«Zucker ist eine Droge»

14. Juni 2019 10:54; Akt: 14.06.2019 12:02 Print

Ex-​​McDonald's-​​Manager warnt vor Fast-​​Food-​​Falle

Harald Sükar war Topmanager bei McDonald's. Nun hat er ein Buch geschrieben: Der Ex-Chef warnt vor der Fast-Food-Falle.

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Sie waren viele Jahre Manager in der Fast-Food-Branche. Ist Ihr Buch eine Abrechnung?

Nein. Ich bin immer noch begeistert von den Prozessen, wie sie bei McDonald's ablaufen. Ich gehörte dem Konzern 13 Jahre lang an und verließ die Firma im Guten. Damals fand ich alles richtig, was ich tat. Das System McDonald's lässt keine Zweifel zu.

Wenn das Buch keine Abrechnung sein soll: Was ist Ihr Antrieb?

Vor zwei Jahren hatte ich größere gesundheitliche Probleme. Ich wog 110 Kilogramm bei einer Größe von 177 Zentimetern. Da begann ich, mich zu fragen, wie es so weit kommen konnte, und vertiefte mich in Studien zum Thema Gesundheit. Die Erkenntnis: Fast alles, was wir bei McDonald's angeboten hatten, war ungesund.

Klingt nach Reue.

Ja, ich empfinde Reue. Mir tut jedes einzelne Kind leid, das jetzt an Diabetes leidet. Ich bin als ehemaliger McDonald's-Manager mitschuldig am Übergewicht von Kindern und trage eine Verantwortung für die Folgeerkrankungen.

Dann war das Buch ein bisschen Therapie?

Ich startete meine Recherchen ohne Pläne für ein Buch. Dann habe ich erkannt, was alles falsch war am Fast-Food-System. Die dritte Phase, das Schreiben des Buches, war schon etwas Therapie.

Ist es nicht scheinheilig, als Topmanager von McDonald's viel Geld zu verdienen, dann aber Kritik zu üben?

Man kann das so interpretieren. Mir geht es um die Aufklärung. Ich will künftig in Schulen aufzeigen, in welchem Ausmaß wir von Zucker überschwemmt werden. Zudem fordere ich neue Gesetze, denn ohne Druck nehmen die Konzerne ihre Verantwortung nicht wahr. Wir haben in der Welt erstmals mehr übergewichtige als untergewichtige Menschen.

Braucht es eine europäische Zuckersteuer?

Ja. Bis dahin ist es aber noch sehr weit. England hat bereits eine Zuckersteuer eingeführt mit der Folge, dass der Zuckergehalt von Getränken des Coca-Cola-Konzerns unter die Steuergrenze gesenkt wurde. Freiwillige Reduktionen sind Taktik, damit die Regulierung nicht streng ausfällt.

Versuchten McDonald's oder Burger King, Sie zu verklagen und das Buch zu stoppen?

Es gibt bis jetzt keine Klage. Ich behaupte nichts, was nicht belegt ist. McDonald's wird aber bestimmt Juristen beauftragen, um abzuklären, was sie gegen das Buch tun könnten. Doch eine Klage würde den Buchverkäufen nur nützen.

Werden McDonald's-Mitarbeiter einer Gehirnwäsche unterzogen?

McDonald's versteht es wie kein Zweiter, den Mitarbeitern die Firmenkultur einzutrichtern. Es hieß intern immer, die Leute müssten sich nur genug bewegen, dann könnten sie alles essen. Das habe ich nie hinterfragt. Heute ist mir klar: Das ist die Lüge der Zuckerindustrie. Ungesundes bleibt auch mit Bewegung ungesund. Zudem werden Gemüse-Kalorien anders verwertet als solche von zuckerhaltigen Getränken.

Im Buch vergleichen Sie Fast-Food-Anbieter mit Dealern. Sie übertreiben massiv, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Das ist etwas überspitzt formuliert. Im Kern kommt es aber hin. Zucker ist wie eine Droge, man wird süchtig. Je mehr Zucker jemand konsumiert, desto mehr braucht er künftig, um das gleiche Glücksgefühl zu erhalten. Besonders gefährdet sind Kinder, denn in jungen Jahren wird das Empfinden für Geschmacksrichtungen entwickelt.

In den USA sind fast 40 Prozent der Menschen stark übergewichtig. Ist McDonald's schuld daran? Die Leute können doch frei entscheiden, wo sie essen.

Wenn jemand mal abhängig ist von Fast Food, kann er nicht mehr frei entscheiden. Längst wird auf Zigarettenpackungen gewarnt, dass Rauchen ungesund ist. Solche Warnhinweise braucht es auch auf Fast Food. Die Gesellschaft wird die dadurch verursachten Gesundheitskosten nicht ewig bezahlen wollen. Es geht nicht, dass die Industrie mit Zuckerbomben Geld einsackt, aber die Allgemeinheit für die Folgekosten bezahlt.

Mein Sohn ist vier Jahre alt und war noch nie bei McDonald's. Er erkennt aber das Logo. Was sagt das über McDonald's aus?

Das zeigt das perfekte Marketing. Das goldene M hat einen enorm hohen Wiedererkennungswert. Kindern und Jugendlichen Fast Food zu verbieten, wird nicht funktionieren. Mein Rat: Gebt den Kindern viel Früchte und Gemüse, dann werden sie Fast Food nicht mögen.

Sie ernähren sich heute vegetarisch und meiden den Zucker. Wie geht es Ihnen?

Mir geht es viel besser, die Waage zeigt noch 89 Kilo an. Erst jetzt merke ich: Der viele Zucker hat mein Gehirn benebelt.

(L'essentiel)