Billig, billiger, britisch

10. Mai 2012 14:01; Akt: 10.05.2012 14:42 Print

Vaginal-Bling und Sozialneid

Vergessen Sie MTV-Show «Jersey Shore»! Wer es so richtig derb, trashig und tussig mag, sieht sich am besten beim britischen Reality-TV um.

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Wer je einmal einen Samstags-Ausgang in einer durchschnittlichen englischen Stadt erlebt hat, weiß Bescheid: Auf der Insel sind die Miniröcke kürzer, der Alkohol fließt schneller und die Moral sitzt dementsprechend tiefer als auf dem Kontinent. Wer sind die Vorbilder dieser Blüten britischer Tugend? Wohl kaum die dezente Förmlichkeit der Queen und ihrer Familie. Nein, Ikonen und Opinion-Leader der Partyszene in Britannien sind - wie anderswo auch - TV-Stars und Reality-Sternchen. Nur dass diese im Vereinigten Königreich blonder, vollbusiger und blingbehangener als anderswo sind.

Schlägeln und Schlucken

Fallbeispiel «Geordie Shore», die erste offizielle ausländische Adaption von «Jersey Shore» (hier begleitete MTV junge Amerikaner beim Sommerurlaub): «Ein buntes Kaleidoskop von Sixpacks, Wodka-Shots, Schlägereien, simulierter Fellatio und entblößten Brüsten», wie TV-Kritiker Christopher Hooton die Sendung beschrieb, die eine Gruppe junger Damen und Herren aus dem nordenglischen Newcastle thematisiert. Hooton konstatierte aber, dass Kritik an der Show per Definitionem unsinnig sei: «Schockiert über die Lüsternheit von 'Geordie Shore' zu sein, ist dasselbe, wie sich über den Mangel an Nährwert in einer Packung Instant-Nudeln zu echauffieren.» Eine Parlamentsabgeordnete für Newscastle beschrieb die Show als «hart an der Grenze zu Pornografie».

Bald steht die dritte Staffel an: Die Geordies gehen zum US-Springbreak in Cancún. Ungefähr so, als würde eine Rugby-Mannschaft ein American-Football-Spiel aufmischen. Und die Football-Spieler dürfen keine Helme tragen.

Schmuck für die Scham

Die erste Reality-Show der Insel, die als Antwort auf «The Hills» oder «Jersey Shore» wahrgenommen wurde, ist «The Only Way Is Essex» - kurz TOWIE. Die Parallelen zum US-Vorbild liegen auf der Hand. Wie der Bundesstaat New Jersey gehört die ostenglische Grafschaft Essex zur Agglomeration der nahe gelegenen Weltstadt. Doch das Aller-Allerwichtigste, das die Sendung hervorbrachte, ist, dem Vaginal-Schmuck-Trend «Vajazzle» zum Durchbruch zu verhelfen. Nach der Episode, in der die Kosmetikerin Amy Childs ihrer Kundin etwas Bling für ihr Ding empfahl, gab es in ganz Großbritannien nur noch ein Gesprächsthema. Inzwischen parlieren US-Stars wie Jennifer Love Hewitt in Talkshows darüber, wie sie sich Vajazzle-Strasssteine anbringen ließen. Die transatlantische «Special Relationship» gilt offenbar weiterhin.

Sozialneid und Skipisten

Während «Geordie Shore» und TOWIE auf Proll-Appeal aufbauen, setzt «Made In Chelsea» komplett auf Sozialneid. Denn hier geht es um die Reichen und Schönen von West London. Während die Protagonisten von «Geordie Shore» oder TOWIE Visagistinnen, Seite-3-Girls und Fitness-Instruktoren sind, wird man bei MiC mit Diamantenhändler-Erben, Fashion-Blogger und Models konfrontiert. TOWIE soll gefälligst den Bediensteten-Eingang benutzen. Wie bei den anderen Shows geht es weiterhin um den üblichen Beziehungsknatsch, nur dass die Liebenden auf Skipisten in Verbier und in Hinterzimmern von Investment-Banken wandeln. Oder wie es Keith Watson von der Tageszeitung «Metro» ausdrückte: «Die Teilnehmer sind schlanker, geschmeidiger, begüterter und honigfarbener als ihre Essex-Gegenstücke.» Die Show ist ein voller Erfolg.

Deprimierende Busenwunder

Leider konnte «Desperate Scousewives» nicht an den Erfolg der Konkurrenz aus Essex, Chelsea und Newcastle anknüpfen. Selbst Fans von britischem Billig-Bling durchschauten den Mitläufer-Aspekt der Show, die von konsumbesessenen Liverpoolerinnen handelt. Obwohl die Haare noch gefärbter, der Selbstbräuner noch orangefarbener und die Brüste noch künstlicher sind als die ihrer ostenglischen Kontrahentinnen, wurde die Show nach acht Episoden abgesägt.

Keith Watson beschrieb die Show als «deprimierend». Man schleppe lediglich die TOWIE-Vorlage nach Liverpool, «wo man bei Ankunft den wahrlich deprimierendsten Haufen Wannabes begegnet seit ... nun seit der Lancierung der letzten dieser unrealistischen Reality-Shows. Nach fünf Minuten Beisammensein mit Amanda, Joe, Layla und Giftbloggerin Jaiden war mein Vertrauen in die menschliche Natur erschüttert.»

Wie unterschiedlich erfolgreich die Shows auch sind, jede einzelne bot ihren Teilnehmern bisher eine Karriere-Plattform. Amy Childs aus TOWIE lanciert zur Zeit ihre US-Karriere (auf die heute übliche Art – nämlich sich Blog-konform in Hollywood-Hotspots in sexy Bekleidung den Paparazzi zu präsentieren). Selbst die brachliegenden Scousewives konnten eine Boutique mit eigener Modelinie eröffnen. Und torkelnd aus Londoner Nachtclubs wird man sie alle noch lange zu sehen bekommen. Geri Halliwell und Katie Price schufen anno dazumal das Ideal, aus dem heute eine ganze Industrie entstanden ist.

Die Vajazzle-Episode aus TOWIE:

Die schicke Variante: «Made in Chelsea»

Scousewives gefällig?

(L'essentiel Online/)