Vergewaltigungsvorwurf

02. Dezember 2021 08:16; Akt: 02.12.2021 08:23 Print

Unschuldiger saß 16 Jahre im Gefängnis

16 Jahre büßte Anthony Broadwater für eine Tat, die nicht er beging. Die US-Schriftstellerin Alice Sebold identifizierte damals ihn. Jetzt hat sie sich entschuldigt.

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Die amerikanische Schriftstellerin Alice Sebold hat sich am Dienstag öffentlich bei dem Mann entschuldigt, den sie fälschlicherweise als ihren Vergewaltiger identifizierte. Sie kämpfe mit ihrer Rolle in einem System, das einen unschuldigen Mann ins Gefängnis geschickt habe, schrieb die 58-Jährige. Die Tat von 1981 bildete die Grundlage für ihre Memoiren «Glück gehabt». Der dafür verurteilte Mann wurde in der vergangenen Woche von dem Vorwurf freigesprochen.

Schwerwiegende Fehler bei Prozess

«Am meisten tut es mir leid, dass Ihnen das Leben, das Sie hätten führen können, zu Unrecht genommen wurde, und ich weiß, dass keine Entschuldigung etwas an dem ändern kann, was Ihnen widerfahren ist, und es auch nie wird», schrieb Sebold an den Verurteilten gerichtet. Was ihm geschehen sei, werde ihr für immer leid tun.

Der heute 61-jährige Anthony Broadwater wurde 1982 wegen der Vergewaltigung Sebolds schuldig gesprochen und verbrachte 16 Jahre in Haft. Seine Verurteilung wurde am 22. November aufgehoben, nachdem die Staatsanwaltschaft den Fall erneut geprüft und festgestellt hatte, dass bei seiner Verhaftung und seinem Prozess schwerwiegende Fehler gemacht wurden.

«Mein Ziel war Gerechtigkeit»

Die Autorin von «In meinem Himmel» und «Das Gesicht des Mondes» beschrieb sich als ein damals 18 Jahre altes traumatisiertes Vergewaltigungsopfer. Sie habe Vertrauen in das amerikanische Rechtssystem gehabt. «Mein Ziel im Jahr 1982 war Gerechtigkeit – nicht die Fortsetzung von Ungerechtigkeit. Und schon gar nicht, das Leben eines jungen Mannes für immer und unwiederbringlich zu verändern, durch das gleiche Verbrechen, das meines verändert hatte.»

Broadwater zeigte sich erleichtert über die Entschuldigung, wie er in einer Stellungnahme erklärte, die seine Anwälte veröffentlichten. «Es muss sie viel Mut gekostet haben, das zu tun», schrieb er. «Es ist immer noch schmerzhaft für mich, weil ich zu Unrecht verurteilt wurde, aber das wird mir helfen, mit dem, was passiert ist, Frieden zu schließen.»

Fehler der Staatsanwaltschaft

Sebold beschrieb 1999 in «Glück gehabt», wie sie vergewaltigt wurde und einige Monate später auf der Straße einen schwarzen Mann sah, von dem sie glaubte, er sei ihr Angreifer. Ein Beamter sagte ihr, der Mann müsse Broadwater gewesen sein, der in der Gegend gesehen worden sei. Bei einer Gegenüberstellung identifizierte Sebold einen anderen Mann, aber die Staatsanwaltschaft klagte dennoch Broadwater an.

Er wurde vor allem deshalb verurteilt, weil Sebold ihn im Zeugenstand als ihren Vergewaltiger identifizierte. Hinzu kam eine Aussage, dass eine mikroskopische Haaranalyse ihn mit dem Verbrechen in Verbindung bringe. Diese Art der Analyse wurde vom US-Justizministerium inzwischen aus dem Verkehr gezogen.

Tränen der Freude und Erleichterung

Broadwater, der 1998 aus dem Gefängnis entlassen wurde, sagte letzte Woche der Nachrichtenagentur AP, er habe Tränen der Freude und Erleichterung geweint, nachdem seine Verurteilung durch einen Richter in Syracuse aufgehoben worden war. Tragischerweise kommt es in den USA immer wieder vor, dass Personen jahrelang unschuldig im Gefängnis sitzen. So auch Kevin Strickland, der nach über 40 Jahren im Gefängnis vor wenigen Wochen rehabilitiert wurde.

Der Verlag Simon & Schuster gab am Dienstag bekannt, der Vertrieb von «Lucky» sei eingestellt worden. Mit der Autorin solle überlegt werden, wie das Buch überarbeitet werden könne.


(L'essentiel/DPA/bho)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • JP am 02.12.2021 09:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fairerweise müsste die person, die den falschen beschuldigt hat, für die gleiche zeit ins gefängnis. aber das wäre ja gleichberechtigung für männer und das gibt es nicht.

  • irgendeen am 02.12.2021 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wisou sin d‘Fra an d‘Fliquen et vir emmer an den Bing komm? Hat wosst dass et den Typ net wier an huet nix ennerholl. Hat geheiert vir emmer weg gespaart. Bei den Fliquen ass et offensichtlech wisou.

Die neusten Leser-Kommentare

  • JP am 02.12.2021 09:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fairerweise müsste die person, die den falschen beschuldigt hat, für die gleiche zeit ins gefängnis. aber das wäre ja gleichberechtigung für männer und das gibt es nicht.

  • irgendeen am 02.12.2021 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wisou sin d‘Fra an d‘Fliquen et vir emmer an den Bing komm? Hat wosst dass et den Typ net wier an huet nix ennerholl. Hat geheiert vir emmer weg gespaart. Bei den Fliquen ass et offensichtlech wisou.