Özil und Erdogan

23. Juli 2018 16:17; Akt: 23.07.2018 16:18 Print

Wie ein Bild den Weltmeister stürzte

Mitte Mai posierte Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, nun trat er aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Wie es dazu kam.

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Es ist nicht neu, dass Bilder eine ungeheure Kraft entfalten können. Und doch ist es immer wieder bemerkenswert, was ein einziges Foto auslösen kann. Welche Debatten es provozieren oder befeuern kann, wie sich die Geister daran scheiden. Mesut Özil wüsste aus eigener Erfahrung eine längere Geschichte zu erzählen, die aufzeigt, welch weitreichende Konsequenzen es hat, wenn man sich zum falschen Zeitpunkt mit den falschen Personen ablichten lässt.

Özil, dessen Eltern aus der Türkei stammen, wurde in Deutschland geboren, er wuchs in Deutschland auf, er spielte für die deutschen Nachwuchsauswahlen. 2007 gab er seinen türkischen Pass ab und entschied sich, auch auf höchster Stufe für Deutschland aufzulaufen, was selbst im engsten Familienkreis zu Diskussionen führte. Sein Vater, der als Zweijähriger nach Deutschland gekommen war und auch deutscher Staatsbürger ist, und sein Bruder sprachen sich für die DFB-Elf aus, die Mutter und der Onkel hätten ihn lieber im Türkei-Trikot gesehen.

Vier Treffen ohne Folgen

Die Fragen nach der Zugehörigkeit, die Diskussionen über seine Herkunft begleiten Özil schon seit der Kindheit. Die innere Zerrissenheit ist auch bei ihm – wie bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund – ein Dauerthema. «Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht – bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fußballer gemessen werden – und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun», sagte er einmal dazu.

An Weihnachten 2011, als er sein Geld noch bei Real Madrid verdiente, traf er in Ankara offiziell zum ersten Mal den damaligen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und überreichte ihm ein Trikot. Ein Aufschrei in Deutschland? Mitnichten. Ein Jahr später, als die beiden in Madrid wieder zusammenkamen, interessierte das ebenfalls kaum jemanden. Auch als er Erdogan im Januar 2016 und im Oktober 2017 erneut traf, blieb die Kritik in der Heimat aus, obwohl sich Erdogans autokratische Tendenzen längst akzentuiert hatten.

Vom Musterbeispiel zum Sündenbock

Im Mai 2018 begegneten sich der Arsenal-Profi und der türkische Machthaber in London, mit dabei waren Manchester Citys Ilkay Gündogan – auch er deutscher Nationalspieler – und Evertons Cenk Tosun, der in Wetzlar geborene türkische Nationalspieler. Das Trio übergab Erdogan Trikots, dessen Partei AKP verbreitete die Bilder via Twitter-Account und instrumentalisierte die Spieler so für den Wahlkampf.

Die Reaktionen in der Heimat von Fans, von Exponenten aus Sport und Politik waren heftig. Zuerst konzentrierte sich die Kritik auf Gündogan und Özil, später rückte Gündogan immer mehr in den Hintergrund. Wurde Özil, der seine Karriere 2014 mit dem WM-Titel krönte, jahrelang als Musterbeispiel für gelungene Integration gefeiert, stand er plötzlich allein im Gegenwind – erst recht, als Deutschland bei der WM in Russland blamabel scheiterte und ein Sündenbock gesucht wurde.

Über zwei Monate lang schwieg Özil eisern, ehe er seine Gedanken zur Erdogan-Affäre auf Twitter ausführlich darlegte und zur dreiteiligen Abrechnung ausholte. Darin ging er mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dessen Präsidenten Reinhard Grindel besonders hart ins Gericht. «In seinen Augen bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und Einwanderer, wenn wir verlieren», schrieb Özil und fragte: «Mein Freund Lukas Podolski und Miroslav Klose wurden nie als deutsch-polnisch bezeichnet. Wieso also ich? Weil es die Türkei ist? Weil ich Muslim bin?»

Was mit dem Auslöser einer Kamera begann, endete mit einem Abschied. Seit Sonntag ist Mesut Özil nicht mehr deutscher Nationalspieler.

Die Chronologie der Erdogan-Äffäre sehen Sie in der Bildstrecke.

(L'essentiel)

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