Debatte um Özil

23. Juli 2018 18:34; Akt: 23.07.2018 18:36 Print

«Das ist Rassismus, eindeutig»

Mesut Özil sei in der Nationalmannschaft für seine Wurzeln kritisiert worden, so ein Experte. Er sieht ein problematisches Muster bei der Integration von türkischstämmigen Deutschen.

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Mit seinem überraschenden Austritt aus der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag heizt Mesut Özil die Debatte um türkischstämmige Deutsche erneut an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dem Fußballer Respekt für seine Leistung gezollt. Deutschland sei ein «weltoffenes Land», hieß es am Montag in Berlin. Doch der Sozialforscher und Türkeikenner Ahmet Toprak von der Fachhochschule Duisburg erkennt im Fall Özil ein grundlegendes Muster, wonach Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland generell einen schweren Stand haben.

Herr Toprak, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie vom Austritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft hörten?
Natürlich war es von Mesut Özil und seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan ein Fehler, sich im Vorfeld der WM mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren zu lassen. Ich denke, das haben die beiden auch eingesehen. Was aber danach geschah, hat mit dem Foto nichts zu tun. Hier entzündeten sich rassistische Gedanken, die im Keim schon lange zu spüren sind in Deutschland.

Sie sprechen von Ressentiments gegenüber türkischstämmigen Mitbürgern?
Genau. Man muss ja auch sehen, dass Özil nicht nur für seine sportlichen Leistungen kritisiert wurde, sondern für seine Wurzeln. Er ist wie sein Vater in Deutschland aufgewachsen, besitzt ausschließlich den deutschen Pass, wird aber dennoch von vielen als Türke wahrgenommen. Und als solcher gilt für ihn nicht der gleiche Maßstab wie für andere Fußballer. Langzeitstudien belegen, dass circa 30 bis 35 Prozent der deutschen Bevölkerung Muslimen gegenüber Vorbehalte hat oder Muslime ablehnt. Das hat sich jetzt entzündet.

Haben deutsche Nationalspieler wie Özil einen schwereren Stand als etwa Jérôme Boateng?
Ja. Boateng oder Sami Khediara haben zum Beispiel jeweils eine deutsche Mutter. Diese Spieler haben es aufgrund ihrer bikulturellen Herkunft einfacher, von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Für sie ist es auch einfacher, sich zu Deutschland zu bekennen.

Ist das ein Gefühl, das türkischstämmige Bürger in Deutschland kennen?
Ja. Mit türkischer Abstammung muss man in Deutschland stets 105 Prozent leisten, um für voll genommen zu werden. Stärken werden von der Öffentlichkeit wenig beachtet, während Fehler in der Wahrnehmung stark gewichtet werden.

Wie wirkt sich Özils Entscheidung auf das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland aus?
Ich beobachte zwei Ebenen: In der türkischen Presse wird Özils Schritt als konsequente Haltung gefeiert. In Deutschland jedoch sehen sich die türkischstämmigen Mitbürger in ihrem Gefühl bestärkt, dass sie hier nicht wirklich erwünscht sind. Oder nur so lange, wie sie eine überdurchschnittliche Leistung erbringen.

Kann man von Rassismus sprechen?
Das ist latenter und offensichtlicher Rassismus, eindeutig.

Wie wird Özils Austritt von der türkischen Diaspora aufgefasst?
Hier bestätigen sich Dinge, die die Türkischstämmigen bereits gefühlt haben. Die Opferhaltung wird sich leider bei einigen weiter verstärken.

Kommt jetzt Bewegung in die Debatte um die nationale Identität?
Die Debatte wird bestimmt angeheizt. Das Problem ist, dass sich beide Lager in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Die Kritiker sehen Özils Abgang als Etappensieg, auf den sie aufbauen können. Die türkischen und muslimischen Bürger haben nun einen greifbaren Beweis dafür, dass man sie hier nur duldet, nicht aber wünscht.

Denken Sie, Özil wollte mit seinem Austritt ein Zeichen setzen?
Die Fußballnationalmannschaft hat im Bezug auf Identität in einem Land natürlich eine große Strahlkraft. Ich fürchte aber, dass Özil nicht jenes Umdenken herbeiführen wird, das er sich womöglich erhofft hat.

Hätte Mesut Özil Ihrer Meinung nach anders reagieren sollen?
Er hätte gut daran getan, sich weiterhin über sportliche Leistungen zu empfehlen – im Verein und in der Nationalmannschaft. Andererseits weiß ich nicht, was sich da während der WM hinter den Kulissen alles abgespielt hat. Özil hat ja nur angedeutet, dass es Meinungsverschiedenheiten gab zwischen ihm und dem Direktor der Deutschen Fußballverbands, Oliver Bierhoff. Persönlich halte ich Özils Entscheidung, die Mannschaft zu verlassen, zum jetzigen Zeitpunkt für denkbar falsch.

(L'essentiel/Stefan Strittmatter)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jean J. am 24.07.2018 08:03 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Quatsch, was dieser sogenannte Experte verzapft. Hätte Özil sich nicht zu einem Diktator bekannt, wäre alles in Butter und man würde ihn immer noch respektieren können. Mit seinen rezenten Aussagen befördert er sich aber immer mehr ins Abseits. Und es ist egal, ob er Türke, Deutscher oder Mongole ist.

  • remo raffaelli am 24.07.2018 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Özil komm nach Luxemburg die holen dich gerne auf , F91 oder F93 da sind sowieso keine Luxemburger mit in der Partie die sind Rassistenfrei , bring aber viele Tore mit.

  • Saupreis am 23.07.2018 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer das gleiche. Er hat sich doch mit dem Dackel vom Bosporus ablichten lassen. Er hat sich doch geweigert, bei Spielen die Nationalhymne mitzusingen. Und jetzt, wo die Leute sauer auf ihn sind, sind alle die bösen, nur er nicht. Das ist typisch türkisch. Jetzt so zu tun, als sei er schockiert, ist ein Kalkül, weil er genau weiss, das er nicht mehr aufgestellt wird

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bibou am 24.07.2018 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie heist es , Bildung ist das aller Wichtigste. Davon hat er leider zu wenig bekommen sonst wäre all das nie Zustande gekommen.

    • Sylvie am 24.07.2018 13:43 Report Diesen Beitrag melden

      Bibou, nicht nur er, sondern auch der DFB und die leider immer zahlreicher werdenden "Rechten" in Deutschlan.

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  • Jos61 am 24.07.2018 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doppelte Nationalität ist wie Bigamie, man sollte sich entscheiden müssen entweder die eine oder die andere Nationalität alles andere ist meiner meinung nach falsch

    • remo raffaelli am 25.07.2018 07:49 Report Diesen Beitrag melden

      Genau Richtig JOS 61, bin 100% als Italiener geboren und habe mit 26 Jahre Luxemburger machen lassen.Möchte daher keine Italieniche Nazionalität mehr haben, ich bin und bleibe Luxemburger mit einem Pass der mir Wichtiger ist alles alles andere.

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  • John Doe am 24.07.2018 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Hierzu mal das Interview von Ünsal Arik in der FAZ (Frankfurter Allgemeine: FAZ punkt NET) lesen.

  • remo raffaelli am 24.07.2018 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Özil komm nach Luxemburg die holen dich gerne auf , F91 oder F93 da sind sowieso keine Luxemburger mit in der Partie die sind Rassistenfrei , bring aber viele Tore mit.

  • Jean J. am 24.07.2018 08:03 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Quatsch, was dieser sogenannte Experte verzapft. Hätte Özil sich nicht zu einem Diktator bekannt, wäre alles in Butter und man würde ihn immer noch respektieren können. Mit seinen rezenten Aussagen befördert er sich aber immer mehr ins Abseits. Und es ist egal, ob er Türke, Deutscher oder Mongole ist.