Eisschmelze in der Antarktis

08. Dezember 2017 18:24; Akt: 08.12.2017 18:29 Print

«New York wird überschwemmt werden»

Im September hat sich in der Antarktis ein riesiger Eisberg gelöst. Anders als erwartet, ist er nun zerbrochen. Das Ereignis beunruhigt die Forscher.

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Nach dem Abbruch des Eisbergs B44 vom Pine-Island-Gletscher gingen Experten vom British Antarctic Survey davon aus, dass dieser zunächst ins Südpolarmeer driften und dann auseinanderbrechen würde.

Aufnahmen des Satelliten Sentinel-1 zeigen nun aber: Der 265 Quadratkilometer große Brocken zerfällt schon jetzt, nur wenige Kilometer von seinem Ursprungsort entfernt. Für Martin Funk, Glaziologe der ETH Zürich, ist das wenig überraschend. Trotzdem sorgen ihn die jüngsten Ereignisse in der Westantarktis.

Herr Funk, haben Sie mit einem so raschen Auseinanderbrechen gerechnet?

Dass Eisberge auseinanderbrechen, ist eigentlich nicht abnormal. Sie bleiben nur dann am Stück, wenn sie sehr homogen sind. Wenn also die Eisdicke sehr gleichmäßig verteilt ist. Sobald es aber unterschiedliche Dicken gibt oder im Eis Störungen anzutreffen sind, dann tendiert es dazu, auseinanderzubrechen. Nicht unbedingt in sehr vielen Stücke, aber es zerfällt in Einzelteile.

Warum gingen Ihre Kollegen denn von einem anderen Szenario aus?

Ich kenne deren Arbeit nicht im Detail. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie effektiv in den Messungen gesehen haben, dass der abgebrochene Teil sehr homogen ist. Aber wenn im Eis zum Beispiel Spannungskonzentrationen vorkommen, sieht man das nicht unbedingt. Dann tendiert der schwimmende Eisberg zu zerbrechen, ohne das man es im Vorfeld auf Satellitenbildern erkennen kann.

Was bedeutet das Auseinanderbrechen?

Die einzige Folge ist, dass jetzt kleinere Eisberge umherschwimmen. Der Meeresspiegel wird davon nicht beeinflusst, weil die Eismassen bereits im Wasser waren. Schlimmer ist, dass der große Eisberg überhaupt vom Pine-Island-Gletscher abgebrochen ist.

Warum?

Das Einzugsgebiet des Pine-Island-Gletschers macht rund 10 Prozent des Westantarktischen Eisschilds aus und sein Rückzug verursacht 25 Prozent des Eisverlustes der Westantarktis. Der Abbruch des Eisbergs im September hat einen Prozess in Gang gesetzt, der den Rückzug weiter vorantreiben wird. Und er ist kaum mehr aufzuhalten. Die Westantarktis ist damit instabiler geworden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Großteil des Westantarktischen Eisschilds verschwunden sein wird.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir da?

Das ist schwierig zu sagen. Auf jeden Fall geht es schneller, als wenn die Eismassen von der Oberfläche her schmelzen würden. Das passiert in der Westantarktis noch nicht, weil das Klima dort noch kalt genug ist.

Der hier beobachtete Gletscherrückzug ist vor allem eine Konsequenz von wärmeren Wassertemperaturen, wodurch das im Wasser liegende Eis vermehrt schmilzt. Deshalb ist die Massenbilanz der Westantarktis negativ. Es wird also mehr Eis abgetragen, als nachwachsen kann. Diese Entwicklung hat das Potenzial, dort viel Eis in relativ kurzer Zeit abzubauen.

Man geht davon aus, dass in 1000 Jahren ein Großteil der Westantarktis verschwunden sein wird. Aber bereits in 100 Jahren kann schon einiges weg sein. Der Meeresspiegel wird sicher deswegen ansteigen.

Was bedeutet der Verlust des Westantarktischen Eisschilds für den Meeresspiegel?

Geht das ganze Eis der Region verloren, wird der Meeresspiegel um etwa drei Meter ansteigen. Der Anstieg wird nicht auf dem ganzen Globus gleichmäßig verteilt sein: Manche Regionen trifft es mehr als andere. Das hängt unter anderem von der Verteilung des Schwerefelds der Erde ab.

Was wird das für Folgen haben?

Wir in der Schweiz werden das nicht direkt merken, aber tief gelegene Küstenstädte wie beispielsweise New York werden überschwemmt. Auch Holland wird davon stark betroffen sein.

Das Eis der Westantarktis schmilzt immer schneller. Je dunkler die Farbe, desto rascher fließt es. Bei Lila sind es etwa 1000 Meter, die pro Jahr verschwinden. (Video: ESA)

(L'essentiel)