Schattenseiten der EM

07. Juni 2012 17:18; Akt: 07.06.2012 18:09 Print

Angst vor Rassisten und Hooligans

Vor keinem Turnier war die Angst vor Gewalt und Rassismus so groß wie vor der EM in Polen und der Ukraine. Einen Tag vor Beginn bleibt nur eine hilflose Hoffnung.

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Ukrainische Rechtsextremisten am 12. September 2011 bei einem «Patriotischen Festival» in Lviv. (Bild: AFP)

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Vor der EM in Polen und der Ukraine ist die Gefahr von Fan-Ausschreitungen und Randalen so groß wie noch selten vor einer EM-Endrunde. Insbesondere seit der englische TV-Sender BBC eine Dokumentation zum Thema ausgestrahlt hat, fürchtet man sich vor Gewaltausbrüchen und Spielerbeleidigungen.

Die schockierenden Bilder der umstrittenen Reportage zeigen hunderte ukrainische Fans, die in einem Stadion gleichzeitig die Hand zum Hitlergruß heben. Wenig später werden asiatische Besucher von Hooligans krankenhausreif geschlagen. Die Anzeichen für Rassismus bestürzen verschiedene farbige Fußballer. Die Familien der englischen Nationalspieler Theo Walcott und Alex Oxlade-Chamberlain wollen aufgrund der Vorfälle auf eine Reise in die Ukraine verzichten.

«Bleibt zuhause!»

Der einstige Nationalverteidiger Sol Campbell warnte vergangene Woche alle Fans vor einer Reise in die Ukraine. Seine Aussage gegenüber der BBC war äusserst deutlich: «Bleiben Sie zu Hause, sehen Sie sich die Spiele im Fernsehen an. Riskieren Sie nichts, sonst könnten Sie am Ende in einem Sarg zurückkommen.»

Auf polnischen Internetseiten wimmelt es auch von Drohungen gegen die Deutschen. Das Team von Jogi Löw spielt zwar in der Ukraine, von der polnischen Grenzstadt Przemysl nach Lemberg, wo die erste Partie am 9. Juni gegen Portugal steigt, sind es aber weniger als 100 Kilometer. Ausserdem residiert die DFB-Elf in der Nähe von Danzig.

11 000 Polizisten im Einsatz

Im Internet kursieren unzählige Videos, die brenzlige Situationen in polnischen Stadien zeigen. Fangewalt gehört in Polen zum Alltag. Rund 5000 Hooligans sind aktenkundig. Sie gelten als die gefährlichsten in Europa. Die polnische Polizei will mit Schnellgerichten und drastisch verschärften Sicherheitsmassnahmen die Lage in den Griff bekommen. Dank des Verkaufs von personalisierten Tickets und der hohen Sicherheitsstandards rund um die Stadien ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es dort relativ ruhig bleibt. Allein in Polen sind rund 11 000 Polizisten im Einsatz, um die vier EM-Austragungsorte zu sichern.

Hilflose Appelle zum Alkohol-Verbot

Juliusz Gluski, der Media Relations Officer der Euro 2012, betont, dass er keine Bedenken um die Sicherheit der Fans im Stadion habe. «Wir werden keine Hooligans im Stadion haben. Leute mit Stadionverboten gelangen unmöglich rein», sagt er gegenüber 20 Minuten Online. Er ist sich sicher, dass die Fans der Nationalmannschaft friedlicher seien als die berüchtigten Klubfans. Die Uefa hofft ausserdem, dass die hohen Ticketpreise die Hooligans abschrecken werden. Aber was passiert ausserhalb der Stadien? Kriegt man die Fans unter Kontrolle?

Die Beteuerungen und Appelle wirken zeitweise hilflos. Die einflussreichen römisch-katholischen Bischöfe des Landes riefen zum Alkoholverzicht während des Turniers auf - und meinten dies ernst. Auch Uefa-Präsident Michel Platini scheint sich an das Prinzip Hoffnung zu klammern: «Ich glaube, das Turnier wird ein großer Erfolg, und ich hoffe, die Fans werden sich benehmen, aber wir werden sehen.» Überzeugung klingt irgendwie anders.

(Franziska Burkhard / L'essentiel Online)