Fussball-Europa

28. Mai 2019 11:51; Akt: 28.05.2019 11:54 Print

Fünf Gründe für Englands Dominanz

Die englischen Clubs machen die europäischen Titel in dieser Saison unter sich aus – fünf Gründe dafür.

storybild

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der FC Liverpool und Tottenham Hotspur kämpfen am Samstag in Madrid um die Krone des europäischen Clubfußballs. Drei Tage zuvor, am Mittwoch, geht es in Baku um den Titel der Europa League: Chelsea und Arsenal stehen sich gegenüber. Betrachtet man ihre Entwicklung, die Konkurrenz, die heimische Liga und die Finanzkraft, so war die Dominanz der englischen Teams überfällig.

1. Taktische Fortschritte

Kick and Rush – diese Spielweise stand lange Zeit für den englischen Fußball. Englische Mannschaften sind seit jeher für ihren Kampfgeist, den Willen und ihren Glauben bis zur letzten Sekunde bekannt. Die Engländer – zusammen mit den Deutschen – bilden auch physisch das Nonplusultra im europäischen Fußball. Taktisch hingegen hinkten die Briten den anderen Topligen Europas bisher stets hinterher.

Die Engländer sind keine Italiener. Es entspricht nicht ihrem Naturell, mit Mann und Maus zu verteidigen und einen Abwehrriegel vor den eigenen Strafraum zu schieben. Sie sind auch keine Spanier, führten noch nie die allerfeinste Klinge, und geduldiges Hin-und-Herschieben des Balls gehörte nie zu ihren Stärken. Im Geburtsland des Fußballs wird die Sportart anders interpretiert als im Rest der Welt. Hart geführte Zweikämpfe, lange Bälle und Flanken werden von den Fans erwartet und honoriert.

Doch der englische Fußball hat sich gewandelt. Die Spitzenmannschaften der Premier League stehen heute defensiv stabil, sind gefährlich bei stehenden Bälle, schalten blitzschnell von Defensive auf Offensive um und umgekehrt. Sie lassen den Ball auch gekonnt in den eigenen Reihen laufen und bestimmen so das Tempo des Spiels. Mal greifen sie mit Tempovorstößen über die Flügel an, mal verschleppen sie das Spiel, um im richtigen Moment einen öffnenden Pass in die Schnittstelle oder in die Tiefe zu spielen.

Ihr Spiel wirkt unberechenbar. Mit ihrem unbändigen Vorwärtsdrang erzwingen sie in dieser Saison das Glück. Auch im Spiel ohne Ball sind die Briten nun flexibler. Sie sind sowohl mit Offensivpressing erfolgreich in der Balleroberung als auch durch kompaktes Verschieben in der eigenen Platzhälfte. Der scheinbar perfekte Mix aus Offensive und Defensive, den die Premier-League-Teams diese Saison wie noch nie zuvor zelebrieren, ist spektakulär, erfolgreich, und vor allem reißt er die Zuschauer förmlich aus ihren Sitzen. Taktisch sind die Engländer nun also endlich auf dem allerhöchsten Niveau angekommen.

2. Ausländische Trainer

Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind zweifelsohne die Einflüsse der ausländischen Trainer in der Premier League. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die finanzstarken englischen Clubs die besten europäischen Trainer auf die Insel lotsen.

Arsène Wenger gilt als Revolutionär. Er war der Erste, der auf der Insel einen auf Ballbesitz ausgerichteten Fußball spielen ließ und damit Erfolg hatte. Noch heute ist der Franzose der einzige Trainer, der seine Mannschaft zum Meistertitel führte, ohne ein einziges Ligaspiel zu verlieren. Nach Wengers großer Errungenschaft wurden immer mehr nicht britische Trainer in der Premier League verpflichtet. Die Trainer der momentan besten acht Mannschaften der höchsten Spielklasse Englands kommen alle von außerhalb Großbritanniens. Die sechs englischen Trainer, welche in der Premier League beschäftigt sind, belegten Ende Saison mit ihren Teams die Ränge 12, 14, 15, 17, 18 und 19. Der einzige britische Trainer, welcher mit seiner Mannschaft in den Top Ten der Premier League steht, ist der Nordire Brendan Rodgers. Zum Saisonabschluss belegte er mit Leicester City den neunten Platz.

3. Die spanischen Teams schwächeln

Die letzten fünf Champions-League-Titel gingen nach Spanien – viermal Real Madrid, einmal Barcelona (2015). Real und Atlético Madrid schwächelten in dieser Saison. Nach guten Auftritten in der Gruppenphase war für beide im Achtelfinale Schluss – Real scheiterte spektakulär an Ajax Amsterdam, Atlético an Juventus Turin. Wie es Barcelona gegen Liverpool erging, ist noch in bester Erinnerung. Erstmals seit 2013 steht kein spanisches Team im Endspiel der Königsklasse.

Ein englisches Weiterkommen in einem Duell Premier League gegen La Liga in der K.-o.-Phase der Königsklasse ging in der Vergangenheit nur selten zugunsten der Briten aus. In den letzten fünf Jahren war dies vor Liverpool nur Leicester City gelungen, im Achtelfinale 2017 gegen den FC Sevilla. Eine Runde später kam das Out gegen Atlético. Achtmal seit 2014 scheiterten die englischen Clubs an spanischen Teams.

Ein ähnliches Bild in der Europa League. Seit der Einführung des Wettbewerbs 2009 ging der Titel sechsmal nach Spanien (3 x Atlético, 3 x FC Sevilla), zweimal nach England (Chelsea, Manchester United) und einmal an den FC Porto. Auch hier ist die Dominanz der Spanier deutlich. Wie in der diesjährigen Champions League waren auch in der Europa League die englischen Teams zur Stelle und nutzten die Krise der Iberer umgehend aus.

4. Starke Konkurrenz in der heimischen Liga

Für die Engländer spricht auch, dass sie in der heimischen Liga härter gefordert werden als andere europäische Spitzenteams. Paris Saint-Germain hat in Frankreich keine echte Konkurrenz. In Deutschland ist nach Jahren der bayrischen Dominanz zumindest in dieser Saison etwas Spannung zurückgekehrt, dies ist jedoch eher den schwächelnden Münchnern geschuldet als der erstarkten Konkurrenz. Und selbst wenn es in Italien in seltenen Fällen mal jemand mit Juventus aufnimmt, setzen sich am Ende doch die Turiner im Titelkampf durch. In Spanien sind es in den vergangenen Jahren zumindest drei Teams, die kontinuierlich vorne dabei sind: Barça, Real und Atlético.

Anders ist die Situation in England. Manchester City und Liverpool kämpften lange um die Meisterschaft. Hinter ihnen klafft eine Lücke zu Chelsea, Tottenham und Arsenal. Die drei Londoner Clubs sind aber ohne Frage Topmannschaften, die die Spitze im Direktduell fordern. Und hier liegt der Vorteil für die Premier League: Bei fünf, sechs Topmannschaften in der eigenen Liga wird man pro Saison zehn-, zwölfmal gefordert. Wer in der Liga kämpfen muss, braucht ein breites Kader, um in allen Wettbewerben zu bestehen. Dies ist in England der Fall: 6 der 12 wertvollsten Kader im Weltfußball sind in der Premier League aktiv.

5. TV-Millionen geben finanziellen Spielraum

Es liegt auf der Hand: Ein gutes und breites Kader kostet viel Geld. Hier haben die englischen Clubs klare Wettbewerbsvorteile – keine Liga vermarktet sich so gut wie die Premier League, nirgendwo bekommen die Clubs so viele TV-Millionen wie im Königreich. 2016 begann eine neue Zeitrechnung. Die TV-Rechte wurden vom Ligaverband für drei Jahre bis 2019 für 6,9 Milliarden Euro verkauft, also 2,3 Mrd. pro Saison. Der neue TV-Vertrag soll diesen Rekordvertrag übertreffen. Die anderen Topligen erhalten maximal die Hälfte dieser Summe für ihre Übertragungsrechte. Über viel Geld verfügen die englischen Clubs schon länger, aber nun scheint es so, als würde es auch erfolgsbringend eingesetzt.

(L'essentiel)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleißig – Tag für Tag gehen Hunderte Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in einer Fremdsprache verfasst. Wir geben nur Kommentare in den Landessprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch frei. Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten, werden sofort gelöscht. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar oder in Versalien geschrieben sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken.

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

«L'essentiel» ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@lessentiel.lu
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.