Äthiopien

26. Februar 2021 16:34; Akt: 26.02.2021 16:56 Print

Mehrtägiges Massaker in heiliger Stadt Axum

Im Norden Äthiopiens, in Axum, soll die Bundeslade mit den Tafeln der zehn Gebote aufbewahrt sein. Am 28. November brach in der heiligen Stadt ein mehrtägiges Massaker los.

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Im Norden Äthiopiens liegt Axum, die heilige Stadt der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Ein Unesco-Welterbe, ein christlicher Pilgerort, auch «Indiana Jones»-Fans bekannt: Hier soll die Bundeslade mit den Tafeln der zehn Gebote aufbewahrt sein – in einer kleinen Kapelle lagert das Heiligtum, über das ein Priester sein ganzes Leben lang wacht.

In der heiligen Stätte brach am 28. November ein Massaker los, das zwei Tage lang anhalten sollte: Ab 16 Uhr töteten Soldaten aus dem Nachbarland Eritrea während 24 Stunden systematisch alles, was ihnen in den Weg kam. Hunderte Menschen starben auf den Straßen und in den antiken Kirchen. Die Gerüchte über ein Massaker von Axum – das Internet war abgeschaltet worden, NGOs und Medien erhielten schon lange keinen Zugang mehr in die Rebellen-Region Tigray – sind nun durch Amnesty International bestätigt worden.

«Die eritreischen Soldaten waren an den Waffen ausgebildet, aber die jungen Bewohner der Stadt wussten nicht einmal, wie man schießt», berichtet ein 22-Jähriger der Menschenrechtsorganisation, die Überlebende befragte. «Viele der lokalen Kämpfer rannten weg und warfen ihre Gewehre weg. Dann kamen die eritreischen Soldaten und töteten willkürlich.»

Ein Mann schilderte, wie er aus seinem Haus beobachtete, wie die Soldaten sechs Männer aus der Stadt auf der Straße aufreihten und von hinten erschossen. «Sie benutzten ein leichtes Maschinengewehr, um mit einer Kugel gleich mehrere zu töten.»

In den zwei Tagen plünderten die Soldaten die Häuser der Bewohner von Axum und töteten vor allem Männer und Teenager. Wer versuchte, sich Verletzten oder Toten zu nähern, auf den wurde geschossen.

Die überlebenden Bewohner von Axum berichten, dass sie in den Tagen nach dem Massaker hunderte von Leichen abtransportierten und in Massengräbern bei Kirchen wie der Kirche Arba’etu Ensessa oder der Kirche Axum Tsion St Mariam. Amnesty hat derlei Berichte über Massengräber mit hochauflösenden Satellitenbildern verifiziert.

In den Tagen, in denen Axum um seine Toten trauerte, terrorisierten Soldaten die Stadt weiter. Sie trieben die Bewohner in verschiedenen Stadtteilen zusammen, schlugen einige und drohten mit neuen Exekutionen. Als sie schließlich nach sieben Tagen abzogen, waren Krankenhaus, Läden und viele Gebäude geplündert worden. Die meisten Fahrzeuge waren weg, es gab kaum mehr Medizin, Essen oder zu trinken.

Amnesty sprach nach eigenen Angaben mit 41 Überlebenden und Augenzeugen sowie mit 20 weiteren Menschen, die Kenntnisse von dem Massaker haben.

Die Menschenrechtsorganisation erfasste nach eigenen Angaben die Namen von mehr als 240 Todesopfern. Man habe die Opferzahl nicht unabhängig verifizieren können, allerdings sei es wegen der Aussagen der Augenzeugen sowie übereinstimmender Beweise plausibel, dass Hunderte Anwohner getötet worden seien, hieß es.

«Die Erkenntnisse von Amnesty sollten sehr ernst genommen werden», erklärte die äthiopische Menschenrechtskommission (EHRC). Demnach deuteten vorläufige Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchungen darauf hin, dass eine noch unbekannte Anzahl Zivilisten in Axum von eritreischen Soldaten getötet worden sei.

Die Regierung in Addis Abeba hatte im November eine Militäroffensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) begonnen, die bis dahin in der gleichnamigen Region im Norden Äthiopiens an der Macht war. Hintergrund waren jahrelange Spannungen zwischen der TPLF und der Zentralregierung. Inzwischen sind weitere Akteure beteiligt, darunter eritreische Truppen und Milizen.

Hunderttausende Menschen in Tigray sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, allerdings haben Hilfsorganisationen wegen der Sicherheitslage und bürokratischer Hürden noch immer nicht Zugang zu allen Notleidenden.

(L'essentiel/gux/DPA)

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