Peter Nygard (80)

15. Oktober 2021 19:46; Akt: 15.10.2021 19:47 Print

Modemogul machte Missbrauchsopfer mundtot

Peter Nygard leitete während Jahrzehnten ein Modeimperium. Seinen Einfluss soll der Kanadier genutzt haben, um minderjährige Frauen anzuwerben und sexuell zu misshandeln.

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Die kanadische und die US-Justiz streiten sich derzeit um einen Mann: Peter Nygard. Beide Länder wollen den kanadischen Modemogul wegen sexueller Misshandlungen an Dutzenden von Frauen – einige erst 14 Jahre alt – hinter Gittern sehen. Der 80-Jährige hatte vor rund zwei Wochen einer Auslieferung an die USA zugestimmt, um dort wegen Sexhandels und organisierter Kriminalität angeklagt zu werden. Doch der Auslieferungsprozess werde durch eine Ankündigung der Polizei von Toronto erschwert, wie «New York Times» berichtete. Die Behörde erklärte, dass auch in Kanada ein Haftbefehl gegen Nygard vorliege. Dabei gehe es um sechs Fälle von sexueller Nötigung und drei Fälle von gewaltsamer Freiheitsberaubung.

Peter Nygard soll seit Jahren den Einfluss und die Ressourcen seines Unternehmens genutzt haben, um «minderjährige weibliche Opfer anzuwerben und sexuell zu misshandeln». Der Kanadier mit finnischen Wurzeln gründete in den 1960er Jahren «Nygard International», ein weltweit tätiges Modeunternehmen. Die ersten Anzeigen gegen den Multimillionär reichen bis in das Jahr 1987 zurück. Nygard soll einen Sexhandelsring in Kanada, den USA und auf den Bahamas betrieben haben, dessen Aktivitäten sich über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckten.

Ein Netzwerk sollte Opfer zum Schweigen bringen

Ein Opfer, das in den Medien nur als Jane Doe Nummer 1 bekannt wurde, erstattete 2015 Anzeige gegen Nygard. Der Modemogul habe sie vergewaltigt, als sie 14 Jahre alt war, sagte die Frau. Sie ist eine von rund 70 weiteren Frauen, die sich mit ähnlichen Vorwürfen bei der Polizei gemeldet haben. Im Dezember 2020 wurde Nygard im kanadischen Winnipeg verhaftet. Er befindet sich in Untersuchungshaft.

Die Fälle kamen jedoch jahrelang nicht ans Licht, weil der Kanadier ein ausgeklügeltes Netzwerk von loyalen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Anwältinnen und Anwälten sowie von korrupten Behörden und Politikerinnen und Politikern auf den Bahamas aufgebaut hatte, um seine Opfer zum Schweigen zu bringen und jeden zu blockieren, der versuchen könnte, ihn zu entlarven. Erst der langjährige gnadenlose Streit mit seinem Nachbarn Louis Bacon brachte den Ball ins Rollen: Bacon wandte sich laut «New York Times» Anfang 2020 an die Justiz und erklärte, dass auf Nygards Anwesen minderjährige Frauen vergewaltigt würden.

Auch Medien bedroht, damit sie Fälle nicht aufdecken

Der Modemogul organisierte regelmäßig sogenannte «Verwöhnpartys» auf seinem traumhaften Luxusanwesen an der Westspitze der Insel New Providence auf den Bahamas. Zu den Partys waren immer prominente Gäste eingeladen: Von Popstar Michael Jackson bis zum ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush über den britischen Prinzen Andrew.

Nygard gab an, die Partys dienten dazu, Nachwuchsmodels für seine Modeschauen zu finden. Doch Michelle May, eine ehemalige Angestellte des Designers, erzählte der Justiz 2010, dass die Partys ausschließlich dazu dienten, «Frauen zu beschaffen, damit Nygard sich aussuchen könne, mit wem er die Nacht verbringen würde».

May erinnert sich im Interview mit dem kanadischen Sender CBC an einen Vorfall aus dem Jahr 2003. Auch die 17 Jahre alte Dominikanerin Maribel Rodriguez war damals eingeladen worden. «Sie konnte kaum Englisch sprechen. Sie dachte, sie würde ein Model werden», sagt May. Doch etwas muss in jener Nacht passiert sein, das Rodriguez erschreckt habe. «Sie geriet in Panik, fing an zu schreien und zu weinen und rannte weg, bis sie uns schließlich fand», sagte die Ex-Angestellte May.

Als der Sender CBC Nygard mit den Vorwürfen konfrontierte, erhielt die Redaktionsleitung eine eidesstaatliche Erklärung von Rodriguez. Darin behauptete die Frau, dass die Zeit in Nygards Anwesen auf den Bahamas «angenehm und lustig» gewesen sei und dass sich alle Männer als «echte Gentlemen» verhalten hätten, einschließlich Nygard. Die Anwälte drohten im Schreiben weiter mit strafrechtlicher Verfolgung, falls der Sender CBC die Geschichte fortsetzen sollte.

«Ein riesiger Puff» auf den Bahamas

Im Jahr 2019 hatten sich so viele Anzeigen von Opfern angesammelt, dass ein Rechercheteam von CBC mehrere Tage brauchte, um das Material zu sichten. Ehemalige Angestellte zeigten sich ebenfalls bereit, auszupacken: «Mit der Zeit wurde mir klar, dass es nicht ein normaler Arbeitsplatz war, sondern nur ein riesiger Puff», sagte Richette Ross, die 2009 auf den Bahamas als Nygards Massagetherapeutin angestellt worden war.

Ross erzählt CBC, wie sie eines Abends ein junges Mädchen gesehen habe, das nackt aus Nygards Zimmer geflüchtet sei. «Sie rannte zum Tor und versuchte, rüber zu klettern. Dann kam einer der Leibwächter, zerrte sie vom Zaun und trug sie zurück.»

Alles nur eine Verschwörung gegen ihn, sagt Peter Nygard

Frauen, die nicht willig waren, mit Nygard Sex zu haben, seien vom Personal oft unter Drogen gesetzt worden. «Wenn Frauen nein sagten, haben Nygards Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihnen Rauschmittel verabreicht und sie darauf vorbereitet, so dass Nygard sie besteigen könne. Die Barkeeper gaben den Frauen in der Regel Roofies in die Getränke.»

Opfer Jane Doe Nummer 3 erzählt von ihrer Erfahrung im 2011: «Er fing an, mich zu drängen. Und ich sagte: ‹Du musst aufhören, hör auf.› Aber ich fühlte, als würde ich zu 100 Prozent versuchen, ihn abzuwehren, während mein Körper sich ganz anders verhielt.» Die Frau hat Peter Nygard wegen Vergewaltigung angezeigt. Sie sei damals erst 15 Jahre alt gewesen, aus einem ärmlichen Viertel von Nassau.

Bis heute streitet Nygard alle Vorwürfe ab. Er behauptet, dass seine Opfer «Teil einer großen Verschwörung» seien. Als Beweis dafür verweist der 80-Jährige auf eine Anzeige, die zwei Frauen gegen seine Ex-Massagetherapeutin Richette Ross erstattet hatten. Laut «New York Times» hatten zwei Schwestern ursprünglich behauptet, von Nygard auf den Bahamas vergewaltigt worden zu sein - wenig später sagten sie aus, von Richette Ross für ihre Lügen bezahlt worden zu sein.

Ross weist die Behauptung zurück. «Ich glaube, dass er es plötzlich mit der Angst zu tun bekommen hat.»

(L'essentiel/Karin Leuthold)

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