Interview

24. Februar 2020 11:08; Akt: 24.02.2020 11:14 Print

So läuft das Business der Klimawandel-​​Skeptiker

Für 500.000 Euro kann man Studien kaufen, die einen von Menschen verursachten Klimawandel in Zweifel ziehen. Eine Reporterin erklärt, wie dies funktioniert.

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Pseudowissenschaftliche Thesen und Meinungsmache gegen Klimaschutzmaßnahmen sind käuflich. Das belegen Recherchen der Reporter Katharina Huth und Jean Peters für «Correctiv» und die ZDF-Sendung «Frontal 21».

Undercover drangen die Journalisten in die Kreise jener ein, die daran zweifeln, dass der Klimawandel von Menschen verursacht ist. Sie fanden heraus, wie diese Kreise arbeiten und damit auch noch viel Geld verdienen. Im Interview spricht Huth über ihre Recherchen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich undercover bei Klimawandel-Skeptikern einzuschleusen?

Katharina Huth: Es gibt bei Correctiv eine Faktencheck-Redaktion. Da werden täglich Falschmeldungen zu allen möglichen Themen auf den Wahrheitsgehalt geprüft und entsprechende Beiträge dazu veröffentlicht. Bei Klima-Faktenchecks fiel mir auf, dass gezielt gestreute Falschinformationen häufig auf das Eike-Institut zurückgehen. Wir wollten herausfinden, wie sich diese Menschen organisieren und finanzieren.

Was ist das Eike-Institut?

Eike steht für Europäisches Institut für Klima und Energie. Das ist eigentlich kein Institut, sondern ein Verein von Leuten, die am menschengemachten Klimawandel zweifeln. Und das macht es gefährlich. Leute, die nicht so geübt im Umgang mit Medien sind, können von der seriösen Aufmachung von Eike getäuscht werden. Auf der Website von Eike werden unter anderem Publikationen veröffentlicht. Dabei handelt es sich aber nicht um Wissenschaft, sondern um Meinungsbeiträge. Es gibt auch personelle Überschneidungen zur AfD, die Eike-«Experten» als Redner in den Bundestag holt.

Warum war eine Undercover-Recherche nötig?

Wir mussten undercover vorgehen, weil wir mit Eike eine Vorgeschichte haben. Der Verein fällt regelmäßig bei unseren Faktenchecks durch und veröffentlicht teilweise beleidigende Gegenbeiträge auf seiner Website. Der Eike-Präsident Holger Thuss wurde schon aggressiv gegenüber Journalisten, die unangenehme Fragen stellten. Das belegen Aufnahmen, die uns vorliegen.

War es schwer, in die Kreise der Klimawandel-Leugner zu gelangen?

Nein, überhaupt nicht. Wir meldeten uns für die internationale Klimakonferenz des Eike-Instituts im November in München an. Nach der Spende von 220 Euro pro Person per Paypal gab es die Info über den Veranstaltungsort.

Dort entstand auch der Kontakt zum Heartland Institute.

Genau. Auf der Konferenz lernten wir James Taylor kennen, den Chefstrategen des Heartland Institute. Er hielt dort einen Vortrag über den «Umgang mit den Klima-Alarmisten in den USA». Generell wurden dort jene Menschen, die sich für wirksame Klimamaßnahmen aussprechen, oft als Alarmisten oder Hysteriker bezeichnet. Und die Klimapolitik der deutschen Bundesregierung galt dort als «radikal». Mir würden ganz andere Worte einfallen, etwa «zaghaft». Sich selbst bezeichneten sie als Realisten oder Skeptiker.

Was ist das Heartland Institute?

Es ist ein libertärer Thinktank aus den USA, der laut eigenen Angaben ein jährliches Budget von ungefähr 6 Millionen Dollar hat. Das ist gar nicht so viel, es gibt auf jeden Fall größere Organisationen. Allerdings ist Heartland recht aggressiv in seinen Themen und im Ton. Das Institut wurde hauptsächlich von der Mineralöl- oder Kohleindustrie finanziert. Das kann man relativ gut nachvollziehen, weil in den USA Organisationen ihre Spender offenlegen müssen.

Gibt es auch eine Möglichkeit zur Verschleierung?

Als wir Taylor als PR-Agenten getarnt erzählten, dass ein angeblicher Kunde aus der Autoindustrie 500.000 Euro in das Netzwerk schleusen möchte, schlug er, ohne zu zögern, den Donor's Trust vor. Das ist eine US-Organisation, die Spendengelder weiterleitet. Nachher ist nicht mehr nachvollziehbar, woher die Zuwendungen kamen. Uns wurde damit bestätigt, dass man solche Kampagnen mit Industriegeld kaufen kann.

Was stand in dem Angebot, das Ihnen Taylor machte?

Wir fragten ihn am Telefon, ob er uns mit den Dieselfahrverboten in Deutschland unterstützen könnte. Er schickte uns zwei Stunden später einen Vorschlag. Bei der richtigen Spendensumme könne er uns mit Publikationen und Einschätzungen von Experten und Wissenschaftlern versorgen. Diese würden sich dann zugunsten der Autoindustrie und Diesel äußern. Ein Arzt hätte zum Beispiel gesagt, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von Dieselmotoren gering seien. Da stand es Schwarz auf Weiß: Bei Heartland kann man wissenschaftliche Aussagen und Studien kaufen.

Außerdem umfasste das Angebot, dass eine deutsche Youtuberin Videos in unserem Sinne machen könnte – über die Auswirkungen von überzogenen Umweltvorschriften. Im Telefonat sagte Taylor, dass man ihr eine Richtung und Buzzwords vorgeben könne. Sie müsse sich nur mit dem Gesagten wohlfühlen.

Wie viel Ideologie steckt in der Sache? Ist es für Heartland nur ein Geschäft oder Überzeugung?

Mein Eindruck auf diesen Konferenzen war, dass viele Menschen an diese Inhalte glauben. Vielleicht auch, weil sie ihr Leben lang in klimaschädlichen Industrien gearbeitet haben und sich durch die Klimabewegung in ihrem Schaffen kritisiert fühlen. Das ist eine Vermutung. Bei Taylor hatte ich mehr das Gefühl, dass er ein eloquenter Businessmensch ist, der Geschäfte macht. Ich weiß nicht, ob das sein Herzensprojekt ist. Er hatte am Anfang keine Ahnung von Diesel in Deutschland, zwei Stunden später kam das ausgearbeitete Angebot. So tief kann die Ideologie dann nicht gehen.

(L'essentiel)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • John Doe am 24.02.2020 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Das Heartland Institut ist genauso libertär wie ich Marsianer bin. Für die interessierten: In den USA ist der libertäre Begriff ein ziemliches WischiWaschi und wird gerne von ultraliberalen Wirtschaftszweigen benutzt - und diese sind, wie wir alle wissen, nicht die Freunde der Menschheit.

Die neusten Leser-Kommentare

  • John Doe am 24.02.2020 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Das Heartland Institut ist genauso libertär wie ich Marsianer bin. Für die interessierten: In den USA ist der libertäre Begriff ein ziemliches WischiWaschi und wird gerne von ultraliberalen Wirtschaftszweigen benutzt - und diese sind, wie wir alle wissen, nicht die Freunde der Menschheit.