Nach der Explosion

06. August 2020 18:05; Akt: 06.08.2020 18:05 Print

Wut gegen Politiker – Macron in Beirut beschimpft

Auch zwei Tage nach der verheerenden Explosion liegt Beirut im Chaos. Zur prekären humanitären Lage mischt sich Verzweiflung und Wut.

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Seit der fürchterlichen Explosion im Hafen von Beirut hat der Chirurg Dr. Assim al-Hadsch nur zwei Stunden geschlafen. Stattdessen: Operationen am Fließband im Clemenceau Medical Center unweit der Detonation. Fast 400 Verletzte wurden eingeliefert, 80 befinden sich noch in kritischem Zustand: «Ich kann Ihnen sagen: Die Situation ist katastrophal», sagt der Mediziner mit brüchiger Stimme.

Aus fast jedem Satz der Menschen im Libanon sind Verzweiflung und Frust herauszuhören. Viele Libanesen haben zwischen 1975 und 1990 einen blutigen Bürgerkrieg erlebt. Doch selbst sie sagen: Die Detonation im Hafen ist das Schlimmste, was ihnen widerfahren ist.

In die Verzweiflung der Menschen in Beirut mischt sich wachsende Wut auf die politische Elite. Davon blieb auch der französische Präsident Emmanuel Macron nicht verschont, der am Donnerstag den Ort der Katastrophe besuchte. «Ihr seid alle Mörder», schrie eine aufgebrachte Frau von ihrem Balkon. «Wo wart Ihr gestern?» Auch gegen den libanesischen Präsidenten Michel Aoun richtete sich die Wut: «Aoun, Du bist ein Terrorist", brüllte die Menge.

Monatelange Proteste

Schon im vergangenen Oktober hatten Massenproteste begonnen, die ein neues politisches System forderten. Die Korruption ist im Libanon allgegenwärtig und hat maßgeblich zum Verfall des Landes beigetragen. Die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise geht nicht zuletzt zurück auf eine Art Schneeballsystem über Staatsanleihen, mit dem sich die Elite über Jahre hemmungslos an den knappen Ressourcen bedient hat.

Den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete kann der Libanon nur mit internationaler Hilfe schaffen. Die Schäden gehen in die Milliarden. Kritiker werfen der Elite vor, sie wolle nur ihren Reichtum retten, nicht einen Staatszerfall verhindern. Reformen scheiterten auch an der ohnehin komplizierten Machtverteilung in dem kleinen Land.

Schwer getroffen werden auch die mehr als eine Million syrischen Flüchtlinge im Land, von denen viele seit Jahren in Armut leben, ohne Aussicht auf Besserung. «Die Explosion hat mich an die schweren Bombardierungen in meiner Heimatstadt Aleppo erinnert», sagt die 40 Jahre alte Instar al-Salih aus Nordsyrien, die mit ihren fünf Kinder in einem Raum unweit des Katastrophenortes lebt. «Das ganze Fenster stürzte auf uns herab.»

(L'essentiel/SDA)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Love am 06.08.2020 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie immer. Mit internationaler Hilfe werden wieder Milliarden in das Land gepumpt. und die korrupten Staatsoberhäupter bleiben weiter an der Macht und zocken das Geld dann wieder in ihre eigene Taschen.

  • kaa am 07.08.2020 10:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    och ouni déi lescht Katastrophe ass den Libanon zum Spillball zweschen Iran, Saudis, Europa degradéiert. War emol een wonnerschéint Land. Den normalen Bierger schamlos ass ausgenotzt gin vun séngen korrupten Eliten a korrupten Eliten. Hoffen datt international Hellef bei denen Richtigen ukönnt.

  • WhaleWhisperer am 07.08.2020 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    Im Bereich von Produktion, Lagerung, Transport gefährlicher Chemikalien muss es mehr internationale Zusammenarbeit und Aufsicht geben. Im Beiruter Hafen waren die Chemikalien vor 5 Jahren (!!!) nach einer Schiffshavarie an Land gebracht worden, in viel zu grosser Menge und am falschen Ort am Rande einer Grossstadt (!!!) unsachgemäss auf unbestimmte Zeit eingelagert worden. Die internationale Gemeinschaft hätte schon damals mit Rat und Tat bei der Evakuierung des Materials vom Schiff helfen müssen. Die UNO müsste Kontrollen machen wie in der EU üblich.

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  • WhaleWhisperer am 07.08.2020 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    Im Bereich von Produktion, Lagerung, Transport gefährlicher Chemikalien muss es mehr internationale Zusammenarbeit und Aufsicht geben. Im Beiruter Hafen waren die Chemikalien vor 5 Jahren (!!!) nach einer Schiffshavarie an Land gebracht worden, in viel zu grosser Menge und am falschen Ort am Rande einer Grossstadt (!!!) unsachgemäss auf unbestimmte Zeit eingelagert worden. Die internationale Gemeinschaft hätte schon damals mit Rat und Tat bei der Evakuierung des Materials vom Schiff helfen müssen. Die UNO müsste Kontrollen machen wie in der EU üblich.

  • kaa am 07.08.2020 10:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    och ouni déi lescht Katastrophe ass den Libanon zum Spillball zweschen Iran, Saudis, Europa degradéiert. War emol een wonnerschéint Land. Den normalen Bierger schamlos ass ausgenotzt gin vun séngen korrupten Eliten a korrupten Eliten. Hoffen datt international Hellef bei denen Richtigen ukönnt.

  • Love am 06.08.2020 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie immer. Mit internationaler Hilfe werden wieder Milliarden in das Land gepumpt. und die korrupten Staatsoberhäupter bleiben weiter an der Macht und zocken das Geld dann wieder in ihre eigene Taschen.