Nahost-Experte

29. Oktober 2020 15:43; Akt: 30.10.2020 07:25 Print

«Erdogan ist für die Attacken mitverantwortlich»

Die Messerattacke von Nizza, ein Angriff in Avignon und ein Vorfall bei der französischen Botschaft in Dschidda, Saudi-Arabien. Wie hängen diese Vorfälle zusammen?

storybild

In Nizza kam es am Donnerstag zu einem Attentat. (Bild: keystone-sda.ch)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Drei Tote in Nizza, eine vereitelte Messerattacke in Avignon sowie ein Angriff auf einen Wächter der französischen Botschaft in Dschidda, Saudi-Arabien. Für den Nahost- und Islamismus-Experten Guido Steinberg von der Stiftung für Wissenschaft und Politik haben diese mutmaßlich islamistischen Attacken denselben Hintergrund: «Es geht um den neuen Streit zwischen der Türkei und Frankreich über die Mohammed-Karikaturen sowie um den Mord an dem französischen Lehrer bei Paris von vor zwei Wochen».

In den letzten Tagen war die Debatte durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zusätzlich verschärft worden. Dieser hatte im Streit mit Frankreich über Mohammed-Karikaturen und Meinungsfreiheit bestimmten Ländern eine «Neuauflage der Kreuzzüge» vorgeworfen. Diese würden von westlichen Staaten geplant, die den Islam attackierten. Sich gegen Angriffe auf den Propheten Mohammed zu stemmen, sei «eine Frage der Ehre». Diese Kritik lässt Nahost-Experte Steinberg aber nicht gelten: «Erdogan verkennt, dass Frankreich keine Islam-feindliche Politik, sondern eine Islamismus-feindliche Politik betreibt.»

«Es darf uns nicht überraschen, wenn das so weitergeht»»

Mit seinen Äußerungen habe Erdogan die öffentliche Aufmerksamkeit noch stärker auf die Mohammed-Karikaturen gelenkt - wobei er aber den Mord an dem französischen Lehrer nicht thematisiert hatte. «So entstand der Eindruck, dass die Karikaturen, nicht aber der Mord das wahre Problem seien», sagt Steinberg. Und weiter: «Das hat die Ressentiments gegen Frankreich in muslimischen Ländern in den letzten Tagen zusätzlich geschürt. Insofern trägt Erdogan an den aktuellen Angriffen eine politische Mitverantwortung.»

Der Konflikt zwischen der Türkei und Frankreich drehe sich dabei nur an der Oberfläche um die Mohammed-Karikaturen, so Steinberg. Tatsächlich habe der Streit zwischen den Nato-Verbündeten deutlich mehr Spielarten, sei es im Konflikt im östlichen Mittelmeer, bei dem sich Frankreich solidarisch mit Griechenland und Zypern zeigt, sei es im Konflikt in Libyen, wo sich Paris und Ankara die jeweils gegnerische Seite unterstützen.

Wie Frankreich auf die jüngsten Messerattacken reagieren wird, wird sich zeigen. Steinberg: «Sicher aber wird Paris reagieren müssen und die Laizität und Meinungsfreiheit verteidigen.» Es bestehe jetzt die Gefahr, dass man in Europa Nachahmer-Attacken sehe. «Es darf uns nicht überraschen, wenn das so weitergeht», sagt Steinberg.

«Ziel ist, die westliche Gesellschaft zu einer Überreaktion zu zwingen»

Der Unterschied zu den «Terror-Jahren» 2014 bis 2017 sei jedoch, dass keine starke Terrororganisation im Hintergrund die Fäden ziehe. Die jüngsten Messerattacken seien wahrscheinlich von sogenannten «lone wolves», Einzeltätern, verübt worden. «Organisationen wie der IS sind seit 2018 nicht mehr in der Lage, internationale Anschläge zu organisieren oder anzuleiten - dafür sorgen unsere Sicherheitsdienste, die seither viel dazugelernt haben.»

Dennoch: «Die islamistische Ideologie ist auch in Westeuropa weiter verbreitet, da dürfen wir uns nichts vormachen.» Als Folge der Flüchtlingspolitik habe sich die Zahl der Jihadisten erhöht, sei dies nun in Frankreich, Deutschland oder Skandinavien. «Es gibt zwar nicht viele, die ihr Leben wegen einer Mohammed-Karikatur opfern würden. Ich schätze, da kommt kein Dutzend Personen zusammen.» Und doch: Letztlich sei das Ziel, die westliche Gesellschaft zu einer Überreaktion zu zwingen - und dafür eignen sich solche Messerattacken. «In solchen Momenten wird die enorme Sprengkraft ersichtlich, die sich aus der Gegnerschaft zwischen den Jihadisten und den Mehrheitsgesellschaften ergibt», sagt Steinberg.

(L'essentiel/Barbara Lanz)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jos am 29.10.2020 18:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist der Aufschrei der friedlichen Moslems? Die wenigen Radikalen bringen doch diese Religion in Verruf, daran sollten doch die Vernünftigen kein Interesse haben....

    einklappen einklappen
  • Rainer am 29.10.2020 17:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Halsabschneiden zur Religion gehört sollte man diese verbieten, egal wie sie heisst. Barbaren gehören nicht in unsere Gesellschaft.

  • Léon am 30.10.2020 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    On doit s’armer et se protéger soit même !!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sesselpupserland am 30.10.2020 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffen just dat d'Fransousen konsequent raumen. An Daitschland sicht d'Angela nach emmer den Bus fir bei dei den éegenen Affer en Besuch ze machen.

  • Léon am 30.10.2020 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    On doit s’armer et se protéger soit même !!!

  • Jos am 29.10.2020 18:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist der Aufschrei der friedlichen Moslems? Die wenigen Radikalen bringen doch diese Religion in Verruf, daran sollten doch die Vernünftigen kein Interesse haben....

    • wuel en Fakt am 30.10.2020 08:23 Report Diesen Beitrag melden

      Heierst du se dann net? Geséisst du se dann net ob hirer Demo? Wann net. dann sinn se wuel guer net esou friddlech.

    einklappen einklappen
  • @Rainer am 29.10.2020 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Kindesmissbrauch von Priestern zur Religion gehört, sollte man sie auch verbieten. Also denk lieber mal nach bevor du kommentierst, Rainer.

    • De_klenge_Fuerzkapp am 29.10.2020 20:06 Report Diesen Beitrag melden

      @Rainer Generel gehört jede Art von Religion verboten. Braucht kein Mensch.

    • Cassandra am 30.10.2020 11:56 Report Diesen Beitrag melden

      Kindesmissbrauch wird nicht im Namen des Herrn begangen sondern von Perversen. Mit deren bekannten Schlachtruf die westlichen Ungläubigen abzumurksen hingegen wird das schon eine religiöse Tat.

    • Rainer am 30.10.2020 12:03 Report Diesen Beitrag melden

      Ganz deiner Meinung @Rainer. Auch Hexenverbrennung und Inquisition war Barbarei.

    • Gehierblähungen am 31.10.2020 07:46 Report Diesen Beitrag melden

      gin dem klenge Fuerzkapp recht : Relioun ass e groussen Fuerz am Kapp ... an e Fuërz besteht aus Gasen, déih echappéieren vun eppes Verfaultem ...

    einklappen einklappen
  • Rainer am 29.10.2020 17:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Halsabschneiden zur Religion gehört sollte man diese verbieten, egal wie sie heisst. Barbaren gehören nicht in unsere Gesellschaft.