gewesen und habe immer wieder geschrien: «Papa, Papa, bleib bei mir, es ist so dunkel», als sie von einem Amerikaner in einen Bus gelegt wurde. Als die Eltern in die Klinik kamen, war sie tot. Schwer traumatisiert war auch ein Mann, der nach dem Unglück zehn Jahre lang nur zu Hause saß. Er hatte seine Frau, die im achten Monat schwanger war, verloren. «Ihr Bauch war aufgeplatzt.»

Das Einatmen der heißen Luft und des Kerosins nach dem Unglück habe bei einigen Besuchern der Flugschau Atemwege verbrannt. Jatzko schätzt: «Wenn wir alle dazu zählen, die an den Folgen gestorben sind, dann kommen wir mit Sicherheit auf über 100 Tote. Durch körperliche und seelische Schäden.»

Mehr als 100 Betroffene kommen heute zur Absturzstelle

Zum 30. Jahrestag haben sich jetzt etliche Opfer zum ersten Mal gemeldet. Möglicherweise werde es das letzte große öffentliche Gedenken, sagt Jatzko. Da meinten viele, «sie sollten noch einmal hingehen, um besser damit abschließen zu können.» Mehr als 100 Betroffene hätten sich zum Gang zur Absturzstelle angekündigt, sagt Jatzko. So viele wie noch nie zuvor.

Bei der größten Flugtagkatastrophe in Deutschland starben 70 Menschen, etwa 350 wurden schwer verletzt. Es geschah bei der letzten Programmnummer: Drei Flugzeuge der italienischen Kunstflugstaffel «Frecce Tricolori» stießen in rund 40 Metern Höhe zusammen. Eines von ihnen stürzte brennend in die Menschenmenge und explodierte.

(L'essentiel/dpa)

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