Sekten-Hof in Holland

18. Oktober 2019 19:56; Akt: 31.10.2019 09:55 Print

So hielt Josef B. sein Doppelleben geheim

Kein Bier in der Kneipe, kein Kontakt zu den Nachbarn: Josef B. führte ein abgegrenztes Leben an einem Ort, an dem sich die Menschen ohnehin in Ruhe lassen.

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Im rätselhaften Fall der isolierten Familie auf einem Bauernhof im Nordosten der Niederlande richten sich die Ermittlungen gegen zwei Männer: Josef B. (58), der österreichische Mieter des Hofes, und Gerrit-Jan van D. (67), der Vater der sechs festgehaltenen Kinder.

1. Das idyllische Leben in der Provinz Drenthe

Das Drama um die Familie ereignete sich weit weg vom bunten, lauten Leben in Amsterdam. Die Menschen wohnen in Häusern mit Klinkerfassaden, niemand hat Vorhänge. Man lässt sich hier gegenseitig in Ruhe. Freundlich, aber distanziert. Alles ist modern: In den Einfahrten stehen blitzsaubere Volvo und Audi, in den Höfen neue, große Traktoren.

Die Welt von Josef, dem Österreicher, liegt nur wenige Kilometer außerhalb der Hauptstraße von Ruinerwold, und doch Welten entfernt. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg über einen kleinen Kanal. Privatgrund. Kurz über einen Feldweg auf eine Wiese vor dem Bauernhof mit der Hausnummer 14. Die Nachbarn sind außer Hörweite, ein kleines Wäldchen schützt vor neugierigen Blicken. Auf dem Gehöft hausten Josef B. und sechs weitere Personen: fünf Kinder und ihr kränklicher Vater Gerrit-Jan van D.

2. Wie Sektenguru Josef B. sich unbemerkt machte

Über Jahre lebte man von dem, was der Gemüsegarten, eine Ziege und das Geflügel hergaben. Einkäufe erledigt Josef B. mit seinem alten Volvo, mit dem er auch zu seiner kleinen Holzwarenwerkstatt im nahen Meppel fährt. Der Mann selbst passt so gar nicht ins moderne Holland des 21. Jahrhunderts. Sein Niederländisch ist auch nach vielen Jahren im Land alles andere als perfekt.

Er geht den Leuten aus dem Weg. Kein Bier in der Kneipe, kein Pläuschchen mit der Supermarktkassiererin. Josef B. suchte und fand die Isolation. Niemand fragte, was Josef B. auf dem großen Grundstück eigentlich machte. Vielleicht auch, weil Miete und Autoversicherung stets pünktlich bezahlt wurden.

3. Wie sie sich finanzierten

Ein großer Teil der Einkünfte der Familie kam wohl von Spenden, denn die mehr oder weniger freiwillige Zurückgezogenheit der Familie hatte ihren Ursprung offenbar in der Religion. Josef B. und Gerrit-Jan van D. waren Mitglieder der südkoreanischen Moon-Sekte beziehungsweise deren Abspaltungen, in den Niederlanden als Vereinigungskirche bekannt. So dürften sie auch in Kontakt miteinander gekommen sein. Laut der niederländischen Tageszeitung AD war Gerrit-Jan van D. mehr als 20 Jahre verschwunden, nachdem er der Moon-Sekte beigetreten war. Bekannte aus Ruinerwold meinten, Gerrit-Jan sei nach seiner Abreise nach Südkorea nicht mehr am Leben.

Wie De Telegraaf berichtet, hat die Polizei im Bauernhof von Josef B. einen unbekannten Geldbetrag gefunden. «Es handelt sich dabei nicht nur um ein paar Zehner, deshalb untersuchen wir, woher das Geld kommt», sagt die Polizeisprecherin. Der Verdacht der Geldwäsche für die Moon-Sekte steht im Raum.

4. Die Erziehung der Kinder

Sekten und strenggläubige Gemeinschaften sind in der Region Drenthe nicht selten. Auf Kindererziehung wird dabei großen Wert gelegt. Nachbarn in Hasselt, wo Josef B. und Gerrit-Jan van D. einst Tür an Tür wohnten, erzählen von außergewöhnlicher Höflichkeit der Kinder. So etwa Carina P.: «Der Vater sah zwar aus wie eine Jesusfigur, mit Bart und abgemagert, doch es gab nie Ärger. Sie hatten einen Hund, den sie nicht einmal an fremde Gartenzäune pinkeln ließen. Meistens ist ein etwa zehnjähriger Junge mit dem Hund gegangen, der sehr zuvorkommend war. Die Kinder waren ruhig, Geschrei gab es nie.»

Die Familie lebte zuletzt in Ruinerwold. Die Kinder waren älter geworden, der Kontakt zur Außenwelt weniger. Die Sprache der jüngsten soll eine Art Fantasie-Holländisch gewesen sein. Ein Singsang aus Gebeten und Alltagsbegriffen.

Bis auf den Ausreißer, der die Entdeckung des Bauernhof-Dramas am Sonntag nach ein paar Bieren in einem Dorfgasthaus in Ruinerwold ins Rollen brachte, scheinen die übrigen Familienmitglieder gar nicht in Kontakt mit der Umwelt gestanden zu haben. In ihrem neuen Zuhause, einem sicheren Ort, an den sie die Polizei gebracht hat, gehen sie weiter ihren religiösen Gebräuchen nach. Wohl auch, weil sie es nicht anders kennen.

5. Isoliert, aber auf Social Media

Der 25-jährige Sohn, der mit seinem Ausflug in die Dorfbar den Fall ins Rollen gebracht hat, behauptet, er sei seit neun Jahren nicht mehr aus dem Haus gegangen. Doch kurz danach fanden Ermittler seine Social-Media-Accounts. Sie widersprechen seiner Story. Fotos zeigen ihn beim Yoga, im Kaffeehaus und bei einer Klimademo. Unter anderem schreibt Jan, dass er seit Juni Webmanager bei einer Kreativagentur in Meppel sei.

6. Das Versagen der Behörden

Gerrit-Jan van D. (67) soll mit einer Österreicherin verheiratet gewesen sein. Das Paar soll insgesamt neun Kinder gehabt haben. Sechs wohnten mit dem Vater auf dem Bauernhof in Ruinerwold, die anderen drei seien bereits vor zwanzig Jahren weggezogen. Die Mutter der Kinder soll 2004 an Krebs gestorben sein. Niemand weiß, wo die Leiche der Frau begraben ist. Laut Krone gibt es nicht einmal einen Totenschein.

(L'essentiel/kle)

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