Vietnam

10. Dezember 2019 12:52; Akt: 10.12.2019 14:55 Print

Nackte Männer in Hanoi schwimmen sich frei

Mitten in Vietnams konservativer Hauptstadt Hanoi liegt ein Zufluchtsort für Freunde der Freikörperkultur. Auf der Insel streifen Besucher auch die starren Normen des Landes ab.

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Die Long-Bien-Brücke ist ein beliebtes Fotomotiv bei Hanois Touristen. Die Stahlkonstruktion für den Straßen- und Zugverkehr schwingt sich über den Roten Fluss, dessen Wasser träge durch ihre Pfeiler treibt, sie verbindet Hanois Altstadt mit einem Stadtbezirk am Ostufer des Flusses. Und sie bietet einen Zugang zu einem Eiland im Fluss, das viele schlicht «Bananeninsel» nennen.

Beim Betreten von Bai Giua, so der offizielle Name des grünen Flecks, offenbaren sich nackte Tatsachen: Nudisten haben sich hier ein Refugium geschaffen. Und das wenige Hundert Meter östlich des bekannten Alten Viertels von Hanoi, der konservativen Hauptstadt von Vietnam, in der sich selbst Frischverliebte in der Öffentlichkeit nicht zu küssen trauen. «Zieh alles aus», sagt ein älterer nackter Herr beim Betreten der Insel. Es ist als freundliches Angebot gemeint. Nacktheit ist keine Pflicht auf der Insel, es ist eine Möglichkeit, die es sonst so nicht in Vietnam gibt.

Frauen sind hier nicht gern gesehen

Der rund sieben Kilometer lange Landstreifen wird während jeder Monsunsaison überschwemmt – ein Grund, warum die Behörden Bai Giua als Niemandsland handhaben: Die Insel kann nicht erschlossen oder als Land veräußert werden. Viele der Menschen, die hier in simplen Hausbooten oder Hütten leben und sich mit dem Anbau von Bananen und Gemüse verdingen, haben keine Papiere. Die Polizei lässt sich nicht blicken. Und die Männer, die täglich auf die Insel kommen, können ungestört die Freikörperkultur leben.

Es sind ausschließlich Männer jeden Alters und jeder Schicht, die den Nudisten-Ort auf der Insel besuchen. Frauen sind dort nicht gern gesehen. «Es gibt hier nur Männer, deshalb gibt es nichts, wofür man sich schämen müsste», begründet es einer von ihnen. Aber vietnamesische Frauen trauen sich wohl ohnehin nicht hin, erst recht nicht unbekleidet. Sie müssen sich eigene Refugien schaffen.

Hier sind alle offen miteinander

Die Männer sprechen wenig über Berufe, nennen selten ihren Namen. Sie sind hier, um Badminton zu spielen, ein paar Gewichte zu stemmen, gemeinsam zu meditieren und ausgiebig von der Badestelle aus zu schwimmen. Ein Tag, ohne hier zu schwimmen, sei wie von seiner Geliebten getrennt zu sein, schwelgt der 33-jährige Duong. Beim Schwimmen fühle er sich, als wäre er wieder ein Kind. Wenn er mal tagsüber keine Zeit dafür hat, schwimmt er in der Nacht.

«Wir sind hier offen zueinander», sagt Duong. Das macht diesen Ort zu einem besonderen in einer Gesellschaft, in der strenge Konventionen das Zusammenleben reglementieren. In manch fernöstlicher Kultur mag Nacktheit ihren Platz haben, etwa in den japanischen Onsen, heißen Quellen, oder auch in Südkoreas traditionellen Badehäusern. Im kommunistischen Einparteienstaat Vietnam ist man jedenfalls öffentlich nicht nackt.

Wasser von Müll bedeckt

Bei Grünem Tee genießt Duong in der Gruppe die Außergewöhnlichkeit des Ortes und das Dasein unter Gleichgesinnten. Die Hütte hinter ihnen, erzählt er, hätten sie zusammen gebaut als Regenschutz, so dass sie auch in den langen, niederschlagsreichen Sommermonaten herkommen können. Man könne auch darin übernachten. Die Insel biete alles, was ein einfaches, naturnahes Leben brauche – ein wenig wie in den Gemeinden ethnischer Minderheiten in Vietnams bergigem Norden.

Schon vor 40 Jahren, als die Stadtseen begannen zu verschmutzen, sollen die ersten Männer hier gebadet haben. Dabei ist der Rote Fluss alles andere als sauber. Angeschwemmter Müll bedeckt seine Ufer, mit ihm fließt über Hunderte Kilometer das Abwasser von Feldern in Südwestchina, wo der Fluss entspringt. Auch in Vietnam landet laut einem Bericht des Umweltministeriums das Abwasser größtenteils ungefiltert in Seen und Flüssen des Landes.

Niemand werde krank vom Flussbad

Die Freischwimmer sorgt das wenig. Der Fluss filtere sich fortlaufend selber, sagt der 57-jährige Anh Du. «Ich schwimme hier seit zehn Jahren. Wir schwimmen hier auch zum Neujahrsfest, Hunderte Leute kommen dann.» Er versichert, nie werde jemand krank vom Flussbad.

Umringt von der Stadt, in der ein Einkaufszentrum nach dem anderen emporschießt und der Verkehr die Straßen verstopft, bildet die Bananeninsel mit ihrer Nudisten-Badestelle ein Ort der Ruhe. Er stillt die Bedürfnisse nach Natur, Gemeinschaft und Selbstentfaltung. «Es ist, wie die Ausländer sagen: Wir kehren zurück zu Mutter Natur», sagt Duong. Dann blickt er nachdenklich auf den Fluss. «Aber du musst schwimmen, um es selbst zu spüren.»

(L'essentiel/dpa)

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