Missbrauchsopfer

11. Oktober 2021 19:45; Akt: 11.10.2021 19:45 Print

«Vergewaltigung war der Kirche nur 7500 Euro wert»

Der Spanier Alfonso Caparrós war sieben, als ihn ein Priester sexuell misshandelte. Als er eine Entschädigung fordert, entdeckt er, dass die Jesuiten eine Art Tarifplan führen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Spanier Alfonso Caparrós fühlt sich so gedemütigt, dass er nicht mehr schweigen will. Der heute 76 Jahre alte Mann ist eines von vielen Opfern sexueller Misshandlungen durch Geistliche. Als man ihn im Juni 2020 erstmals zu einem «Gespräch» mit den Verantwortlichen für seinen Schmerz einlud, saß eine Truppe Anwälte im Raum, die die Schwere des erlittenen Übergriffes einzuschätzen hatte.

Da realisierte Caparrós, dass die Jesuiten in Spanien eine Art Tarifplan führen, um die Opfer zu entschädigen: Für eine «leichte Misshandlung» gibt es 5000 Euro, für eine «mittlere» bis zu 10.000 und für einen «schweren Übergriff» bis zu 15.000. Alfonso Caparrós erhielt für das, was ihm im Alter von sieben Jahren an der Jesuitenschule San Estanislao de Kostka in Málaga angetan wurde, 7500 Euro.

«Wie viel meinen Sie, ist meine Seele wert?»

Caparrós erzählt der Zeitung «El País», wie das «unpersönliche und kalte Entschädigungsverfahren» verlief. Zunächst sei ihm eine Schweigepflichts-Erklärung vorgelegt worden. Dann hörten sich die Anwälte seinen Fall an. Zum Schluss fragten sie: «Und wie viel meinst du, steht dir dafür zu?» Der Spanier antwortete mit einer rhetorischen Frage: «Wie viel meinen Sie, ist meine Seele wert? Denn ich habe sie damals verloren.» Die Antwort in Geld: 7500 Euro.

An die Schweigepflicht will sich der 76-Jährige nicht mehr halten. «Es ging mir nie um das Geld, ich möchte nur gehört werden», meint er. Er sei nun bereit, auf schmerzhafte Details einzugehen. «Es ist der einzige der Weg, um die Grausamkeit dieser Schurken aufzuzeigen», sagt er. Seinen Peiniger nennt er beim vollen Namen: Priester Ramón Gutiérrez Mateo.

«Schon von Anfang an war er fixiert auf mich, sagte wie schön ich sei und wie gern er mich habe. Der erste Übergriff fand eines Tages statt, als mir während des Unterrichts schlecht wurde und ich mich auf der Toilette übergeben musste. Bruder Gutiérrez zog mich völlig nackt aus und fing an, meinen ganzen Körper zu berühren, küsste mich mit seinem Bart und seinem stinkenden Speichel, während er selbst seinen Penis berührte.» Der damals sieben Jahre alte Caparrós erschrak. «Ich wusste ja damals nicht, was Sperma ist. Ich dachte, es sei Eiter und fing an zu weinen. Er rannte weg.»

«Ich hatte das Gefühl, ich müsse meine Unschuld beweisen»

Die Gewalttaten hörten nicht auf - sie wurden sogar immer schlimmer, bis zur Penetration. «Ich habe nie mit jemandem darüber geredet, es gab keine Therapie.» Ein anderer Junge aus seiner Klasse wurde ebenfalls Opfer von Bruder Gutiérrez, weiß Caparrós.

Im Laufe des Entschädigungsverfahrens mit dem «Untersuchungsausschuss» - als solcher hatten sich die Anwälte vorgestellt - wurde nie von Sünde gesprochen, moralische Überlegungen standen nie im Vordergrund. «Ich hatte fast das Gefühl, dass ich derjenige sei, der seine Unschuld beweisen müsse, als ob ich als kleines Kind versucht hätte, den Priester zu verführen.» Als die langwierigen Gespräche endlich beendet waren, informierten die Anwälte Caparrós, dass Ramón Gutiérrez Mateo 1963 gestorben sei.

Schweigepflicht widersetzt sich einer Weisung des Papstes

Beim Jesuitenorden in Spanien wollte man den Fall nicht weiter kommentieren. Nur soviel: Den Opfern werde ein «Wiedergutmachungsprozess» angeboten, «mit dem wir versuchen, sie zu begleiten und ihnen zu helfen, wenn weder zivilrechtliche noch kirchliche Maßnahmen möglich sind». Vertraulichkeit sei wichtig, heißt es weiter, «um die Würde der Person sowie ihre Privatsphäre zu schützen und die Unabhängigkeit und Neutralität des Verfahrens gewährleisten zu können».

Mit den heimlichen Entschädigungsmaßnahmen widersetzen sich die spanischen Jesuiten einer Weisung von Papst Franziskus, selber ein Jesuit. 2019 hatte der Pontifex in seinem Dokument «Vox estis lux mundi» angekündigt, den Kampf gegen Pädokriminalität im Klerus verstärken zu wollen, indem die Geheimhaltung der Opfer zu kaufen, verboten sei. In Artikel 4 Absatz 3 heißt es, dass einer Person, die einen Fall von sexueller Misshandlung anzeigt, «keine Verpflichtung auferlegt werden darf, über den Inhalt ihres Falles zu schweigen».

(L'essentiel/Karin Leuthold)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • JC am 11.10.2021 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    méi Dreckesch a Korrupt géd ed schon bal ned méi !!

  • St. Flatschert am 11.10.2021 20:01 Report Diesen Beitrag melden

    Der ganze Verein sollte verboten werden.

  • JC am 11.10.2021 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    d'Vergewaltegungsaffer hued bestemt nach misste beischte goen . Dreckspâck !!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heiligenschein auf Erden am 12.10.2021 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Maffia

  • JP am 12.10.2021 14:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    dass die politik und justiz nichts unternehmen, beweisst dass das problem viel weiter geht, als die katholische kirche.

  • Jos am 12.10.2021 11:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die katholische Kirche hat nun mal eine komplett veraltete Struktur, die viele solcher Taten indirekt begünstigt: Nur Männer als Priester unter sich im Zölibat, offiziell werden Frauen irgendwie so nebenbei akzeptiert, na und Kinder haben ja nur die anderen außerhalb der Kirche....kleiner Hinweis, in der protestantischen Kirche heiraten Pfarrer, werden Vater, Frauen werden Pfarrerinnen...und Bibel, Gott und Glaube erleiden...oh Wunder, keinen Schaden. Geht also doch. Danke Martin Luther!

  • Goliath am 11.10.2021 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hei zu Lëtzebuerg as Kannermessbrauch dach normal...

  • De_klenge_Fuerzkapp am 11.10.2021 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Egal ob Religion, Banken oder Politiker, wir werden von jeden missbraucht. Jeder Cent zählt.