Strahlendes Erbe

12. April 2019 12:46; Akt: 12.04.2019 12:54 Print

Schmelzende Gletscher als radioaktive Zeitbomben

Als wären verschwindende Gletscher noch nicht schlimm genug: Der Rückgang des ewigen Eises könnte Radioaktivität freisetzen.

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Auf den Gletschern der Alpen, Islands, Kanadas, des Kaukasus sowie der Arktis und Antarktis haben die Reaktorkatastrophen wie etwa Tschernobyl und Fukushima deutliche Spuren hinterlassen: Radioaktivität. Diese, so warnen Forscher, könnte durch das Schmelzen des ewigen Eises freigesetzt werden.

Wie Carolin Clason von der University of Plymouth bei einer Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU) in Wien sagte, seien die Mengen potenziell gesundheitsgefährdend. Angesichts der durch den Klimawandel schmelzenden Gletscher sitze die Menschheit auf einer tickenden Zeitbombe.

Clason und ihre Kollegen untersuchten 17 verschiedene kontaminierte Standorte. Die radioaktive Konzentration habe dort «die höchsten Level erreicht, die man in der Natur außerhalb nuklearer Sperrzonen findet», so die Forscherin bei der Versammlung.

Radioaktiver Niederschlag

Wenn radioaktives Material freigesetzt wird, steigt es in die Atmosphäre auf und fällt mit dem Regen wieder auf die Erde. Pflanzen und das Erdreich nehmen Teile der Partikel auf, die nuklearen Bestandteile werden erst nach und nach ausgewaschen. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl beispielsweise ging 1986 wochenlang radioaktiver Regen über Nordeuropa nieder.

Radioaktiv verseuchter Schnee hingegen setzt sich über Jahrzehnte im Gletschereis fest. Durch die Schmelze gelangt das radioaktive Material laut Clason dann in Bäche und Flüsse. Wie sich das auf die Natur auswirkt, zeigt sich nach ihren Angaben unter anderem in Schweden: Wildschweinfleisch in dem skandinavischen Land enthält seit einigen Jahren zehnmal höhere Mengen an Caesium, als für den Menschen sicher wäre. Auch im Tessin wurden erhöhte Werte gemessen.

Langfristige Auswirkungen

Besonders die seit den 1950er-Jahren betriebenen Atomwaffentests könnten laut den Wissenschaftlern langfristig ungeahnte Bedrohungspotenziale entfalten. Denn bei ihnen wurde Plutonium freigesetzt, das eine Halbwertszeit von 14 Jahren aufweist und zum hochgefährlichen Americium wird, wenn es zerfällt.

Americium hat eine Halbwertszeit von 400 Jahren, ist in der Umwelt leicht löslich und gibt starke Alpha-Strahlung ab. Somit sei es besonders dazu geeignet, «in die Nahrungskette zu gelangen», warnte Clason. «Unser nukleares Erbe ist noch nicht verschwunden.»

(L'essentiel/fee/sda)

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