«Ich hoffe, du stirbst!»

17. Oktober 2021 15:37; Akt: 17.10.2021 15:47 Print

Pandemie-​​Fachleute ziehen Hass auf sich

In der Corona-Pandemie sind Einschätzungen von Fachleuten in Medien und Online-Netzwerken an der Tagesordnung. Für einige von ihnen hat das sehr ernste Folgen, wie eine Umfrage zeigt.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ärzte und Virologen vor der Kamera und Epidemiologen, die auf Twitter-Studien kommentieren: In der Pandemie ist das alltäglich geworden. Fachleute beziehen Stellung zu Fragen rund um Corona. Eine Umfrage der Fachzeitschrift «Nature» unter mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren Ländern wirft nun ein Schlaglicht auf die oft negativen Reaktionen, die ein Teil von ihnen wegen der Präsenz in der Öffentlichkeit erfahren hat. Es geht nicht nur um Hassbotschaften, sondern auch um Morddrohungen und seltener sogar körperliche Angriffe.

321 Erfahrungsberichte

Vorweg: Es handelt sich nicht um eine wissenschaftlich begleitete, repräsentative Umfrage. Das Ausmaß des Problems lässt sich damit nicht exakt bemessen. Die Zeitschrift «Nature» versandte Fragebögen an Expertinnen und Experten und arbeitete dabei in mehreren Ländern mit Einrichtungen zusammen, die unter anderem Wissenschaftler-Statements an Medien verschicken (Science Media Centers). Es beteiligten sich 321 Expertinnen und Experten, die mit Medien über die Pandemie gesprochen hatten. Die meisten von ihnen kamen aus Großbritannien, Deutschland und den USA.

Gut die Hälfte der Befragten gab an, manchmal, in der Regel oder immer nach Medienauftritten Troll-Kommentare oder persönliche Angriffe erlebt zu haben (siehe Instagram-Post – ob Melanie Brinkmann zu den Umfrage-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern zählt, ist nicht bekannt). Die negativen Folgen der medialen Präsenz reichen demnach bis hin zu Morddrohungen in 47 Fällen, sechs Wissenschaftler gaben an, körperlich attackiert worden zu sein. Einzelne berichten auch von aggressiven Mails, gehackten Accounts oder Websiten und Beschwerden an den Arbeitgeber.

«Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschießen»

In einem «Nature»-Artikel mit Fallbeispielen werden Reizthemen deutlich: Der australische Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz etwa nannte zum einen – erwartbar – Impfungen. Die meisten Drohungen aber habe er überraschenderweise von Menschen bekommen, die das Anti-Wurmmittel Ivermectin als angebliches Präparat gegen Covid-19 verteidigten. «Leute mailen mir anonym von komischen Accounts ‹Ich hoffe, du stirbst› oder ‹Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschießen›», wird Meyerowitz-Katz zitiert, der sich auch zur Sterblichkeit durch Sars-CoV-2 und zur Sinnhaftigkeit von PCR-Tests geäußert hat. Auch die Frage des Virusursprungs ist laut Bericht ein heißes Eisen.

In der Fachwelt wird befürchtet, dass Hassbotschaften zu Rückzug und Selbstzensur von Expertinnen und Experten führen und deren Kollegen abschrecken könnten, selbst öffentlich aufzutreten. In der Umfrage gaben besonders häufig von persönlichen Angriffen und Troll-Kommentaren Betroffene auch am ehesten an, dass dies ihre Gesprächsbereitschaft mit Medien enorm beeinflusst habe.

So reagieren die Bedrohten

Zu den individuellen Bewältigungsstrategien von Forschenden, die online beschimpft werden, gehören der Versuch, die Beschimpfungen zu ignorieren, das Filtern und Blockieren von E-Mails und Social-Media-Trollen oder – bei Beschimpfungen auf bestimmten Social-Media-Plattformen – die Löschung ihrer Konten. Aber das ist nicht einfach.

«Es ist sehr erschütternd, wenn man jeden Tag seine E-Mails oder Twitter öffnet und Todesdrohungen und Beschimpfungen erhält, um seine Arbeit zu untergraben», sagt Andrew Hill, Pharmakologe am Institut für Translationale Medizin der Universität Liverpool. Die Beschimpfungswelle gegen ihn startete, nachdem er und seine Kollegen im Juli eine Metaanalyse zu Ivermectin veröffentlicht hatten, diese aber zurückzogen und sie überarbeiteten, weil eine der größten Studien, die sie einbezogen hatten, wegen ethischer Bedenken hinsichtlich ihrer Daten zurückgezogen wurde. Daraufhin wurde Hill mit Bildern von Erhängten und Särgen belagert, und die Angreifer behaupteten, er würde «Nürnberger Prozessen» ausgesetzt und er und seine Kinder würden «in der Hölle schmoren». Es kostet viel Zeit, die Nachrichten durchzugehen und die Diffamierer herauszufiltern, sagt er. Deshalb habe er beschlossen, sein Twitter-Konto zu löschen.

Krutika Kuppalli, die nach Aussagen zur möglichen Booster-Impfung und der verheerenden Pandemie-Welle in Indien mit dem Tod bedroht wurde und die heute für die WHO in Genf arbeitet, hat ihre Social-Media-Präsenz beibehalten, ist aber vorsichtiger im Umgang mit ihr. Ihre Regel ist nun, nicht auf Kommentare oder Beiträge zu antworten, wenn sie verärgert oder wütend ist, oder in manchen Fällen überhaupt nicht zu antworten. «Ich lese die Kommentare einfach nicht und lasse mich nicht darauf ein.»

Pandemie als doppeltes Brennglas

Um ein neues Phänomen handelt es sich laut Kommunikationsexperten zwar nicht. «Die Pandemie wirkte jedoch wie ein doppeltes Brennglas. Alle Dynamiken, die wir in der Forschung bereits beschrieben hatten, traten nun in hoher Konzentration und Blitzgeschwindigkeit zutage», erklärte Konstanze Marx von der Universität Greifswald. Sie sehe Handlungsbedarf im «generellen Diskursklima», also auch in Medien und Politik. Gebraucht werde ein Klima der Wissenschaftsfreundlichkeit.

Die «Nature»-Umfrage war zwar anonym, in Deutschland gibt es aber bekannte Betroffene, die massive Anfeindungen bereits vor einiger Zeit selbst öffentlich gemacht haben. Dazu gehört neben dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach etwa der Virologe Christian Drosten. Auch hatten Unbekannte im Oktober 2020 laut Polizei Brandsätze auf ein Gebäude des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin geworfen.

Charité-Wissenschaftler Drosten berichtete vor rund einem Jahr bei einem Kongress in Berlin, welche Kehrseiten die Bekanntheit bis in den Alltag hinein hat: Da es ihm «ziemlich unangenehm» sei, beim Einkaufen angestarrt zu werden, gehe er mit Sonnenbrille und Mütze raus, um nicht erkannt zu werden. Zu seinem Umgang mit Hass sagte Drosten damals: «Alles, was ich da machen kann, ist, das möglichst auszuklammern.»

Ein Trost bleibt, wie die Umfrage zeigt: Nach positiven Erfahrungen nach Medienauftritten gefragt, stimmten 83 Prozent der Aussage zu, sie hätten ihre Botschaft an die Öffentlichkeit bringen können.

(L'essentiel/DPA/fee)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Die Akteure der Manipulationen am 18.10.2021 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    haben Ängste, weil es in der Bevölkerung zu brodeln beginnt u. benehmen sich wie "Angstschisser" weil sie über kein Gewissen verfügen; denn ansonsten hätten sie sich schon längst der Frage gestellt, ob wohl ihr diktatorischer u. feudalistischer Regierungsstil an der Hassentwicklung in der Bevölkerung schuld sein könnte!

  • Kary Mullis hätte Drosten kritisiert am 28.10.2021 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Der Nobelpreisträger des PCR-Tests Mullis: YouTube: "Kary Mullis explains why his PCR test is not a diagnostic test". YouTube: "PCR TEST INVENTOR Kary Banks Mullis opinion on DR. FAUCI" ... . Mullis starb kurz vor dem Covid-Ausbruch unter mysteriösen Umstände. Das Risiko dass er Drosten kritisieren würde war wahrscheinlich zu gross. Mullis sagt Follow the money und die haben eine Agenda die gegen uns ist.

  • Dan A am 18.10.2021 14:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ech Mengen du hues zefill Fiederwäissen genachelt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kary Mullis hätte Drosten kritisiert am 28.10.2021 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Der Nobelpreisträger des PCR-Tests Mullis: YouTube: "Kary Mullis explains why his PCR test is not a diagnostic test". YouTube: "PCR TEST INVENTOR Kary Banks Mullis opinion on DR. FAUCI" ... . Mullis starb kurz vor dem Covid-Ausbruch unter mysteriösen Umstände. Das Risiko dass er Drosten kritisieren würde war wahrscheinlich zu gross. Mullis sagt Follow the money und die haben eine Agenda die gegen uns ist.

  • Die Akteure der Manipulationen am 18.10.2021 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    haben Ängste, weil es in der Bevölkerung zu brodeln beginnt u. benehmen sich wie "Angstschisser" weil sie über kein Gewissen verfügen; denn ansonsten hätten sie sich schon längst der Frage gestellt, ob wohl ihr diktatorischer u. feudalistischer Regierungsstil an der Hassentwicklung in der Bevölkerung schuld sein könnte!

  • Dan A am 18.10.2021 14:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ech Mengen du hues zefill Fiederwäissen genachelt.

  • @ArmHannes am 18.10.2021 09:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Normal dass sie Hass auf sich ziehen Sie haben die Welt ins Chaos gestürzt Zum Wohl der Parmaindustrie