Querschnittgelähmte Kristina Vogel

25. Juni 2019 16:46; Akt: 25.06.2019 16:48 Print

«Da gab es auch Hasstiraden»

Radfahrerin Kristina Vogel ist seit einem Trainingsunfall querschnittgelähmt. Gegen den Unfallverursacher hegt sie keinen Groll.

Kristina Vogel spricht über ihre Querschnittlähmung. (Video: Tamedia/AP)

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Kristina Vogel, am Mittwoch jährt sich Ihr schlimmer Trainingsunfall das erste Mal. Wie geht es Ihnen heute?

Gut. Es ist stressig. Reha, Fraktionssitzung, der Jahrestag – aber früher war es nicht anders. Solange es Spaß macht, ist alles gut.

Sie sprechen den Tag des Unfalls an. Wie sehr kommen die Geschehnisse wieder zurück ins Bewusstsein?

Eigentlich nur, weil die Anfragen nun so enorm sind. Im Alltag habe ich es fast vergessen.

Waren Sie seitdem noch einmal auf der Radrennbahn in Cottbus?

Nein, es ist auch nicht in Planung. Nicht, weil ich den Ort meiden will. Ich hege keinen Groll auf den Bahnradsport, sonst würde ich nicht Expertin beim ZDF werden. Den ersten Unfallort (Vogel hatte 2009 bereits einen schlimmen Trainingsunfall, Red.) habe ich damals ein halbes Jahr gemieden, aber mittlerweile fahre ich da ganz normal vorbei. Die Bahn in Cottbus ist kein Ort, den ich meiden möchte. Das ist ein Teil meiner Geschichte.

Gab es inzwischen Kontakt mit dem holländischen Juniorenfahrer, der den Unfall verursacht hat?

Nein, bislang nicht. Ich denke, es wird auf alle Fälle im privaten Rahmen passieren. Es ist eine Frage der Zeit. Es wird sicher emotional. Ich hege ihm gegenüber keinen Groll. Es dürfte auch für ihn nicht leicht sein, wenn es heißt, dass er die Beste im Radsport in den Rollstuhl gebracht hat.

Wenn Sie Ihr Jahr einmal Revue passieren lassen, was fällt Ihnen ein?

Es ist verrückt, was im letzten Jahr alles passiert ist. Mit Verlassen des Krankenhauses hat sich wahnsinnig viel ereignet. Wo ich am Anfang noch Angst hatte: Scheiße, wie kriege ich meinen Kalender oder Tag voll, da steht man auf einmal mitten im Leben drin.

Kristina Vogel hat ihren Lebensmut nicht verloren. (Bild: Getty Images)

Sie sind in den Erfurter Stadtrat gewählt worden. Wie ist das Leben als Politikerin?

Im September geht es richtig los. Ich möchte da keinen Bonus. Für mich ist es eine neue Erfahrung. Es ist krass, wenn man seine Meinung äußert und für etwas einsteht, dass man immer unheimlich angreifbar ist. Das musste ich auch bei meinen Social-Media-Aktivitäten brutal lernen. Ich habe total viele Follower verloren, nur weil ich gesagt habe, dass ich als Parteilose für die CDU kandidiere. Da gab es auch Hasstiraden.

Ist es generell einfacher, als frühere Weltklasse-Sportlerin die Menschen zu erreichen?

Ich hab lange überlegt, warum ich so ein gutes Wahlergebnis hatte. Was der Politik vielleicht fehlt, sind die Menschen und die Geschichte dazu. Es geht um Transparenz und Ehrlichkeit. Und da habe ich es vielleicht einfacher, weil man mich von früher kennt und mich einschätzen kann. Dass ich Sachen meine, wie ich sie sage und dass es meine Überzeugung ist. Weil ich die Themen als Schwerpunkt habe, die auch mein Leben sind: Sicherheit, Sport und Inklusion.

Sie sind heute Politikerin, Gastrednerin und Bahnrad-Expertin. Wie schwer war es, sich in dem neuen Leben zurechtzufinden?

Gar nicht. Ich bin da reingefallen. Es ist schön, was da momentan kommt. Ich sehe das als Privileg an, dass ich halt meine Geschichte erzählen darf. Ich habe 18 Jahre gemacht, was ich am meisten geliebt habe. Jetzt geht es halt weiter. Ich darf coole Sachen machen. Ich bin dankbar, dass ich die Chance bekomme. Ich lerne mich anders kennen.

Es heißt immer, dass Patienten nach so einem Schicksalsschlag irgendwann in ein Loch fallen. Wie war es bei Ihnen?

Es gab kein Loch, und ich weiß auch nicht, warum es kommen soll. Es ist, wie es ist. Es sind eher Momente, wo ich gerne mal gegen einen Schrank treten will, wenn etwas nicht klappt, aber das geht ja nicht.

Wo nehmen Sie Ihren Lebensmut her?

Ich versuche bei allem, das Positive zu sehen. Es heißt ja auch: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Manchmal ist man durch eine Tür durchgelaufen und weiß es nicht. Ich bin froh, dass so viel kommt, ich entscheiden kann und dass es nicht langweilig ist. Nur weil ich jetzt im Rollstuhl sitze, warum soll ich nicht genauso krass sein wie früher? Oder noch krasser. Ich war vor zwei Wochen Fallschirmspringen, 4000 Meter. Wahnsinn. Ich habe mir im Krankenhaus eine Liste gemacht. Da gibt es einige Punkte drauf. Das mache ich nach und nach. Die Liste ist nicht vollendet. Es kommt immer noch etwas drauf.

Was hat Ihnen in der Rehabilitation Probleme bereitet?

Geduld ist mein Unwort des Jahres 2018. Wie oft habe ich das im Krankenhaus gehört: Frau Vogel, haben Sie Geduld. Ich musste lernen, dass der Querschnitt viel entschleunigt. Die Sachen dauern halt viel länger als früher. Ich mache mir häufig mehr Gedanken über den Transfer zu einem Termin als über den Termin selbst. Auch das mit dem Autofahren war ein krasser Einschnitt. Ich habe am Anfang zwanzig Minuten zum Einsteigen gebraucht, mittlerweile mache ich das in drei bis fünf Minuten.

(L'essentiel/dpa)

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