Freie Fahrt

18. September 2019 07:54; Akt: 18.09.2019 08:20 Print

Fünf Ideen aus dem Fahrradland Holland

In den Niederlanden gibt es mehr Fahrräder als Einwohner. Und die radeln im Jahr 15 Milliarden Kilometer. Das geht auch super, denn alles ist aufs Radfahren eingestellt.

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In Utrecht bietet ein funkelnagelneues Rad-Parkhaus am Hauptbahnhof Platz für 12.500 Fietsen auf drei Etagen. Es ist die größte Fahrradgarage der Welt. (Bild: DPA/Annette Birschel)

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Fiets heißt Fahrrad. Das ist das erste, was jeder Holland-Besucher sehr schnell lernt. Fahrräder gehören zu den Niederlanden wie Gouda-Käse und Tulpen. Die gut 17 Millionen Einwohner haben insgesamt 23 Millionen Fahrräder, also 1,3 pro Person – vom Baby bis zum Greis. Radfahren macht hier Spaß – das hat viele Gründe. Das Land ist so platt wie ein Pfannkuchen, nur der Wind nervt. Aber viel wichtiger: Es gibt eine gute Infrastruktur fürs Radfahren, und die wird ständig ausgebaut. Regierung und Kommunen setzen im Zuge des Klimawandels voll aufs Rad. Die Regierung hat erst kürzlich 100 Millionen Euro für Radwege und Stellplätze zugesagt.

Fünf Beispiele, von denen eventuell auch die Großregion lernen könnte:

1. Fahrradwege

Rund 37.000 Kilometer Radwege gibt es im Land. Und das sind nicht etwa mickrige schmale Seitenstreifen direkt neben den rasenden Autos (wovon es zusätzlich rund 4700 Kilometer gibt). Der Trend in Großstädten und Wohnvierteln sind breite Fiets-Straaten. Straßen werden rigoros zu Fahrradwegen erklärt und als solche meist mit knallroter Farbe ausgewiesen. Dort sind Autos nur noch Gast. Entsprechend haben sich Autofahrer zu benehmen: Für sie gilt höchstens Tempo 30, und sie dürfen nur sehr vorsichtig überholen.

2. Schnellstraßen

In den Ballungsgebieten gibt es Schnellstraßen, also eine Art Autobahn, aber dann für Fahrräder. Ohne lästige Ampeln und Kreuzungen. Autos und Motorräder sind nicht zugelassen. Die Schnellwege sind perfekt geeignet für Pendler. Das Wegenetz wird bis 2030 erheblich erweitert. Durch das rasante Aufkommen von E-Bikes und Pedelecs wird das Rad zunehmend die Alternative fürs Auto auch bei größeren Entfernungen zum Arbeitsplatz.

3. Stellplätze

Überall in den Innenstädten, an Unis und Bahnhöfen gibt es große Parkhäuser oder Keller für Räder. In Amsterdam etwa wurden ausrangierte Fähren auf dem Wasser zu Garagen umgebaut. In Utrecht bietet ein funkelnagelneues Rad-Parkhaus am Hauptbahnhof Platz für 12.500 Fietsen auf drei Etagen. Es ist die größte Fahrradgarage der Welt. Radfahrer (Fietser) werden mit einem hypermodernen elektronischen Parkleitsystem zu freien Plätzen geführt. Fiets-Garagen an Bahnhöfen sind oft bewacht, rund um die Uhr geöffnet und das Allertollste: Die ersten 24 Stunden sind gratis.

4. Leihrad

Es gibt eine fast lückenlose Anbindung von Zugverkehr und Fahrrad. Für all diejenigen, die nach einer Bahnfahrt nicht auf einen Bus warten oder gar laufen wollen, gibt es die wunderbare Erfindung des OV-Fiets (OV steht für openbaar vervoer – öffentlicher Nahverkehr). An jedem Bahnhof, bei großen Bus- und Metrostationen sowie auch Park-and-Ride-Plätzen, sind diese Räder zu mieten. Und immer aufgepumpt! Und das für 3,85 Euro pro Tag.

5. Grüne Welle

Um lange Staus an den Ampeln zu verhindern, schalten manche Ampeln in den Großstädten zu den Hauptverkehrszeiten konsequent auf Grün für Radler. Das gilt vor allem für die großen Straßen. Es gibt Ampeln, die bei einem drohenden Fahrrad-Stau ein Signal bekommen und schneller auf Grün springen. Viele Rad-Ampeln zeigen auch noch die Wartezeit an bis zum Umspringen. Das soll Ungeduldige davon abhalten, durch Rot zu rasen. Das aber ist gerade bei Amsterdamern, die als Kamikaze-Fietser berüchtigt sind, vergebliche Liebesmüh.

(l'essentiel/dpa)